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„Die Welt wird eine andere sein“, Anne Zohra Berrached
Die zwei Gesichter des Fliegens

Filmstill aus „Die Welt wird eine andere sein“
Filmstill „Die Welt wird eine andere sein“ von Anne Zohra Berrached, 2021 | © Christopher Aoun / Razor Film 2021

Der dritte Spielfilm der Regisseurin, der im Rahmen des Programms Panorama der Berlinale 2021 gezeigt wurde, handelt von Liebe und Selbstbetrug vor dem Hintergrund des islamistischen Terrors.
 

Von Miguel Muñoz Garnica

In den ersten Minuten gibt Die Welt wird eine andere sein keine Hinweise auf das sumpfige Terrain, durch das der Film und führen wird. Auf den ersten Blick haben wir es mit einer „Mädchen trifft Junge“-Geschichte zu tun, die in eine Reihe von Kulturschocks eingebettet ist. Sie, Asli (Canan Kir), ist eine in Deutschland geborene Medizinstudentin mit türkischen Eltern. Er, Saeed (Roger Azar), ist ein Libanese aus einer wohlhabenden Familie, der zum Studium nach Deutschland geschickt wird, aber eigentlich Flugzeugpilot werden will. Als ihre Romanze trotz der Missbilligung von Aslis Familie aufkeimt, bricht die Regisseurin den naturalistischen Stil des Films mit einem markanten Kunstgriff: Die Protagonist*innen tun bei einer Umarmung so, als würden sie fliegen, und plötzlich fliegt die Kamera tatsächlich mit ihnen davon. Hinter diesem so mitreißenden Bild verbirgt sich eine düstere Schattenseite. Jenseits der Erinnerungen an den Kindheitstraum - das Fliegen - und des Moments der Liebesekstase kommt die bittere Realität zum Vorschein, wenn wir erfahren, dass Saeeds Geschichte einem der Selbstmordpiloten vom 11. September nachempfunden ist.

Liebe und Selbstbetrug

Es gibt nur eine weitere Szene, in der Berrached den Realismus in ähnlicher Weise bricht. In der letzten Einstellung wendet sich ein mehrfach reflektiertes Spiegelbild in einem Fahrstuhl Asli zu und blickt sie an, als verurteilte es sie. Asli hat gerade Saeeds Abschiedsbrief (oder Selbstmordnachricht) gelesen, und etwas in ihr zerbricht unwiederbringlich, als sie unversehens mit dem Bösen konfrontiert wird, das sie zuvor, „geblendet“ von der Liebe, nicht sehen wollte. In Die Welt wird eine andere sein geht es, so die Regisseurin, vor allem um Liebe. Eine Liebe aber, die unweigerlich mit einem so heiklen Thema wie dem Terrorismus verbunden ist und eine Reihe von Fragen aufwirft, die schwer zu beantworten sind. Was passiert, wenn mit der Liebe Selbstbetrug und darüber hinaus Komplizenschaft (wie der englische Titel Copilot andeutet) einhergeht?
 
Filmstill aus „Die Welt wird eine andere sein“ Filmstill „Die Welt wird eine andere sein“ von Anne Zohra Berrached, 2021 | © Christopher Aoun / Razor Film 2021

Liebe und Perspektive

Die Welt wird eine andere sein kann wegen seines einfühlsamen Blicks auf den Terroristen Konfliktpotential bereithalten, aber das ist Teil seiner Prämisse: Dass die Bilder aus Aslis Perspektive gezeigt werden, wir den Protagonisten also so sehen, wie sie ihn selbst wahrnimmt. Berrached zieht es vor, ihre weibliche Protagonistin zu verstehen, statt sie zu verurteilen, und dies bestimmt die gesamte Struktur des Films. Ehrgeizig ist auch der Umgang mit der Zeit: Der Film erzählt mehr als fünf Jahre der Beziehung, vom anfänglichen Verknalltsein über die Anzeichen von Saeeds Radikalisierung bis zur verhängnisvollen Auflösung. Auf diese Weise fördert diese letzte Einstellung nach der vergangenen Zeit all die unvermeidlichen Widersprüche zu Tage, welche dieser Zusammenstoß von dem Intimen und dem Politischen ausgelöst hat. Berrached bietet keine Antworten oder Gewissheiten, aber sie wagt es, Fragen zu stellen.

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