Der Sonnenfuchs Notizen von Frank Wierke über den Dichter Kjartan Hatløy

Der deutsche Filmemacher Frank Wierke arbeitet zurzeit an einem Porträt des norwegischen Naturlyrikers Kjartan Hatløy. Der Film ist eine Spurensuche, ein Sprechen über das Leben und die Bedingungen des Schreibens. Er handelt davon, wie Biographie, Geschichte, Natur, Landschaft und Philosophie ineinanderfließen und sich verdichten in Lyrik. Premiere des 60-minütigen Films ist im Frühjahr 2017.

Kjartan Hatløy Foto: © Frank Wierke

Bevor die Julisonne aufsteht
sammelt sie sich eine Weile im Heuschreckenlaut
mitten im Auge des Luchses wohnt sie ein wenig
und mitten in unserer Erwartung
in gelbem Blut verbirgt sie sich
und dann, sehr tief: in allen Menschenhänden für den Ernst einer Zeit

(Kjartan Hatløy) 
 
MAI/2014 Unsere erste Begegnung, als ich seinen Dichter-Freund und Übersetzer Klaus Anders nach West-Norwegen, an den Åfjord begleite. Der kleine, ehemalige Bauernhof heißt Haugane. Er lebt seit langem alleine dort. Hatløy ist ein Naturbegriff, meint Hasel-Insel.

Kjartan hat sich selbst Deutsch beigebracht, um Hölderlin, Heidegger zu lesen, besser zu verstehen. "Wenn ich Deutsch spreche, bin ich auch ein Anderer", sagt er, und ich erfahre biographische Stücke: 1954 geboren, drei viel ältere Schwestern, junger Maoist, 20 Jahre Schiffsrohrleger auf der Werft, UNO Soldat, hat aber eigentlich nie den Hof verlassen können, um den Eltern beizustehen, später, um die Mutter jahrelang zu pflegen. Und dann sein eigenes Krankwerden: Schizophrenie. 1996 das erste Buch: Solreven.

Dialekt: Solrøven. Sonnenfuchs. Nynorsk ist sehr wichtig für das Schreiben. Das tiefe Erspüren, wo sich Klang, Bedeutung, Herkunft, Zeit vermischen mit der Natur, Landschaft, dem Fjord, den Menschen und Geschichten.

Wenn der Vater ihn auf der Wiese entdeckte, ohne zu arbeiten - aufgestützt auf der Heugabel, vielleicht träumend - dann rief er: Der Sonnenfuchs hat dich geholt.

Wir nehmen die Kamera und gehen los, reden über Zeit und Orte, Zusammenhänge jenseits einer Chronologie, die täglichen, wiederkehrenden Spuren, die Quellen seiner Gedichte.

21/04/2015 Der Name des Flusses ist Salbuelva und der Wasserfall heißt Brattebakkfossen. 30 Meter vielleicht, das Weiß des fallenden Wassers; 6000 Jahre lang. Wir stehen unten im kalten, leichten Sprühnebel an schwarznassen Felsen, dort wo sich das Wasser etwas beruhigt, kleine Tümpel bildet: und er im Alter von acht, der sich alleine aufmacht, um Forellen zu angeln, genau hier, woh auch Vater, Großvater als Kinder waren - im Rauschen dieses Wasserfalls und der aufgelösten Zeit, 25 Minuten zu Fuß vom Hof entfernt.

Auf der schmalen Straße kaum ein Auto. Das Verkehrsschild "Achtung Kühe" wurde Richtung Wald gedreht, es gibt seit 15 Jahren keine Milchbauern mehr, die Bäume sind zurückgekehrt auf die Wiesen.  

Afjorden Frank Wierke
 
23/04/2015 Der ewige Blick aus dem Wohnzimmerfenster hinaus auf den mächtigen Lifjell; eine kilometerlange, bis zu 700 Meter hohe, gleichmäßige Bergwand. Dazwischen das Wasser des Åfjord, mit zwei, drei Lachsfarmen, wenigen Booten, Anglern. Oft verschwindet alles in Wolken, Nebel, Starkwind, Regen, Hagel. Im Krieg nutzten deutsche Schiffe den Schatten des Berges, um sich vor der britischen Luftaufklärung zu verstecken.
 
5/06/2016 Der Hof und die Wiesen im hellen Morgenlicht. Reden vom harten Vater, dem sein Sohn so fremd blieb. Eine einsame Kindheit, Bücher ersetzen die Freunde. Wir sprechen über die Gründe der "Umnachtung", den Beginn seiner psychischen Krankheit: Tod der Mutter, verschmähte Liebe, Bruch mit dem Maoismus. Alles geschah gleichzeitig und war viel zu viel.
 
Ich bin zurück in Deutschland. Unsere tägliche Korrespondenz via SMS: Sonntag, 15h. Fjord nun dunkelblau und silbrig. Schon immer hat diese Zeit bei Bauern den Namen: Nonsbel. Die Zeit zwischen 16 und 17 Uhr. Ich glaube, es hat mit der Position der Sonne zu tun. Kein Mensch gebraucht das Wort nun. Für mich als Kind bedeutete dieser Zeitraum eine besondere Stimmung; Friede. Eltern ruhten aus. Kaffee genossen. Daher wünsch ich Dir: Godt nonsbel.
 
Was macht ein filmisches Portrait über diesen Dichter aus?
 
Mein Beobachten, meine Spurensuche, mein Staunen über Zusammenhänge, über das Mäandern und die Poesie der Sprache: ånden, der Geist und ånden, der Atem. Orm ist Schlange und Farn wird ormegras.

Sein großes Interesse an der Geschichte der Ägypter, der Indianer Nordamerikas, an deren Naturphilosophie und an der nordischen, der samischen Kultur, an Astronomie, Erd-geschichte, geologischen Prozessen. Naturschutz.
 
Raben, Kreuzottern, Glimmerschiefer, kleine rote Käfer, Seeadler. Der Samstagmorgen im kleinen bunpris-Supermarkt. Die Sonne. Die Ägypter. Sieben Fischreiher über dem Hof. Der tägliche Rhythmus mit 19h-Nachrichten im Fernsehen.
 
Hat das eine mit dem anderen nichts zu tun? Und doch gehört es zusammen, weil es uns passiert, weil wir es jetzt wahrnehmen, wir das Medium sind, in dem die Dinge dieser Welt zusammenkommen, das Geplante und das Zufällige, das Unberechenbare.

Norwegischer Dicher Kjartan Hartløy Foto: © Frank Wierke

Info:

Kjartan Hatløy lebt in Salbu, am Åfjord/Westnorwegen - dort, wo er vor 62 Jahren geboren wurde. Seit 1996 veröffentlichte er 12 Gedichtbände. Er gilt als Norwegens wichtigster lebender Naturlyriker und als einer der brillantesten Dichter des Landes. 2015 wurde er mit dem Dichtertafel-Lyrikpreis im Hardanger Folkemuseum geehrt. In Norwegen erschien gerade sein neustes Buch unter dem Titel Den kvite vegen (Forlaget Oktober, 2016). Zeitgleich dazu liegt nun auch eine Gedichtsammlung von ihm in deutscher Übersetzung vor: Die Lippen verlangen nach Ocker (edition offenes feld, 2016).