Theater-regisseur Jan Bosse schreibt Hafenstädte als Symbol der Welt

Hafen
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Städte am Meer. Hafenstädte.
Orte der Sehnsucht, des Fernwehs, des (mehr oder weniger dubiosen) Handels, der verwirrenden, wilden Internationalität seit Jahrhunderten, mit all ihren Widersprüchen.

Perfekt als Projektionsfläche der Fantasie, immer für eine Räuberpistole gut. Das Meer, die Schiffe, Menschen, Biografien, Geschichten und Geschichte, Dramen, Traurigkeit, Humor und Absurdität - Theater.
 
Theaterleben im Spätsommer – fahrendes Volk. Vier Städte in drei Wochen an denen man jederzeit zwischendurch nach dem letzten Bier in der Hafenspelunke ein paar Hundert Meter weiter direkt ins herrlich kühle, saubere Wasser springen kann..
Nach der „Borkman“ Premiere in Oslo (ok: 'Spelunke' trifft es nicht grade) wartete Palermo (naja: 'sauber'..?), Zürich (na gut: ein See statt ein Meer und nur die Schweizer Version von Spelunken, aber dennoch) und Marseille (jedenfalls habe ich noch eine kleine allerletzte Spelunke am Hafen gefunden), schließlich: Hamburg. Der gute alte Kiez, St.Pauli, das der Tourismus und die rasante Gentrifizierung sehr verändert hat, aber einfach nicht totzukriegen scheint.
 
Brutale Sichtbarkeit
 
Warum sind die Widersprüche in Hafenstädten so viel deutlicher sichtbar als anderswo? Vermutlich dienen die scharfen Kontraste zur Verdeutlichung der Ambivalenzen: die offensichtlichen Probleme liegen grell erleuchtet neben Schönheit und Weite des offenen Meeres. Man könnte jederzeit... - was eigentlich? Weit weg in die Ferne? Woanders neu anfangen? Einfach mal raus? Fliehen, Flüchten, ein neues Leben - zumindest als denkbare Möglichkeit.. Aber bitte nicht in echt. Die Frage rückt näher und näher: was müsste eigentlich konkret passieren, damit ich selber bereit wäre, alles und alle hinter mir zu lassen, mein Leben zu riskieren, nur um weg zu können.
Da hat sich schon was verändert: dass man beim Anblick von Containern nicht mehr nur an Produkte, sondern auch an menschliche Ware denkt. dass man bei den charmanten kleinen Booten, die im Hafenbecken des Mittelmeeres dümpeln, die Bilder der hoffnungslos überladenen Flüchtlingsboote nicht mehr aus dem Kopf bekommt.
Unser Wohlstand trifft auf die brutale Sichtbarkeit seines allzu hohen Preises. Der politische Mainstream der westlichen Welt arbeitet weiterhin fieberhaft an der Chimäre der Vereinheitlichung (natürlich nicht für ALLE, "Wir schaffen das!" kann nicht für alle gelten), während es immer mehr und stärkere Tendenzen von den Rändern her gibt, die Konflikte vorsätzlich zu schüren, zu zündeln, provozieren, polemisieren, oder auch direkt abzufackeln. Eine Stadt am Meer könnte einen lehren, dass die Widersprüche, die Konflikte, auch die schwer auszuhaltenden Unlösbarkeiten, nicht das Problem sind, das man einfach ausmerzen könnte. Sondern dass die Unterschiedlichkeit von Menschen, Geschmäckern, Kulturen, Sprachen, Religionen, Styles genau das ist, was unsere Welt (schon immer!) ausmacht. Dass man keine 'Front' (die sich meistens und fast überall 'national' schimpft) gegen das Fremde braucht, sondern dass das Fremde da ist, Teil von uns ist, spannend ist, unsern Horizont erweitert, oder manchmal, in schwierigen Fällen, auch mal einfach nur, verdammt nochmal!, auszuhalten ist! Und dass wir, eigentlich eine Binsenweisheit, an fast allen Orten der Welt selbst die Fremden sind. Hafenstädte trennen die Ansiedlung der Spezies Mensch von der wilden Weite des Ozeans - und verbinden sie. Alle sind wir auf diese Erde gespült, Geworfene, Gestrandete, dem Schicksal der Geburt, der Herkunft, der Sozialisation ausgeliefert. Und Gerechtigkeit ist nicht gerade des Schicksals Hauptaugenmerk.
 
Nicht umsonst
 
Theater ist in seinem Ursprung: ein Dialog des denkenden, mal leidenden, mal größenwahnsinnigen Menschen, ein sprachlicher, körperlicher Kampf mit der Welt, mit Gott, mit seinem Schicksal. Und mit uns, den anderen Ausgelieferten. Schicksalsgenossen, Mittätern, Zeugen, Publikum. Nicht umsonst ist der Vorsänger des antiken griechischen Chores die erste individuelle Stimme des Theaters. Nicht umsonst ist der biblische Hiob, der, halb eingegraben in Erde, sein Leiden und seine Zweifel zu Gott schreit, eine der archetypische Urfiguren für Theaterautoren - allen voran Samuel Beckett. Nicht umsonst sind das die drei zentralen Figuren Shakespeares: der junge philosophische und politische Zweifler Hamlet (Student und Thronnachfolger) -- der voll im Saft stehende skrupellose und lebensgierige Zyniker Richard III. (Soldat und Kriegsheimkehrer) und der alte so konsequente wie gnadenlose Fantast Prospero (Philosoph und König a.D.)..
Fremdheit, Zweifel, Infragestellen des Ganzen und seiner selbst, Misstrauen gegen vermeintlich einfache Antworten. Und zugleich weiterträumen, nicht schlafen, Spinner bleiben, Utopist und Fatalist in einer Person.. Den Bach runter geht's doch von alleine, sagte meine Dramaturgin neulich, aber das ANDERE - DAS ist schwierig! Oder, wie es einer der besten Popmusikers meiner Jugend, Sting, neulich in einem Interview nannte:
"... die Obsession von uns Menschen, immer neu einen Sinn zu finden."
Eine der großen Aufgaben von Kunst wird noch größer in einer immer disparateren Wirklichkeit, die zugleich nach immer größerer, vermeintlicher "Identität" schreit: die Sichtbarmachung der Unterschiede. Die Feier des Disparaten. Fremd bleiben! Kampf der (Ver)wertung, Belehrung und den Denkverboten - Kampf den Vereinfachern!