Kaarel Eller Ein Leben zwischen zwei Muttersprachen

Kaarel Eller Kaarel Eller - Jurist, Berater im Büro des Rechtskanzlers

Fast mein ganzes Leben habe ich zwischen zwei Sprachen verbracht. Ich war zehn, als meine Mutter, die Germanistik-Dozentin war, 1991 einen Deutschen heiratete und wir nach Kiel zogen. In der Tallinner Partnerstadt Kiel kommt ein heimatliches Gefühl auf: An der Ostsee gelegen wie Tallinn; wie die Esten, sind die Leute in Schleswig-Holstein zurückhaltend – es braucht seine Zeit, bis sie sich öffnen. Natürlich war es am Anfang schwer, denn ich kam ja aus einem anderen Umfeld und musste gleich in die Schule gehen und neue Freunde finden. Zum Glück leben sich Kinder schnell ein und Deutsch haben wir wie auch Estnisch sowieso zu Hause gesprochen. In Mathematik ging es schnell voran, denn Zahlen lernen sich leicht. Jedoch in Naturkunde habe ich bis heute manchmal Schwierigkeiten, denn es kann passieren, dass mir der Name einer Pflanze weder in der einen noch in der anderen Sprache einfällt.

In den Sommerferien wurde ich immer nach Estland geschickt, damit die Verbindung zur Heimat und den Freunden hier bleibt. Jugendliche haben, glaube ich, in jeder Kultur die gleichen Probleme und Freuden. In Estland hörte man in den Neunzigern andere Musik. Meine deutschen Freunde interessierten sich mehr für Rock und Hip-Hop.

Zweisprachig aufgewachsen, entschied ich mich nach dem Abitur dennoch nach Estland zurückzukehren, um hier Rechtswissenschaften zu studieren. Meine Eltern haben mich dabei unterstützt und ich fühle mich immer noch stark mit Deutschland verbunden, ich habe mich dort auch mehrmals weitergebildet. 2008 nahm ich am Internationalen Parlaments-Stipendium teil und erhielt dadurch die Chance, 5 Monate im Deutschen Bundestag ein Praktikum im Büro eines Abgeordneten zu machen und gleichzeitig an der Humboldt-Universität zu Berlin zu studieren. 

Wenn ich etwas besonders vermisse, dann sind es vielleicht die Picknicks im Kieler Schrevenpark oder die festliche Kieler Woche: Die Leute kommen ans Meer, neben Konzerten kann man dort vieles andere genießen; das kann ich jedem nur empfehlen.

Einmal im Jahr fahre ich nach Deutschland – erst neulich habe ich ein paar Bundesligaspiele besucht. Ich bin mit dem Land, der Kultur und der Sprache praktisch mein ganzes Leben verbunden gewesen und beides, sowohl Estnisch als auch Deutsch, liegt mir gleichermaßen am Herzen wie eine Muttersprache.