Gästebuch Benno Schirrmeister

Benno Schirrmeister
© Goethe-Institut Tallinn

Über seine Eindrücke spricht der Journalist Benno Schirrmeister, der im Rahmen des Projekts Nahaufnahme im Herbst 2016 in Tallinn zu Besuch war.

In Estland hat mich überrascht…
...die heftigen, manchmal brutalen Kontraste – am sichtbarsten in der Stadt-Land-Siedlungsstruktur und in der Architektur, am inspirierendsten in der auf so engem Raum so extrem diversifizierten Theater-/Performing Arts-Szene und am schmerzhaftesten in der Sozialstruktur. Und wie weit weg das Meer sein kann, auch wenn man fast schon drinsteht (wenigstens in Haapsalu und Tallinn).

An Deutschland erinnert mich in Tallinn…
leider – man würde dem so gern entkommen und nichts als Differenz finden – viele Stätten und Orte, die ich teils durchquert, teils zufällig entdeckt und teils aufgesucht habe: Kalevi-Liiva, Ereda, Patarei, Klooga, Narva, Vaivara, Jõelähtme, die Bilder von Massengräbern im Okkupationsmuseum. Und natürlich die Inschriften in den Herren- und Bürgerhäusern und Kirchen, auf den besitzanzeigenden Grabplatten und auf den gegossenen Kanonen, die daran erinnern, dass seit der Bremer Domherr und Bischof von Riga, Albert von Buxthövede, hier im 13. Jahrhundert mit seiner Terrormiliz  eingefallen war, bis 1817 die Einheimischen meist durch Deutsche versklavt wurden. 

Ich habe für mich entdeckt …
dass in estnischen Dörfern bzw. außerhalb von ihnen, auf dem Festplatz im Wald, für den Jaanipäev riesige Schiffsschaukeln stehen, aus Holz, auf denen das Dorf oder große Teile seiner EinwohnerInnen offenbar bei festlichen Gelegenheiten noch immer schaukelt, wenn‘s geht bis zum Überschlag; dass es hier außer Russen und Ukrainern noch andere Minderheiten gab – zum Beispiel die heute fast ganz ausgestorbenen Woten und Ingermanen – und 1925 die vermutlich fortschrittlichste Minderheitengesetzgebung der Welt. Und dass eisgekühlter Wodka hervorragend zu Preiselbeeren passt.