In Teheran Fremdheit und Freiheit

Bosse in Iran
Bosse in Iran | Foto: ©JanBosse

Wie Regisseur Jan Bosse, der am Goethe-Projekt FREIRAUM mitwirkt, zufällig bei einem besonderen internationalen Theaterfestival in Teheran landet.
 

Vor vier Wochen rief mein alter Freund Matthias von Hartz an, Leiter von Theaterfestivals in Hamburg, Berlin, Athen, jetzt aktuell in Zürich. Ob ich schon einmal in Teheran gewesen sei, ob ich ihn begleiten wolle, er sei eingeladen zum iranischen internationalen Fajr Theaterfestival, fünf Tage Teheran, ich könne bestimmt mit ihm sein Hotelzimmer teilen, den Flug müsse ich allerdings selber zahlen. Nach einem Tag Bedenkzeit sagte ich zu, buchte den einzigen durchgehenden Lufthansa Flug von Frankfurt - schon eine Woche später sollte es losgehen. Spontaner, weiter weg geht kaum. In den Tagen danach folgten allerdings so einige Fragen: vom freien Westen in die unfreie Diktatur Iran - oh Schreck - ein Visum ist bestimmt notwendig - aber so kurzfristig? Nächster Schreck: Geld abheben kann man als Europäer im Iran nicht - woher kriege ich so schnell die iranischen Rial? Matthias rief an: keine Ahnung, ob das Festival auch mir beim Visum helfen könne, aber wir hätten bereits eine Einladung der Schweizer Botschaft zu einem persischen Dinner - noch kein Visum, aber schon eine Party! Sorgen mache er sich aber, ob zwei Männer in einem Doppelzimmer überhaupt eine gute Idee sei, wo doch im Iran auf Homosexualität offiziell immer noch die Todesstrafe stehe.
 
Letztlich reichten ein paar Anrufe und E-Mails, und alle europäischen Ängste lösten sich vorerst in Pragmatik auf. Visum in Teheran am Flughafen (begehrte Devisen machen’s möglich), Geldwechsel im Hotel (Erklärung der recht komplizierten Umrechnungsverhältnisse inklusive), Männer in Hotelzimmern interessieren niemand (nur verlegen kichernde Zimmermädchen, aber vielleicht war auch das eingebildet..) Schon der Flug brachte die erste spannende Begegnung - neben mir saß Hamid, ein 30jähriger sehr sympathischer Ex-Teheraner, seit 5 Jahren Consultant in Frankfurt, in die Freiheit geflüchtet, ein Teil der Familie in Schottland, der andere Teil in Teheran, den Koffer voller Geschenke für die vielen Nichten und Neffen, der mir in perfektem Deutsch gleich erstmal alles über Teheran verriet. Plötzlich Sturm über Süddeutschland, unangenehmes Gewackel, Hamid kreidebleich, klammerte sich an seinem Sitz fest und stellte sich als Opfer schwerer Flugpanik heraus, die nur durch Reden, Fragen, Erzählen momentweise zu vergessen war. Unendlich dankbar verabschiedete er mich später mit noch mehr Tipps und zwei Verabredungen: eine für Teheran und eine für später in Frankfurt.

Kämpfen um jeden Millimeter Freiheit

Fremd in Teheran - Moloch, Smog, nahezu unsichtbare, jedoch an allen Ecken spürbare Diktatur, unheimlich viel Theater, Energie, Hoffnung auf Veränderung. Für wie selbstverständlich wir bestimmte Freiräume nehmen, spürt man erst, wenn einem die Unfreiheit vor Augen ist - erst hier spürt man fast physisch, wofür es (auch bei uns!) zu kämpfen gilt. Großen Respekt vor all den modernen jungen und älteren Frauen, die den tagtäglichen Kampf kämpfen um jeden Millimeter Freiheit. Das obligatorische Kopftuch, meist unterlaufen als quasi modisches Accessoire - fast rituelles, nichtsdestoweniger gefährliches Spiel, wie das Tuch zufällig Zentimeter für Zentimeter herunterrutscht, korrigiert wird, wieder rutscht. Wie dann alle Tücher, kaum ist die Tür zu - im Proberaum, beim Empfang in der Privatwohnung, wenn man unter sich ist, sofort selbstverständlich ausgezogen werden.
Die Schweizer Kulturreferentin inmitten vieler Freunde, Kollegen, viele Künstler, tolle Menschen, herrliches persisches Essen, gezaubert von einer Freundin, Herausgeberin eines Kochbuchs der nordiranischen Küche.
 
