Interview mit Jan Bosse Es muss tief gehen und Substanz haben

Jan Bosse
Jan Bosse | Øyvind Eide

Jan Bosse zählt zur ersten Liga deutscher Theater-Regisseure. Im Sommer besuchte er Oslo, um am Nationaltheatret Ibsens Borkman zu inszenieren. Web-Redakteurin Jutta Martha Beiner hat ihn auf einen Café Latte auf Aker brygge getroffen.

Wie ich hörte ist es dein erster Besuch in Norwegen. Was ist dir als Erstes aufgefallen als du in Oslo warst?

Es war während der Vorgespräche: Schauspieler angucken, Intendanten treffen, Stückauswahl usw. Da habe ich die absolute Freundlichkeit bemerkt. Das kennt man so im deutschen Theater nicht. Das Zweite war, dass sofort gefragt wurde: ”Sie haben doch Kinder, wie macht ihr das? Bringt ihr die mit? Müssen wir eine Wohnung suchen, wo die auch hinkönnen, brauchen wir Kinderbetreuung? Kinder sind hier keine Last, sondern Lust.
Zudem sind Freizeit und Arbeit klar geregelt - für den kreativen Prozess vielleicht ein wenig seltsam – weil Probenarbeit ja durchaus Chaos sein kann. Zeitliches Chaos gibt es hier eher nicht. Die Schauspieler haben dennoch Lust auf kreatives Chaos, allerdings nur innerhalb der vorgeschriebenen vier Stunden.

Man sagt dir einen enormen Mut nach, Klassiker zu wählen. Was reizt dich daran?

Meine Phantasie entzündet sich eher an schweren Brocken als an leichter Kost. Es gibt ja viel Regie-Theater, in Deutschland vor allem, bei dem sich der Regisseur die Texte  zusammen schreibt. Ein paar Leute können das. Mich interessieren steinbruchartige Texte, die auch historisch sein dürfen, an denen sich die Gegenwart reibt. Es muss gar nicht eins zu eins passen.
Wie gehst du mit den Texten dieser Klassiker um?
Ich bin ziemlich texttreu, aber versuche diese Klassiker modern zu erzählen. Manchen geht schon das zu weit. Wenn wir zum Beispiel Goethe machen, macht es Spaß, mit Erwartungshaltungen zu spielen und sie auch zu unterlaufen. Ich glaube einfach an die Kraft der Literatur. Sprache ist für mich ein wesentlicher Teil im Theater. Es gibt Leute, die behaupten, ich mache die Stücke kaputt, und es gibt Leute, die sagen, ich bin Stücke-Bewahrer. Es muss Substanz haben. Es muss tief gehen.

Du hebst die Klassiker in die vielzitierte Spaßgesellschaft. Was interessiert dich daran, was sind Reibungspunkte für dich, konkret bei Borkmann?

Für mich gibt es Kunst nicht ohne Humor. Ibsens Borkman ist eigentlich ein trauriges und düsteres Stück. Aber er (Ibsen) treibt es so weit, diese Brutalität in diesem Stück, diesen Zorn, diese Kälte, diese Isolation, dass es regelrecht absurd wird. Und da liegt viel Humor gesteckt. Dadurch kommen einem die Klassiker sehr nah. Ich versuche, das Stück zum Publikum hin zu öffnen, fast als Volks-Theater, obwohl das ein schwieriger Begriff ist. Wir spielen den Borkman jetzt mitten zwischen dem Publikum.

In der Vorankündigung heißt es, das Publikum soll nicht ruhig in seinen Sitzen verharren. Womit müssen wir rechnen?

(Lacht) Ja, das klingt wie eine Drohung. Es ist kein Mitmach-Theater. Die Zuschauer sind Teil des Settings, d.h. sie sitzen überall, mitten im Bühnenbild, und nicht im Dunkeln - können also nicht einschlafen. Und das ist der einzige wirkliche Eingriff. Dadurch kommt man innerlich an einen anderen Punkt. Die Einsamkeit ist eine innere. Man sitzt im selben Boot.

Was fasziniert dich speziell an Ibsen?

Der Ibsen ist halt der Goethe Norwegens. Borkman ist sein vorletztes Stück. Er war schon ein alter Mann und schon sehr berühmt. Er lebte ja lange Zeit nicht  in Norwegen, wo er vor der Enge geflüchtet ist. Trotzdem hat er intensiv über dieses Land geschrieben und gedacht. In seinen Stücken liegt viel von ihm selbst - von seinem Hass, von seinem Frust auf die Gesellschaft, aber auch dem Dazu-gehören-wollen. Der Borkman ist ein gescheiterter Finanzmann, der am betrügerischen Umgang mit fremden Geld gecrasht ist. Er sieht das natürlich vollkommen anders und sich zu Unrecht verurteilt. Es gibt Parallelen zur Bankenkrise 2008 – und zu heute.

Bei Borkman geht es auch um eine klassische Vater-Sohn-Problematik – der Vater will seinen Sohn beherrschen, macht ihm Schuldgefühle. Wie siehst du das? Muss der Sohn es automatisch besser machen als der Vater und ihn vom Thron stoßen?

Die Modelle verändern sich. Selber war ich ein typisches 68er Kind und habe guten Kontakt zu meinem Vater, ohne Konkurrenz. Man könnte meinen, dass Vater-Sohn-Konflikte mit dem Beenden patriarchalischer Strukturen vorbei sind. Sind sie aber oft trotzdem nicht. Und mit den Müttern ist es oft noch schwerer.

Dieser Jon Gabriel Borkman kommt einem sehr aktuell  vor. Gibt es 2016 mehr Borkmanns als damals, 1886 - Stichwort Panama-Affäre?

Klar, die Finanzwelt hat ja total übernommen. Es gibt viele, viele Borkmans. Ibsen hat ihn damals als absoluten Ausnahme-Menschen gesehen. Die Banken-Götter, die Konzern-Götter, auch die Künstler-Götter und die Fussball-Götter sind alles Player. Fast alles Männer übrigens. Immer noch.