Eine Babyoper Korall Koral - Oper für Winzlinge

Wir befinden uns im Foyer des Opernhauses in Oslo, es ist mitten am Tag und Kinderwagen werden hereingeschoben. Hier handelt es sich um ein anderes Publikum als das, das man in der Oper erwarten würde. „Korall koral - eine Babyoper” steht heute auf dem  Programm, eine Vorstellung für Kinder zwischen 0 – 3 Jahren.

Eltern und Kinder ziehen die Schuhe aus und betreten ein muschelförmiges Zelt, das abgeschirmt im Foyer aufgebaut ist. Drinnen ist es gemütlich. Der Boden ist mit einem weichen, grünen Teppich ausgelegt, und es liegen Objekte herum, die Meerestieren ähneln und die - wie sich später herausstellt – auch Musikinstrumente sind. Der Raum und die szenischen Elemente geben uns das Gefühl, dass wir uns in einer unbekannten Welt tief unten am Meeresboden befinden.

Es ist still und die Atmosphäre ist konzentriert. Das ist bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass die meisten Zuschauer noch nicht einmal das erste Lebensjahr vollendet haben. Aber Erwachsene und Kinder warten gleichermaßen gespannt auf das, was passieren wird.

Zwei Darstellerinnen kommen ins Zelt gekrochen; wie sie sich bewegen weckt Assoziationen mit unbekannten Wesen aus der Meerestiefe. Sie singen und produzieren Klänge in einer Sprache, die wir nicht verstehen; sie beginnen auf den Objekten zu spielen, während sich die Handlung in der kleinen Unterwasserwelt entwickelt. Es handelt sich bei den Musikinstrumenten nicht um traditionelle Instrumente; sie sind speziell für diese Vorstellung entwickelt und gebaut. Hier findet man eine Seepferdchenharfe aus Metall, einen Seestern, dessen Arme zu rascheln beginnen, wenn man daran rüttelt, und Glasschellenkorallen, die vom Zeltdach hängen. Nach der Vorstellung können die Kinder im Zelt spielen und die Klangapparate selbst ausprobieren.

Die Babyoper entwickelt und produziert haben die Bühnenbildnerin Christina Lindgren, die mit Musiktheater und Klang erzeugender Bühnenbildgestaltung arbeitet, die Schauspielerin Hanne Dieserud mit langer Erfahrung im Bereich physischem Theater, und Maja S. K. Ratkje, Komponistin, Vokalistin und als Musikerin auch im Noise-Bereich aktiv.

Korall koral (der Titel ist ein Wortspiel aus den norwegischen Bezeichnungen für Meereskoralle – „korall” - und Choral - „koral”) wurde in enger Zusammenarbeit aller künstlerisch Beteiligten geschaffen. Wie in einer klassischen Opernaufführung sind Raum, Musik  und Handlung untrennbar miteinander verknüpft und bilden eine komplexe Einheit.

Die Partitur zu Korall koral wurde gemeinsam mit den Darstellerinnen erarbeitet, indem sie einerseits bereits komponierte musikalische Skizzen getestet und andererseits mit den klangerzeugenden Objekten improvisiert haben. Durch den eigenen Raum, der für die Vorstellung geschaffen wird – in diesem Fall ein Muschelzelt – wird die Außenwelt ausgeblendet und eine intime Atmosphäre erzeugt, die es Kindern und Erwachsenen leichter macht, ihre Aufmerksamkeit ohne Ablenkung auf das Geschehen zu konzentrieren.

Intention hinter dieser Oper ist, sowohl Erwachsenen als auch Babys die gleichen Voraussetzungen für künstlerisches Erleben zu bieten. Die Vorstellung basiert nicht auf einem Dialog zwischen Darstellerinnen und Kindern, sie hat keine lineare Handlung, der man folgen soll. Hier gibt es nichts, das erzählt, erklärt oder verstanden werden soll. Die Darstellerinnen beabsichtigen nicht, die Aufmerksamkeit der Kinder zu wecken, indem sie mit ihnen zu interagieren versuchen. Ganz im Gegenteil. Die Kinder sollen die Möglichkeit haben, die Vorstellung zu erleben, ohne dass sie im Erleben gestört werden. Die Kinder wollen auch nur beobachten, was schon sichtbar wird, wenn sie in das Zelt hineinkommen. Sie setzen sich hin und schauen. „Mit Korall koral haben wir nicht nur eine weltweit einzigartige Babyoper bekommen, sondern ein Beispiel dafür, inwiefern Qualität in Kunst für Kinder und Jugendliche nicht davon handeln muss, was wir vermitteln wollen, sondern was wir in die Kunst hineinlegen können, sobald wir uns dafür öffnen, die existierenden Prämissen der Intelligenzform, die die kleinsten Menschenkörper beherbergen und ausleben, neu zu bewerten.” (Høyland, Elin. Det Norske Shakespeare- og teatertidsskrift 2 / 2011).
Viele Eltern reagieren überrascht, wenn sie sehen, wie die Kinder in das Geschehen hineingesogen werden und über so lange Zeit still zu sitzen vermögen.

Darstellende Kunst für Kinder zwischen 0 – 3 Jahren hat in den letzten Jahren viel Aufmerksamkeit erzeugt. Es gibt mehrere Vorstellungen von hoher Qualität, die speziell für diese Zielgruppe gemacht wurden. Die erste Vorstellung von Christina Lindgren und Hanne Dieserud hieß Inni min klode („In meinem Planeten”). Dieses Projekt war eines von mehreren Produktionen im Rahmen von Glitterbird – Art for the very young, einem dreijährigen EU-Kulturprojekt, das in Norwegen initiiert wurde und das Qualitätskunst für Kinder zwischen 0 – 3 Jahren förderte.

Korall koral hatte im Juni 2009 in Koproduktion mit Riksteatret  und der Osloer Oper („Den Norske Opera & Ballett”) Premiere und war auf Tournee durch Norwegen und Europa. Die Oper geht nun seit ihrer Uraufführung in ihre 5. Saison. Bis jetzt wurde die Vorstellung über 430 Mal für mehr als 18.000 Personen gezeigt. In Deutschland wurde Korall koral bei den Musikfestspielen in Potsdam im Juni 2013 aufgeführt. Die Vorstellung wurde wärmstens aufgenommen und trug dazu bei, vielen die Augen zu öffnen, dass Oper auch den Allerkleinsten zugänglich gemacht werden kann.