Zu acht im kleinen PKW gestapelt, wummernder Teheraner Hiphop, die 20jährige Performerin am Steuer fährt wie der Henker, ein euphorischer Moment von Freiheit im Verkehrschaos des Molochs, plötzlicher krachender Schlag, Reifen und Felge an überhohem Bordstein zerfetzt. Fünf Europäer und drei Iraner hysterisch lachend am Rand der sechsspurigen Stadtautobahn. Irgendwann ein Polizist auf einer Vespa - Verhaftung am allerersten Tag?! Acht Leute im Kleinwagen, verbotener Alkoholkonsum, hat irgendjemand überhaupt einen Führerschein? Aber wieder lösen sich alle westlichen Ängste in sympathischer Pragmatik auf - nur von der Schnellstraße mögen wir doch bitte schleunigst runter.
Viel iranisches Theater, Performance, Tanz haben wir gesehen - ich meistens im Schlepptau von inzwischen drei Festivalscouts, immer auf der Suche nach dem nächsten spannenden Theater Coup, den man nach Europa einladen könnte. Mohammed, der nach 15 Jahren zum ersten Mal bereit ist, auf dem jährlichen großen Festival eine Arbeit zu zeigen, da ihm zugesichert wurde, dass er von Zensur unbehelligt bleibe, zeigt uns eine Probe seiner Performance mit einem Huhn. Er wird ankündigen, dass Tier am Schluss zu schlachten, um dann eine halbe Stunde zu erzählen, was diese szenische Metapher alles nicht bedeutet. „This is not about love. This is not about hate. This is not about fertility. This is not about sex. This is not about politics. This is not about censorship. This is not about freedom.” Maximaler Inhalt durch Leugnen derselben. Künstlerisch-politische Guerillataktik.
Er ist der erste, den wir offen fragen können, was es bedeutet, als Künstler in Teheran zu agieren.
 
Es sei schon besser geworden mit der Zensur. Man könne damit umgehen. Übungen im Umgang mit der Unfreiheit. Kämpfen um jeden Zentimeter Freiraum. „Die Zensoren machen nur ihren Job, es ist ein bisschen einfacher geworden, vor ein paar Jahren noch waren sie ideologische Überzeugungstäter, heute sind sie sehr pragmatisch, kümmern sich nicht weiter, sie machen halt ihren Job.“

Hamlet mit Kopftuch

Beim großen deutschen Gastspiel „Hamlet“ der Münchner Kammerspiele ein Riesen Ansturm von Leuten, die das deutsche Regietheater sehen wollen. Der junge Regisseur Christopher Rüping erzählt von der Absurdität des Verschleierungszwangs auf der Bühne. Die Schauspielerin, die Hamlet spiele, muss Kopftuch tragen - aber auch der Schauspieler, der sich in Ophelia verwandelt. In dem Moment, wo er eine Frau darstellt, muss auch er verschleiert sein - und wenn er ein Kleid anzieht, um zu Ophelia zu werden, müsse darunter auch er männliche nackte Oberkörper bedeckt sein. Für den iranischen Zuschauer sei er in diesem Moment eine Frau, daher gelten die strengen Vorschriften.
 
Wann ist jemals bei uns der romantische Glaube ans Theater so groß gewesen!?
Wenn Katja Bürkle als Hamlet mit Kopftuch ihren Shakespeare’schen verzweifelten Zorn ins Publikum schreit, fällt jedenfalls für einen Moment Hamlets Kampf gegen „das Gefängnis Dänemark“ mit dem Kampf der iranischen Frauen gegen ihr Gefängnis eng zusammen.
Die spannendsten theatralischen Versuche sahen wir hinter abgeschlossenen Türen - unmöglich, sie jemals öffentlich zu zeigen. Tänzer und Tänzerinnen, unverschleiert, barfuß, in Trainingsklamotten, physisch eindringliche Choreografien.
 
Theater im Konjunktiv: „Wenn wir diese Performance später einem geladenen privaten Publikum zeigen, werden sich in der letzten Szene, die wir heute noch nicht zeigen können, die beiden Tänzerinnen mit Klebeband, das wir noch nicht haben, mit einem Stuhl zwischen ihren Körpern zusammenkleben. Der eine Körper wird nackt sein, es wird so eine Art tanzendes Maschinenwesen entstehen“, übersetzt uns der Assistent auf Englisch die persischen Erklärungen des Regisseurs.
Berührend, wie die eine Tänzerin den leblosen Körper der anderen versucht, in Richtung Publikum zu schieben, während sie uns immer wieder fixiert - nicht hilfesuchend, nicht anklagend, einfach kalt objektiv, während sie mit großer Anstrengung immer wieder mit ihren einzelnen Körperteilen die Glieder der anderen Frau zu uns zu schieben versucht. Kein Vorwurf ist in ihrem Blick, als sie meinem eisern standhält, aber maximale, Forderung nach Freiheit, betroffen machende Fremdheit.