Briefblog Stadt der Türme und Kräne

Sag mal, Jaan ... ein Briefblog10
© Goethe-Institut Estland

Sag mal, Jaan Tamm, hast Du Angst vor dem Alten von Ülemiste?
Anders kann ich mir die Bautätigkeiten in diesem Jahr nämlich beim besten Willen nicht erklären.

Jeden Sommer ist es das Gleiche: Zigtausende Touristen strömen tagsüber durch die Stadt, die dann erfüllt ist von einem Wirrwarr aus Gesprächen und Gemurmel in allen Sprachen – oft nur übertönt von den Guides, die mit lauter Stimme oder lautem Mikro versuchen, sich Gehör zu verschaffen. Rings um die Altstadt versuchen derweil die Estinnen und Esten mit den quietschenden Straßenbahnen oder in ihren als SUVs getarnten dröhnenden Privat-Panzern zur Arbeit oder im besten Fall an Meer zu kommen. Großstadtleben eben, inklusive der dazugehörigen Geräuschkulisse.

Tallinn 2018, Stadt der Türme und Kräne Bild Tallinn 2018, Stadt der Türme und Kräne Bild | © Martinus Mancha In diesem Jahr aber ist alles anders. Das übliche Tallinner Klangensemble wird seit Monaten erweitert um ratternde Presslufthämmer, knarzende Kräne, ohrenbetäubend laute Rüttelplatten und das steinschlagartige Geräusch von Steinen, die vom Kipplaster gekippt werden. Ausgerechnet in der Jahreszeit, in der in Tallinn sonst gern mal ein bis zwei Gänge runter geschaltet wird, um die wenigen Monate Licht und Wärme kollektiv aufzusaugen, ist in diesem Jahr das Baufieber ausgebrochen. Überall wird gebaut, als gäbe es kein Morgen mehr: neue Apartmenthäuser für die obere Mittelschicht in Kalamaja (da wird es langsam ganz schön voll, oder?); ein neuer Bahnhof für die ganze Stadt – inklusive Shopping Mall natürlich; ein neues Hafenviertel ist auch schon im Bau, obwohl das angrenzende Rotermann-Viertel noch gar nicht fertig ist etc. pp. Ganz zu schweigen von den Straßenbauarbeiten rund um die Türme der Altstadt, die die Silhouette der Stadt seit Jahrhunderten prägen. Fröhlich wird seit Monaten der Asphalt hektoliterweise in die Häuserschluchten gekübelt und nicht minder enthusiastisch wird ein paar Kilometer weiter ein Teil der Strandpromenade für einen Zubringer zum Fährhafen geopfert, obwohl selbst die Stadtverwaltung nicht so ganz sicher scheint, ob das sinnvoll ist.

Ich will mich aber gar nicht darüber streiten, welche der Bauvorhaben nun nachvollziehbar sind, oder gar beschweren. Für mein kleines Kind gibt es schließlich nicht Schöneres als gefühlte Ewigkeiten den großen Baumaschinen bei der Arbeit zuzuschauen. Ich bin nur ehrlich erstaunt über die Quantität. Was ist da los, lieber Jaan?
 

  • Tagebau oder Baustelle? Die neue Tallinner Hafencity wächst aus tiefem Grund © Martinus Mancha
    Tagebau oder Baustelle? Die neue Tallinner Hafencity wächst aus tiefem Grund © Martinus Mancha
  • Bauen im Nebel. Das Noblessner-Areal erwacht zu neuem Leben © Martinus Mancha
    Bauen im Nebel. Das Noblessner-Areal erwacht zu neuem Leben © Martinus Mancha
Liegt es am Rekordsommer?

Oder gibt es noch EU-Fördermittel, die möglichst schnell aufgebraucht werden müssen? Dieses Phänomen kenne ich aus deutschen Kommunen zur Genüge.

Oder soll alles blitzen und blinken, wenn der Papst im September nach Tallinn kommt? War nur Spaß. Ich weiß, dass ihr mit der Kirche nicht viel am Hut habt.

Oder liegt es doch am Ülemiste-Alten? Du kennst doch die Legende, Jaan? Dieser alte Miesepeter soll ja seit Menschengedenken oben am Ülemiste-See hocken und nur darauf warten, die Stadt mit seinem Wasser überfluten zu können. Die alten Tallinner aber waren clever und haben ausgehandelt, dass er das erst machen darf, wenn die Stadt irgendwann fertig gebaut ist. So fragt er also Jahr für Jahr herum, ob die Stadt denn endlich fertig sei. Meine Vermutung: Ihr hattet Angst, dass Tallinn langsam fertig wird und irgendjemand es dem Alten verraten könnte. Bei all den Baggern, Baugerüsten und Kränen, die in diesem Jahr neben den vielen Türmen das Stadtbild prägen, wird aber wirklich niemand auf diese Idee kommen.

Die Frage ist jetzt nur: Was macht ihr, wenn die Bauarbeiten fertig sind? Vielleicht hätte man noch ein bisschen Arbeit für das nächste Jahr aufheben sollen.

Es grüßt herzlich,

Martinus Mancha