Altan Khalis Independent Film Festival 2018 Interview mit Julian Radlmaier

Julian Radlmaier Porträt
© Faktura Film

Der deutsche Filmemacher Julian Radlmaier präsentiert auf dem diesjährigen Altan Khalis Independent Film Festival zum ersten Mal seinen Film „Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes“ dem mongolischen Publikum! Im Interview spricht Radlmaier über Improvisation, Kommunismus im Jahr 2018 und seine Vorfreude auf die Mongolei.

Lieber Julian, der Titel deines Films ist ungewöhnlich und macht sofort neugierig. Kannst Du in drei Sätzen zusammenfassen, worum es in Deinem Film geht?
 
Tja, das ist gar nicht so leicht, denn der Plot ist gewollt abstrus: Ein erfolgloser Filmemacher wird vom Arbeitsamt zum Ernteeinsatz aufs Land geschickt. Um eine junge Frau zu beeindrucken, verkauft er das als Recherche für einen „kommunistischen Märchenfilm“, so dass sie neugierig wird und ihn auf die neoliberal organisierte Apfelplantage begleitet. Dort passieren allerhand Merkwürdigkeiten, bis der Filmemacher zu dem Windhund geworden ist, der uns die Ereignisse rückblickend als seine Läuterungsgeschichte erzählt. Es geht um Liebe, Solidarität, Kapitalismus und die Frage nach einem möglichen Fortleben der kommunistischen Utopie.
 
Wie kam dir die Idee, einen Film über den Kommunismus zu drehen?​ 
 
Es ist gar kein Film über „den“ Kommunismus, sondern eher darüber, was „Kommunismus“ noch heißen könnte jenseits dessen, was man meist reflexartig mit dem Begriff assoziiert: totalitäre bürokratische Staaten, Terror, Überwachung und grauer Alltag. An diese Gespenster des 20. Jahrhunderts erinnern sich auch meine Filmfiguren mit Schrecken, aber gleichzeitig fantasieren sie auch einen anderen Kommunismus, ja eine Art Gegen-Kommunismus. Denn „Kommunismus“ stand auch einmal für den alten Menschheitstraum von einer egalitären Welt ohne Ausbeutung und Unterdrückung. Mich hat die Frage interessiert, wie man an diesem Traum doch festhalten könnte, ohne dabei freilich geschichtsblind zu werden. Klingt jetzt sehr verkopft, geschieht aber im Film auf sehr spielerische, heitere, fast naive Weise.

  • „Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes“ Museum © Faktura Film
  • „Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes“ Orange © Faktura Film
  • „Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes“ Apfel © Faktura Film
  • „Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes“ Berge © Faktura Film
  • „Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes“ Erschöpfung © Faktura Film
In diesem Jahr feiert Marx seinen 200. Geburtstag. Was kann uns Marx heute noch sagen?  
 
Ziemlich viel. „Das Kapital“ ist immer noch der beste Schlüssel, um die kapitalistischen Wirtschaftsweise verstehen und vor allem kritisieren zu lernen. Mit Marx können wir Gesellschaft als etwas historisch Gewordenes, von Menschen Gestaltetes und damit auch Veränderbares begreifen.

Du arbeitest in deinem Film sowohl mit professionellen Schauspielern als auch mit Laien. Warum?  
 
Ich drehe mit Menschen, deren Gesichter und deren Art, zu sprechen und sich zu bewegen, ich schön und interessant finde. Davon sind manche zufällig auch mal Schauspieler von Beruf. Aber im Ernst: Ich finde es schön, wenn in einem Film alle möglichen Ausdrucksweisen Platz finden dürfen, und besonders auch das vermeintlich Unbeholfene und Ungelenke, das man Laien unterstellt, das ich aber oft viel geheimnisvoller finde als das, was man unter „professionellem“ Schauspiel versteht.
 
Welche Rolle spielt die Improvisation beim Filmdreh? Ist das meiste geplant, oder ergibt sich vieles im Prozess?
  
 
Alles ist geschrieben und geplant, aber wenn der Zufall mal etwas Besseres anbietet, lasse ich das gerne zu. Also gibt es keine Improvisation im klassischen Sinne, aber den Versuch einer gewissen Offenheit während der Dreharbeiten für die Glücksmomente, die darin ungeplant aufscheinen können.
 
Du spielst den Protagonisten des Films. Inwieweit ist die „Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes“ auch eine Kritik an dir selbst oder deiner Generation? 
 
Ich würde sagen, es ist schon eine Kritik an mir selbst, aber als Vertreter meiner Klasse: Wie stark bestimmt eigentlich mein Klasseninteresse - auch so ein altmodischer, aber nützlicher marxistischer Begriff - mein Denken und Handeln? Oder vereinfach gesagt: Finde ich es nicht selbst im Grunde „natürlich“, dass ich meine Zeit schöngeistig vertreiben darf und es immer Andere sind, die irgendwo fernab gnadenlos ausgebeutet werden, damit mir ein Kaffee oder eine Banane wieder frische Energie für meine Marx-Lektüre liefern können? Oder die das Klo des Kinos putzen, nachdem mein Film dort lief? Und möchte ich nicht insgeheim, dass alles genau so bleibt? Gegen diesen bequemen Egoismus richtet sich der Film.

Du präsentierst deinen Film „Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes“ auf dem Altan Khalis Independent Film Festival zum ersten Mal einem mongolischen Publikum. Wie waren die Reaktionen?

Ich war natürlich sehr gespannt auf die Reaktionen des mongolischen Publikums; und dann erstmal erleichtert, dass die Leute tatsächlich gelacht haben! Ich hatte sogar das Gefühl, dass die Zuschauer hier manches besser verstehen, was vielleicht auch mit der sowjetischen Vergangenheit der Mongolei zu tun hat. Überrascht war ich, dass die satirischen Berlinszenen mit ihren Hipsterfiguren so gut angekommen sind.

Was war besonders am Austausch mit den Zuschauern und Filmemachern?

Mich hat beeindruckt, wie global das filmische Verständnis der jungen Leute war. Sie setzen sich nicht nur intensiv mit ihrer eigenen, der asiatischen Tradition auseinander, sondern auch mit der europäischen. Insgesamt gab es im gemeinsamen Austausch sehr viele Anknüpfungspunkte und Gemeinsamkeiten. Das war eine schöne Erfahrung!

Neben der Filmvorführung gab es auch eine Masterclass: Um welche praktischen Fragen ging es?

Viele junge Filmemacher bekommen keine Finanzierung für ihre Filme und fragen sich, wie sie ihre Leidenschaft ausleben sollen. Die ökonomische Situation im Filmbereich scheint hier noch viel schärfer als in Deutschland zu sein.
 
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Was hat dich an Ulan Bator am meisten fasziniert?

Ich habe während meines Aufenthalts versucht, so viel wie möglich aufzunehmen, muss das alles aber noch sortieren. Was ich aber schon jetzt sagen kann: Ich fand es unglaublich spannend, wie „hybrid“ Ulan Bator ist. Hier kommen unterschiedlichste Dinge zusammen: alte Tempel, Jurten, sowjetische Bauten und moderne Hochhäuser. Das macht das Stadtbild unglaublich reich.

Vielen Dank für das Interview!

Die Fragen stellten Ben Rangnick und Michael Heinst.