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Atelierbesuch. Mongolische Künstler*innen im Porträt
Der Wille zum Film: Im Kinosaal mit Ikhbayar Urchuud

Porträt Ikhbayar Urchuud
© Goethe-Institut Mongolei/A.Schnorbusch

Ikhbayar Urchuud, geboren 1988 in Khuvsgul Aimag, ist Filmemacher, Medien-Künstler, Direktor des Golden Ger International Film Festivals und Gründer des Mongolian Film Institute. Mit seinem Dokumentarfilm Uran Khas – The Will to Art war er auf dem Marseille Festival of Documentary Film und dem Singapur International Filmfestival zu Gast. 2015 und 2020 nahm er am Berlinale Talents Programm teil. Wir sind zu einem Gespräch in einem Kino verabredet, das vor einem Jahr brannte und noch nicht wiedereröffnet wurde. 

Von Alexander Schnorbusch

Es riecht nach frischer Farbe und neuem Teppichboden. Mehrere hintereinander geschaltete Verlängerungskabel führen vom Foyer in den Saal, wo Handwerker einen Arbeitstisch aufgebaut haben. Die Armlehnen mit den Getränkehalterungen wurden bereits installiert, doch das wichtigste in jedem Kino, die Leinwand und die bequemen Sessel, fehlen noch.

Etwas mehr als ein Jahr ist es her, dass die oberen Stockwerke des State Department Store, in denen sich auch das iCinema befindet, brannten. Der schwarze Rauch war in der ganzen Stadt zu sehen. Mehrere Fernsehsender berichteten live. In den mongolischen sozialen Medien gab es für ein paar Stunden kein anderes Thema.

Einen genauen Termin für die Wiedereröffnung des Kinos gibt es noch nicht. Ikhbayar kennt den Besitzer: Nur deswegen können wir uns heute hier treffen. Es ist ganz still in dem schallisolierten Saal. Vom Lärm der Geschäfte ist hier drinnen nichts zu hören. Ikhbayar spricht leise und konzentriert. Wir suchen uns einen Platz auf den Stufen.
Ikhbayar im Kinosaal Ikhbayar im Kinosaal | © Goethe-Institut Mongolei/A.Schnorbusch

The Golden Ger International film festival

AS: Das iCinema war eines der beliebtesten Kinos Ulan Bators. Auch das Golden Ger International Film Festival fand bis 2019 hier statt. Kannst Du Dich noch an den Tag erinnern, als es brannte?

IU: Ich kann mich sogar noch an das genaue Datum erinnern: den 7. Juni 2020. Wegen der Pandemie haben wir das Festival zum ersten Mal online ausgerichtet. Wir waren gerade mit der Live-Preisverleihung fertig, als ich von dem Feuer erfuhr. Ich war geschockt. Ich dachte: Hätte das Festival ganz normal stattgefunden, wären wir vielleicht alle verbrannt.

AS: Du bist Filmemacher und Medienkünstler. Darüber hinaus arbeitest Du seit vielen Jahren als Festival-Organisator. Warum ist Dir diese Arbeit wichtig?

IU: Das Festival habe ich zum ersten Mal 2013 organisiert. Ich hatte mehrere experimentelle Kurzfilme gedreht und suchte nach Leuten, die meine Leidenschaft teilen. Es gab ein paar Künstler*innen, die Medienkunst machten, aber sonst habe ich niemanden gefunden. So ist die Idee zu dem Festival entstanden.

AS: Aus der Idee ist inzwischen eine Institution geworden. Fatih Akin, Wang Quan'an und viele andere namhafte Regisseure waren in den letzten Jahren zu Gast. Die Festival-Organisation ist jedoch nicht Dein einziges Engagement. 2009 warst Du unter den Initiatoren der Altan Khalis Association. 2019 hast Du das Mongolian Film Institute mitgegründet.

IU: Auch hier war die Idee, Menschen zusammenzubringen, die sich für Film interessieren. Unser wichtigstes Anliegen ist es, die Ausbildungsmöglichkeiten im Bereich Film zu verbessern und ein Forum für mongolische Filmliebhaber*innen zu schaffen. 

Golden Ger International Film Festival, Eröffnung (2019) Golden Ger International Film Festival, Eröffnung (2019) | © Mongolian Film Institute Uran Khas: The Will to Art

AS: Du selbst hast nie Film studiert, aber bereits 2006, mit 18 Jahren, Deinen ersten Kurzfilm gedreht. Erzähl uns von Deinem Werdegang als Filmemacher.

