Theaterregisseur Jan Bosse Die herrliche Freiheit der Subjektivität

Jan Bosse, RichardIII
Foto: ©Christian Schuller

Erinnern ist Erfinden. Erfinden ist aber auch Erinnern. Der Fundus, aus dem das Gehirn schöpft, ist derselbe. Jeder Versuch der Rekonstruktion ist immer schon subjektiv. Jede Versprachlichung ist eine weitere Fiktionalisierung.

Auf einer Probe im Wiener Burgtheater erzählte der Schauspieler Joachim Meyerhoff von einer Studentin, die bei einem Seminar "kreatives Schreiben" eine tolle kleine, berührende, autobiografische Geschichte vorlas, wie sie es erlebte, als ihr geliebter alter Hund eingeschläfert wurde. Es ging in dem Seminar um die Grenze und den Übergang von persönlichem Erlebnis in Fiktion, die jedem autobiografischen Schreiben immanent ist. Als die Mitstudenten rätselten, ab welchem Punkt diese Geschichte wohl die Wahrheit verließ, sagte die Studentin: Sie konnte bei dem Tod des Hundes leider gar nicht dabei sein, sie habe ihn verpasst - was sie sehr schmerzte. 
 
Je öfter unterhaltsame Zeitgenossen eine bestimmte Anekdote erzählen, desto "besser" wird sie, geschliffener, gesättigt von der Erfahrung ihrer Wirkung, wo die Pausen sitzen müssen, wo die Lacher zu provozieren sind. Ich selber schäme mich immer ein bisschen, wenn mir bewusst wird, dass ich zum Beispiel vor Freunden, zum Beispiel vor Schauspielern, etwas zum wiederholten Male zum Besten gebe, vor allem, wenn jemand in der Runde ist, von dem ich weiß, dass er die Story (auswendig) kennt..

Geschichten – erprobt, geformt und verfeinert

Dabei lebt mein ganzer Beruf, die ganze Kunst des Theaters davon: gute Geschichten erzählen, alte Geschichten so gut (so spannend, so frisch, so berührend, so neu) wie möglich zu erzählen -  und zwar genau nicht spontan, improvisiert, sondern: durch viele Proben hindurch entwickelt, erprobt, geformt, verfeinert. Theatermachen ist Wiederholung, Variation, Konstruktion - und letztlich alles nur, um zu einem Punkt von Freiheit zu kommen - im Spiel, beim Zuschauer, in der Welt.  

Jan Bosse bei den Proben Jan Bosse bei den Proben | Foto: ©Christian Schuller  
Meine letzte Produktion am Burgtheater war eine Adaption von "die Welt im Rücken", ein aktueller Roman eines jungen deutschen, sehr erfolgreichen Schriftstellers, Thomas Melle, der in diesem Buch über seine manisch-depressive Erkrankung berichtet. Ein starkes, autobiografisches Buch über seine Erlebnisse mit den extrem unterschiedlichen Phasen der Erkrankung, seine Wahrnehmung der Welt und der eigenen zerstückelten Biografie.
(Seine) Geschichten erzählen, heißt: sich seiner selbst in der Verortung in der Welt versichern. Oder verunsichern. Es geht nicht so sehr darum, wie man ja meinen könnte, sich das Erlebte (oft Schreckliche) von der Seele zu schreiben, oder zu spielen - sondern eher um das genaue Gegenteil: die Wunden offen zu halten, die Dinge dem Vergessen zu entreißen. Man kann die Dämonen nicht vertreiben. Aber vielleicht bannen? Abergläubische Menschen sagen zu mir oft: sprich das doch nicht aus - sonst passiert das noch wirklich! Ich sag dann immer: nein man muss die Dinge grade benennen, um sie zu bannen. Aussprechen statt verschweigen. Sprache als Austreibung. 
 
Thomas Melle sagt, er empfinde sich schon als stigmatisiert durch seine psychische Krankheit, aber indem er über sie schreibt, aus ihr Literatur macht, stigmatisiere er sich gleichsam noch einmal, um sich letztlich zu entstigmatisieren. Karl Ove Knausgard schreibt so lange (endlos) über sich selber, bis das erzählende und erzählte "Ich" völlig abstrakt wird, er reiht exzessiv so viel Privates aneinander, bis es das Private nicht mehr gibt. Knausgard nennt sein Schreiben "Bekämpfung der Fiktion mit der Fiktion." 

Realität nur eine Konstruktion 

Obszön wird das Verfahren, wenn es in der Sphäre Politik missbraucht wird:  Donald Trump ist tatsächlich an die Macht gekommen - und man weiß trotz aller bitteren Realität noch immer nicht, ob man ihn nur lächerlich und selbstentlarvend, oder schlicht gefährlich finden soll. Der Unterschied zwischen Fakt und Fiktion wird populistisch einfach ignoriert, Fehler, Falten, Unpopuläres zurecht gebogen, gleichzeitig dumpf respektlos auf die "Lügenpresse" geschimpft - und frei erfundene "real news" verbreitet. 
 
Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man sich täglich totlachen über die Schamlosigkeit der Lügen, das komplette Leugnen jeder gesellschaftlichen Wirklichkeit. Und über die Dummheit, mit der den Rattenfängern unserer Zeit nachgelaufen wird. 
Das Spiel mit Wirklichkeiten und Wahrnehmung: Das Theater (wie alle Künste) darf das Feld nicht den professionellen Hochstaplern überlassen, das Theater kann das besser, intelligenter, muss das zum Thema machen: die Ambivalenz zwischen Realität und deren Auslegung, die herrliche Freiheit der Subjektivität - und ihr Missbrauch für machtpolitische Interessen. Jede Theaterinszenierung erfindet eine eigene Wirklichkeit mit ihren Gesetzen, die nur für diesen Abend gelten - und in der sich unsere Lebenswirklichkeit spiegeln, reflektieren, befragen kann. Die erfundene Wirklichkeit als Wahrheit - der Imagination. Das ist Freiheit. Gedankenfreiheit.   

Sehnsucht nach Wirklichkeit - nach sogenannter "Authentizität", die Realitätsgier der Medien..

Jan Bosse bei den Proben Jan Bosse bei den Proben | Foto: ©Christian Schuller
Schon Heinrich von Kleist war fatalistisch überzeugt, dass die Realität nur eine Konstruktion ist, weil wir uns aus dem Paradies der Unschuld selber vertrieben haben - und entwirft dennoch ein utopistischen Gegenversuch: "Das Paradies ist verriegelt. Ein Cherub steht hinter uns. Wir müssen die Reise um die Welt machen, sehen,, ob es vielleicht hinten irgendwo offen ist." 
Auf geht's!