Tendenzen im Techno „Kurz bevor alles dunkel wird“

Welche Musik in Techno- und House-Clubs läuft, unterliegt einem steten Wechsel von Einflüssen und Stilen. Das vergangene Jahrzehnt stand ganz im Zeichen von Minimal. Jetzt bringt die deutsche Clubszene verstärkt Künstler hervor, die auf klassischen Techno zurückgreifen und ihn für die Gegenwart aufbereiten.

Das Wort Techno muss oft herhalten, um alle Formen elektronischer Tanzmusik zu beschreiben. In einem engeren Sinn meint der Begriff eine Stilrichtung, die gegen Ende der 1980er-Jahre in Detroit entstand und sich durch harte Klänge und schnelle, maschinelle Rhythmen von anderen Spielarten elektronischer Musik abgrenzt. Nachdem Techno in seiner ursprünglichen Form lange Zeit fester Bestandteil der deutschen Clubszene war, dominierte in den 2000er-Jahren ein minimalistischer Ansatz – die einstige Rohheit wich einer akkuraten Klangästhetik.

Seit ein paar Jahren findet der rabiate Maschinen-Sound wieder ein größeres Publikum. Künstler rücken mit eigenen Veranstaltungsreihen und auf neu gegründeten Labels raubeinige Tanzmusik wieder in den Fokus. Dabei übertragen sie die Wucht des klassischen Techno auf die heutige Clubkultur: Die Rhythmen sind langsamer geworden, dafür stehen die schroffen Klänge mehr im Vordergrund.

Mehr als nur Party

Einer dieser Künstler ist Henning Baer. 2009 begann er mit einem Freund die Partyreihe Grounded Theory in Berlin. Der Gedanke dahinter: Auf der eigenen Veranstaltung sollten Techno-DJs spielen, die zu selten außerhalb von Berghain und Tresor zu hören waren. Die ersten Partys organisierten sie im Berliner Arena-Club. Später zog die Reihe in das Stattbad Wedding, einer zum Club umfunktionierten Badeanstalt aus dem frühen 20. Jahrhundert. Großformatige, an Kunstdrucke erinnernde Flyer kündigen auch heute noch die Partys an und sind wichtiger Teil des Projekts. Denn die beiden Veranstalter sehen Techno als Teil eines künstlerischen Konzepts, nicht als „Hintergrundmusik für stumpfes Feiern“, wie Baer sagt.

Baer selbst und der Berliner DJ Milton Bradley legen als Resident-DJs bei den Partys auf. Zusammen haben sie 2011 das Label K209 gegründet, auf dem sie eigene Stücke veröffentlichen. Der Erfolg der Veranstaltungen und des Labels führte die beiden in europäische, japanische und US-amerikanische Clubs. Dass aus einer spontanen Idee mal ein Projekt wird, das im Ausland Berliner Technokultur repräsentiert, hatte Baer nicht vorhergesehen: „Mittlerweile fragen mich Leute aus England oder Skandinavien, wann die nächste Party stattfindet. Das ist natürlich eine emotionale Bereicherung“, sagt er.
 
 

Künstler im Verborgenen

Eine ähnliche Entwicklung nahm die Veranstaltungsreihe Dystopian. Im Jahr 2009 waren Freunde des Berliner DJ Rødhåd der Meinung, dass dieser ein eigenes Forum brauche, weil er mit seiner Musikauswahl nie so recht auf die Partys passte, auf die er gebucht wurde. „Rødhåd spielte düsteren, melancholischen Techno. Dabei schaffte er eine Atmosphäre wie bei einem Sonnenuntergang, kurz bevor alles dunkel wird. Diese Stimmung hielt er über Stunden“, sagt einer der Veranstalter. Inspiriert von den Sets des jungen DJs, gründeten sie Dystopian und ernannten ihn zu ihrem Resident.