IU: Ich bin in Khuvsgul Aimag geboren, aber aufgewachsen bin ich in Baganuur: einer Bergbausiedlung 100 Kilometer östlich von Ulan-Bator. Wir hatten zu Hause keinen VHS- oder DVD-Player, aber jeden Samstag lief auf MNB dieses Programm „Best Films of the World“. So habe ich meine ersten Art House Filme und Hollywood-Klassiker geschaut. Ich habe darüber nachgedacht, Film zu studieren, aber die mongolischen Filmschulen haben mich nicht interessiert. Stattdessen habe ich erstmal meine andere Leidenschaft verfolgt und mich für ein Biologiestudium an der Nationaluniversität der Mongolei eingeschrieben. Mit meinem B.A. in Genetic Engineering fand ich in Ulan Bator keine Arbeit. So bin ich beim Fernsehen gelandet und habe nebenbei begonnen, als freischaffender Künstler und Filmemacher zu arbeiten.

AS: Dein erster Dokumentarfilm – Uran Khas: The Will to Art – wurde 2014 fertig und gleich zu mehren internationalen Festivals eingeladen. Der Film porträtiert drei Künstler-Ehepaare mit kleinen Kindern in ihrem Alltag. Wie entstand die Idee zu dem Film?

IU: Meine Frau und ich sind ebenfalls ein Künstler-Ehepaar. 2013 bekamen wir unser erstes Kind. Ich wollte der Frage nachgehen, wie Kunst-Produktion und Familienleben zusammenpassen und ineinandergreifen. Darüber hinaus interessierte mich die Frage nach dem Ursprung von Kunst ganz allgemein. 

AS: Dem Film ist ein Zitat von Gilles Deleuze und Felix Guattari vorangestellt. Auch die drei Kapitel des Films sind mit Konzepten der beiden französischen Philosophen überschrieben. Welche Rolle spielt Theorie für Deine Arbeit als Filmemacher?

IU: Ich las damals in einer französischen Ausgabe von Tausend Plateaus. Das Buch hat mich inspiriert, aber mehr im Sinne eines Ausgangspunkts für meine Recherchen. Mein Ziel war es, mich Deleuze und Guattaris Konzept des „Kunstwollens“ filmisch anzunähern, einen eigenen Zugang zu finden, eigene Schlussfolgerungen zu ziehen.

AS: Uran Khas gibt zum Teil sehr intime Einblicke in das Leben der Familien. War es schwer, die Protagonisten zu finden? Wie waren die Dreharbeiten?

IU: Ich habe nach vielversprechenden jungen Künstlern gesucht. Einige kannte ich bereits vor der Entstehung des Films. Die Kamera operiert aus einer „Fly on the wall“-Perspektive. Daher war es wichtig, zunächst das Vertrauen der Familien zu gewinnen. Wir mussten uns Zeit nehmen.

The Water garden

AS: Derzeit arbeitest Du an dem Drehbuch für Deinen ersten Spielfilm The Water Garden. Im August hast Du das Projekt beim Locarno Open Doors Festival vorgestellt. Worum geht es?

IU: Der Film erzählt die Geschichte eines Ehepaares und ihres fünfzehnjährigen Sohnes. Nach dem Unfalltod der kleinen Tochter zerbricht die Ehe und der Sohn begeht einen Selbstmordversuch. Es geht um den Umgang mit Trauer, falschen Hoffnungen und Schuldgefühlen. Ein Aspekt, der mich dabei besonders interessiert, ist die Lebenssituation vieler Jungen und Männer in der Mongolei, die sich in den männlichen Protagonisten spiegelt.

AS: Was meinst Du genau?

IU: Es ist ein kulturelles Problem. Im Bereich der Erziehung liegt der Fokus bei Jungen viel weniger auf Bildung und emotionaler Intelligenz als bei Mädchen. Dadurch haben sie es in unserer heutigen Gesellschaft oft schwer und ertränken ihre Probleme im Alkohol. Selbstmord und Alkoholismus zählen in der Mongolei zu den häufigsten Todesursachen bei Männern.

AS: Die Idee zu Uran Khas: The Will to Art entstand aus einer konkreten Lebenssituation. Welche persönlichen Erfahrungen fließen in Dein neues Projekt ein?

IU: Ich habe einen Großteil meiner Kindheit bei meinen Großeltern auf dem Land verbracht. Als meine Großmutter verstarb, habe ich zwei Jahre lang furchtbar getrauert. Ich war Teenager, das hat es nicht leichter gemacht. Inzwischen haben meine Frau und ich selbst Kinder. Ich mache mir ständig Sorgen um ihre Sicherheit. Das alles fließt in meine Arbeit an dem Projekt ein.

AS: Vielen Dank für das Gespräch!
The Water Garden The Water Garden | © No Wonder Films
Atelierbesuch: Mongolische Künstler*innen im Porträt

Die zeitgenössische mongolische Kunstszene ist vielseitig und dynamisch. In Malerei und elektronischer Musik, Tanz und Film, Literatur und Medienkunst suchen und finden mongolische Künstler*innen neue Ausdrucksformen und ihren je eigenen Zugang zur Welt. Alexander Schnorbusch, Autor und Mitherausgeber zweier Buchreihen des Monsudar Verlags, trifft die Künstler*innen in ihrem Arbeitsumfeld und stellt sie Ihnen vor. 
 

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