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„Familie Brasch“, Annekatrin Hendel
Geschichte und Einsamkeit

Filmstill aus „Familie Brasch“ von Annekatrin Hendel, 2018
Familie Brasch, Filmstill 1 (qr) | © Edition Salzgeber

Der Dokumentarfilm rekonstruiert die Geschichte der berühmten Familie Brasch, die durch die politische Spaltung der DDR zerrissen wurde.

Von Miguel Muñoz Garnica

Zu Beginn füllt ein Gemälde die Leinwand. Die Bildkomposition lenkt den Blick auf zwei männliche Figuren, die sich gegenüberstehen und in eine hitzige Diskussion verwickelt zu sein scheinen. Sie ziehen den Blick auf sich, weil ihre Konfrontation die frontale Ausrichtung des Gemäldes – die übrigen Personen schauen den Maler an – und damit die Art der Darstellung bricht. Was wie ein kanonisches Familienporträt anmutet, offenbart wie beiläufig einen Konflikt der Generationen, der jeder Harmonie zuwiderläuft.

Familie Brasch © Edition Salzgeber

Horst und Thomas

Die weitere Handlung von Familie Brasch stellt uns wichtige Figuren wie Horst und Thomas Brasch vor, Vater und Sohn, die zugleich (abwesende) Protagonisten des Dokumentarfilms sind, deren Spannungen mit erstaunlicher Präzision die Geschichte der DDR oder., allgemeiner ausgedrückt, die Geschichte der Enttäuschung nach dem Ende der Utopien im Europa des Kalten Krieges in einen intertextuellen Bezug setzen. Der Vater ein hochrangiger Parteifunktionär, der Sohn: ein regimekritischer Schriftsteller und Filmemacher; ihre unvereinbaren Ideale gingen so weit, dass der Vater den Sohn an die Stasi verriet.

Die Unmöglichkeit des Familienporträts wohnt dem Porträt selbst inne – um auf das Gemälde zurückzukommen. Wie Familie Brasch uns verrät, lag ein großer Teil des Problems darin, dass die Braschs sich angesichts der Engstirnigkeit des Regimes als Porträt, als Modellbild (re)präsentieren mussten. Hinter verschlossenen (Familien-)Türen mag diese Falschheit einer solchen Darstellung offenkundig gewesen sein, doch der Dokumentarfilm zeichnet nach, wie die Brüchigkeit ihrer Darstellung im Licht der Öffentlichkeit den Zerfall der Braschs beschleunigte. In anderen Worten: Als sich herausstellte, dass das harmonische Porträt kein solches war, waren ihre Schicksale besiegelt. Horst wurdevon seinen Aufgaben entbunden, weil er seinen Sohn nicht zu kommunistischen Idealen erziehen konnte, so dass Letzterer schließlich ins Exil ging.

Familie Brasch © Edition Salzgeber

Marion

Gegen Ende bestimmt das Nicht-Porträt wieder die Leinwand, nur dass unser Blick diesmal auf eine andere Figur gelenkt wird. Das Mädchen im rosafarbenen Kleid war, wie zu Beginn des Films zu sehen war, die Einzige, die den beiden Blickachsen der Komposition entkam: Ihre Augen waren auf den unteren Teil des Bildes gerichtet. Ein einsamer Blick, der als solcher bestätigt wird, wenn das Gemälde in einer der letzten Einstellungen von Familie Brasch wieder auftaucht, diesmal aber ohne alle anderen Personen.

Das Mädchen erinnert uns an Marion, die jüngste der vier Brasch-Geschwister.  Wie Thomas, der Älteste, verfolgten auch die anderen Geschwister Künstlerkarrieren, die von einem tragischen und abrupten Ende gekennzeichnet waren. Eine Familie ohne Nachkommen, deren Erinnerung im Dokumentarfilm festgehalten wird, bevor die letzten Zeugen verschwinden. Und in der Hinsicht ist Marion die absolute Protagonistin, deren Auftreten von Beginn an mit einer subtilen, aber bestimmenden Melancholie aufgeladen ist. Es gibt eine wiederkehrende Bildkomposition, die mit der üblichen Ansicht der Talking Heads bricht: Marion befindet sich am Rand des Ausschnitts, unscharf, doch ihr Abbild ist deutlich in einem Spiegel im Hintergrund zu sehen, an dem Schwarz-Weiß-Fotos ihrer verstorbenen Familienmitglieder so aufgehängt sind, dass sie ihr Gesicht umrahmen. Dann kommt das Gewicht der Geschichte – der Historie – zum Vorschein, die sich über eine Geschichte der Einsamkeit legt.

Familie Brasch © Edition Salzgeber

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