Luukas Kristjan Ilves Die dritte Muttersprache aus München

Luukas Kristjan Ilves Luukas Kristjan Ilves - Berater für Digitale Fragen in der Ständigen Vertretung Estlands bei der EU

Für mich ist Deutsch die dritte Muttersprache. Ich wurde 1987 in München geboren, zuhause wurde Estnisch und Englisch gesprochen, aber als Dreijähriger kam ich in einen deutschen Kindergarten. Erinnerungen habe ich keine mehr, aber wahrscheinlich erlernte ich die Sprache in wenigen Monaten. Meine Mutter erzählte mir, dass ich als Zweijähriger ein großer Autofan war, wahrscheinlich war „Auto“ dann auch mein erstes Wort. Ich kann mich daran erinnern, dass wir sonntags mit der Familie unterwegs waren und ich meine Weißwurst und Bretzel bekam – noch heute ist dies für mich die Leib- und Magenspeise schlechthin.

Als ich fünf Jahre alt war, zogen wir nach Washington, wo mein Vater Toomas Hendrik Ilves Botschafter wurde. Dort wurde ich in eine deutsche Schule gesteckt. Bis zur vierten Klasse lernte ich in einer herkömmlichen deutschen Schule nach deutschem Lehrplan: Das war ein kombinierter Lehrplan aller Bundesländer speziell für die Bedürfnisse deutscher Diplomatenkinder. In meiner Klasse war ich aber nicht das einzige Kind, dass eine Verbindung mit Estland hatte: So kam die Familie meines Klassenkameraden Jakob Lambsdorff gerade aus Tallinn, wo sein Vater als Diplomat in der Deutschen Botschaft tätig gewesen war. Und zwanzig Jahre später schrieb mir an einem herrlichen kalten Tag im Februar ein anderer Klassenkamerad, Fabian Schlaga, in Facebook: Sein Vater ist Botschafter in Estland geworden, und er besucht ihn gerade in Tallinn. Was für ein Zufall – aus einer Hauptschulklasse einer deutschen Schule auf der anderen Seite des Atlantiks gibt es sogar drei Personen, die auf die eine oder andere Weise mit Estland verbunden sind.

Nach meinem Umzug nach Estland 1997 war das deutsche Fernsehen meine einzige Verbindung mit Deutschland. Als Zehnjähriger wurde ich Fan der TV-Serie „Star Trek“ und gewöhnte mich so sehr an die auf Deutsch synchronisierten Filme, dass mir später wieder in den USA „Star Trek“ im Originalton irgendwie ganz merkwürdig vorkam, die Stimmen waren einfach falsch. In den USA ging ich noch ein paar Jahre in eine deutsche Schule, aber nicht mehr aufs Gymnasium. Während meines Studiums war ich einen Sommer lang zu einem Praktikum in Berlin, da wurde überwiegend auf Deutsch gearbeitet. Bei meiner jetzigen Arbeit in Brüssel sind meine Deutschkenntnisse auch praktisch – es ist die dritte Arbeitssprache in Brüssel. Viele sprechen gerade Deutsch untereinander und wenn man ein Gespräch auf Deutsch beginnt, sind alle froh, es praktizieren zu können..