Später kamen Alex.Do, Recondite, Felix K und Don Williams als Künstler dazu. Die Reihe findet im Arena-Club statt, wenn auch nicht regelmäßig. Denn die Dystopian-Künstler sind heute oft unterwegs zu Auftritten in anderen Ländern. Dazu dürfte die Gründung des gleichnamigen Labels beigetragen haben, auf dem sie seit 2012 auch als Produzenten in Erscheinung treten. Trotz oder gerade wegen des zunehmenden Erfolgs verraten weder die Künstler noch die Betreiber ihre bürgerlichen Namen. Damit folgen sie jener Anonymität, mit der schon seit den Anfangstagen des Techno Künstler immer wieder versucht haben, die Aufmerksamkeit nur auf die Musik zu lenken.
 


Auch bei Vault Series, einem Berliner Techno-Label, gehört das Spiel mit der Anonymität zum Selbstverständnis: „Die Personen hinter der Musik sind unwichtig, es geht nur um den Moment auf der Tanzfläche“, erklärt der Labelchef, der unter dem Namen Subjected auch als Resident-DJ im Stattbad Wedding auflegt. Zu dem Projekt gehören außerdem die Produzenten Sawlin und Mørbeck. Subjected hatte Vault Series 2010 gegründet, weil sich damals kaum ein anderes Label für den aggressiven Ansatz der drei Berliner interessierte. „Zu hart, zu verzerrt, zu viel Industrial“, bekamen sie gesagt. Dennoch investierte Subjected in die erste Plattenpressung und gestaltete die Labeletiketten selbst. Dass dies die richtige Entscheidung war, wurde ihm bewusst, als namhafte DJs anfingen, die Stücke in ihren Sets zu spielen und Industrial-Einflüsse immer öfter in den Clubs zu hören waren.
 
 

Zukunftsmusik

Nicht nur in Berlin ist klassischer Techno wieder präsent. Im eher für seine House-Kultur bekannten München betreiben die Brüder Dario und Marco Zenker das Label Ilian Tape, auf dem sie sowohl eigene als auch Musik anderer Produzenten veröffentlichen. Techno ist hier eindeutiger Bezugsrahmen, doch auch Elemente aus Chicago-House und Electro (gemeint ist das Genre der späten 1980er-Jahre) sind auf den Platten zu hören.

Mit dieser Mischung fanden die Brüder zunächst vor allem im Ausland Beachtung. Schon seit ein paar Jahren sind sie als DJs und Live-Act unterwegs in Europa und den USA. In Deutschland erlangen sie erst jetzt größere Bekanntheit, was auch am Berlin-Zentrismus der deutschen Techno-Szene liegen mag. Im Münchner Club Rote Sonne betreiben die Brüder die Ilian-Tape-Partys, die nicht nur heimisches Publikum anziehen – mitunter reisen auch Techno-Fans aus Italien an.
 


Im eher beschaulichen Gießen, weit weg von großstädtischer Clubkultur, feilt der DJ und Produzent Johannes Volk schon seit den 1990er-Jahren an eigenen Stücken. Nach ersten Veröffentlichungen auf anderen Labels startete er 2011 Exploration Records, um seine Idee von Techno nicht nur klanglich, sondern auch gestalterisch umzusetzen. Die Labeletiketten entwirft der Hesse zusammen mit einem Freund: Himmelskörper und Raumschiffe in retrofuturistischen Zeichnungen. Die Musik erinnert an die Entstehungszeit von Techno, als die damals neuartigen Maschinenklänge auch (technologische) Zukunftsvisionen weckten. Den Bezug auf vergangene Utopien will der Labelmacher aber nicht als Rückwärtsgewandtheit verstanden wissen. Für ihn ist Techno „nach wie vor Zukunftsmusik“. Und diese Zukunft kann durchaus positiv besetzt sein. Im Gegensatz zur Düsternis des Berliner Technos, tauchen bei ihm immer wieder Harmonien auf, die selbst auf die dunkelste Tanzfläche noch Licht bringen.
   

Die Video-Clips stammen von dem Berliner Künstlerduo The29Nov Films. Kevin Paschold und Sebastian Kökow suchen in Online-Archiven nach Filmmaterial und erstellen daraus Videos für ihre Lieblingsstücke aus den Bereichen Techno, House und Electro. In der elektronischen Musikszene finden nicht nur die Editierkunst, sondern auch die Musikauswahl des Duos hohe Anerkennung.