Juli Zehs neuer Roman Sicher wissen kann man kaum

Juli Zeh
Juli Zeh | ©Thomas Müller

Der aktuelle Roman der deutschen Schriftstellerin Julie Zeh Unterleuten ist ihr Durchbruch mit einem Gesellschaftsroman mit üppigem Personenbestand und einer mitreißenden Geschichte, der dabei über das klassische Romanformat hinausgeht. Die Figuren des Romans nehmen Facebook, Twitter und Youtube ein und haben sogar unter einem Pseudonym ein Buch dazu geschrieben, wie Du im Leben erfolgreich sein kannst.
 

Der Roman ist in dem kleinen Dorf Unterleuten angelegt, wo gut dreihundert Seelen ihr Leben von der Außenwelt unbehelligt leben. Wenn etwas passiert, ruft man nicht die Polizei, sondern regelt die Angelegenheit selbst. Das Dorf liegt mitten auf dem Land, und keiner außer den Bewohnern interessiert sich dafür. Bis sich herausstellt, dass zentrale Behörden vom Dorf Unterleuten einen Beitrag zur Energiewende fordern. Es sollen Windkraftwerke gebaut werden. Plötzlich wird Land sehr viel wert; um bauen zu können, muss man eine bestimmte Menge Land besitzen, und den beiden Großgrundbesitzern (ein lokaler „Häuptling“ und ein kapitalistischer Wessie) fehlt ein bestimmtes Stück, das hierfür notwendig ist.
Der Flecken Erde gehört der zynischen und pferdeverrückten Linda Franzen, die sklavisch die Ratschläge aus dem Lebensratgeber „Dein Erfolg“ befolgt, geschrieben von Manfred Gortz. Ein geschickter Schachzug von Juli Zeh, die sich entschieden hat, eine junge Frau zur zynischsten Person des Romans zu machen.
Wir lernen auch eine Vielzahl anderer Personen in einem faszinierenden Personenfundus kennen, der zum einen das Spannungsverhältnis zwischen der alten DDR, zu der Unterleuten gehörte, und dem postkapitalistischen wiedervereinigten Deutschland abbildet, aber vor allem illustriert, wie es ist, in einem winzigen Ort zu leben, wo jeder jeden kennt und starke Familienbande herrschen. Der Unterschied zwischen Zugezogenen und „Ureinwohnern“, zwischen „Dinosauriern“ und der im digitalen Zeitalter aufgewachsenen Generation ist ein wichtiges Thema.
Juli Zeh ©Thomas Müller
Doch obwohl alle jeden kennen und viele seit ihrer Geburt miteinander bekannt sind, wissen sie dennoch nicht alles von einander.

Das virtuelle Dorf

Nachdem der Roman im Januar 2016 veröffentlicht wurde, tauchten Facebook-Seiten auf, auf denen Charaktere aus dem Buch zu schreiben begannen, als würden sie tatsächlich existieren, und Medien und andere von ihrer Existenz überzeugten. Lucy Finkbeiner, eine Enthüllungsjournalistin, die herausfinden soll, was tatsächlich bei den spekulativen Grundstückstransaktionen und kaltblütigen persönlichen Intrigen passiert ist, beklagt sich bei Facebook darüber, dass Julie Zeh ihren Romanerfolg nicht mit ihr teilt.
Der Autor des Lebensratgebers „Dein Erfolg“, Manfred Gortz, stellt bei YouTube ein Video ein, nachdem in deutschen Zeitungen spekuliert wird, ob es ihn vielleicht gar nicht gibt. Was er auf das Schärfste von sich weist; es gibt ihn und er heißt tatsächlich Manfred Gortz ‒ ein dickfälliger älterer Herr, der behauptet, Geschäftsmann, Triathlet und Autor zu sein.
Im Netz finden Sie die Speisekarte der örtlichen Kneipe (in dem Dorf, das nicht existiert), und der Vogelschutzbund Unterleuten e.V. (den es nicht gibt) hat eine eigene Internetseite.
Der Mann der zynischen und pferdeverrückten Frau sucht Rat auf einer Website für Pferdeinteressierte (diese gibt es, ihn nicht).
Im Mai fand Julie Zeh, nun sei es genug, und veröffentlichte eine Pressemeldung, in der sie einräumte, sie selbst habe „Dein Erfolg“ geschrieben und die Romanfiguren seien nur das – Romanfiguren.

Grenzen verwischen

Warum macht jemand so viel Aufruhr mit einem Roman, der für sich allein genommen schon sehr gut ist und eigentlich nicht mehr braucht als einen Leser, der genug Ruhe hat, um einen zusammenhängenden Text von 640 Seiten zu lesen?
Zehs Botschaft: Der Zugang zu enormen Mengen an redigierten und unredigierten Informationen schafft ein globales digitales Dorf, in dem Informationen genauso leicht zugänglich sind wie Klatsch und Tratsch in diesem kleinen Dorf. Wir glauben zu wissen, aber wie können wir wissen, ob wir etwas wissen? Wie können wir Fakten von Fiktion unterscheiden, wenn die Wirklichkeit aus Millionen, ja Milliarden verschiedenen „Geschichten“ besteht, die in dem digitalen Dorf erzählt werden?
Der Roman rechnet damit ab, wie schnell wir eine Wirklichkeit basierend auf den wenigen Informationen, die wir über jeden einzelnen am Anfang des Buches bekommen, kreieren, und wie sehr wir dazu neigen, Schlussfolgerungen auf der Grundlage unserer Vorstellung von der Welt zu ziehen. Doch nach und nach stellen wir fest, dass es neben all dem Klatsch und Tratsch noch vieles andere gibt und wir falsch liegen. So ist es auch in der digitalen Welt: Es ist schwierig zu wissen, was man glauben kann. Sicher wissen kann man kaum.

Nach dem amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf und dem Brexit wurde der Begriff „postfaktisch“ verwendet, um ein mediales Zeitalter zu beschreiben, in dem die Realität schamlos überzeichnet wird und in der Appelle an Gefühle wichtiger sind als eine faktenbasierte Diskussion.

Doch Unterleuten ist nicht nur ein Abbild der neuen virtuellen Welt. Die Autorin nutzt diese Welt, um eine Erzählung bestehend aus Buch, Facebook-Seiten, Twitter, einem Lebensratgeber und den nachfolgenden Debatten in verschiedenen Medien zu schaffen, ein Gesamtkunstwerk, das sich mit jedem neu geposteten Beitrag verändert.

Unterleuten wird ins Norwegische übersetzt, und vom deutschen Verlag haben wir erfahren, dass das Buch im September 2017 auf Norwegisch vorliegen wird.

Stellt sich die Frage, ob es möglich ist, die gleiche erweiterte Kunstform auf Norwegisch zu schaffen?