Journalismus vs Rührung Am Anfang war die Story

Am Anfang war die Story
Foto: ©Øyvind Sagåsen

Claas Relotius hat gelogen. Es geht um ein Verbrechen. Falls Sie von ihm schon gehört haben, dann kennen Sie auch seine Geschichte. Zumindest den offensichtlichen Teil: Als Redakteur des reichweitenstärksten deutschen Nachrichtenmagazins, „Der Spiegel“, hat Claas Relotius Dutzende seiner Texte in weiten Teilen inhaltlich erfunden.

Er reiste viel, häufig allein und schrieb eindrucksvoll. Doch was er berichtete, dachte er sich oft einfach aus. Ende vergangenen Jahres deckte ein Kollege alles auf. Nach Jahren der Auseinandersetzung mit „Fake-News“-Kritik und „Lügenpresse“-Vorwürfen kam der Angriff auf die Redaktionen diesmal von innen. Es ist einer der größten deutschen Medienskandale. Claas Relotius‘ Reportagen waren schlicht nicht wahr.
Aber sie waren schön. Und das ist das andere, nicht so offensichtliche Problem mit den Lügengeschichten. Beginnt ein Text mit der Nennung einer Person, ist er handwerklich korrekt. Texte sind Bühnen, sie brauchen Protagonisten. Es muss etwas geschehen. Und nichts führt schneller zur Geschichte als ein Akteur und seine Aktion. Wir brauchen dafür nur ein starkes Verb, als Brückenschlag vom Protagonisten zum Plot: „Claas Relotius hat gelogen.“ Doch was ist die Lüge? Wie wurde der Fakt zum Fake?
Factum, der lateinische Ursprung, beinhaltet schon das Erringen, die erbrachte Leistung, eine Ausführung. So wie die deutsche Tatsache mit der Tat verbunden ist. Es geht um einen Sachverhalt, eine Sache und ein Verhalten. Geht es um Wahrheit, versteht sie sich nicht von selbst. Jemand muss etwas tun. Beim „Spiegel“ lautet das Motto „Sagen, was ist“.

Texte kennen keine Naturgesetze


Und das ist die eigentliche Lüge. In vielen Redaktionen gibt es einen Glauben daran, dass man für sein Publikum über etwas berichten könnte, was schon ist – so und nicht anders. Im Deutschen gibt es dabei eine besonders faszinierende Doppeldeutigkeit des Begriffs „Lesen“. Er lässt sich für die intellektuelle Aneignung von Text verwenden, wie auch für das Pflücken von Obst. In vielen Redaktionen wird beides verwechselt. Der Unterschied aber ist gewaltig. Obst wächst am Strauch. Verbleibt es dort, fällt der Genuss aus. Die Naturgesetze sind rücksichtslos. Wenn die Zeit reif ist, muss man Obst lesen. So gibt es die Natur vor. Texte jedoch kennen keine Naturgesetze. 

Irgendwer muss handeln. Noch bevor wir Fakten und Fakes zu unterscheiden lernen, prägen uns beispielsweise Fabeln. Tiere sprechen mit sich und mit uns. Noch bevor wir selbst lesen lernen, erklären uns unsere Eltern schon die Moral von der Geschicht`. Noch bevor wir sprechen können, wird uns gelehrt, dass wir nicht die einzigen mit einem Willen und Handlungsvermögen sind. Am Anfang war die Story. Dann kamen die Sprache und die Schrift. Der Lauf der Dinge braucht seine Protagonisten und ihre Taten.
Es ist doch erstaunlich. Alles auf der Welt passiert in der Form, für die unser Gehirn seit unserem ersten Augenaufschlag trainiert wurde. Als nächstes wird Claas Relotius‘ Schicksal verfilmt. Die Verträge sind bereits unterschrieben. Darüber, dass hier aber etwas nicht stimmt, hat im vergangenen Oktober der Philosoph Alex Rosenberg ein mitreißendes Buch geschrieben. Der Titel lautet „How History Gets Things Wrong. The Neuroscience of Our Addiction to Storys“ und verrät es schon: Wir sind süchtig nach Storys. Im Detail: Frühkindliche Bildung, insbesondere das so wichtige Vorlesen, trimmt unser Gehirn auf Geschichten als Grundlage von allem.

Autoren, Intentionen, Ideologien und Glaubenssätze

Claas Relotius hat gelogen, das stimmt. Aber er konnte auch wunderschön schreiben. Er hat Geschichten erschaffen, die unseren Wünschen entsprachen, und damit ist er der Wirklichkeit manchmal nähergekommen, als ihm das mit einem – nämlich einseitigen – Tatsachenbericht gelungen wäre. Daraus lassen sich Vorwürfe und Urteile ableiten. Aber was heißt das für den Journalismus als Praxis? Claas Relotius` inzwischen zurückgegebene Auszeichnungen für seine Arbeit zeigen, dass er seine Leser zwar nicht gut informiert, aber tief berührt hat. Er hat sich als Autor aus dem Bild genommen und seine Leser glauben lassen, dass sie unmittelbar erfahren, was er angeblich erlebte. Das ist Kunst. Sie unterscheidet sich von Journalismus lediglich darin, dass der Autor dazusagen sollte, was er eigentlich sagen will, statt sein Werk für sich sprechen zu lassen. Wenn wir schon um Autoren, Intentionen, Ideologien und Glaubenssätze nicht herumkommen, dann machen wir sie doch wenigstens zum Thema. Doch die Antwort des „Spiegel“ ist eine andere. Steffen Klusmann, inzwischen Chefredakteur im Haus, sagte Ende vergangenen Jahres: „Es ist nach allem was wir bisher wissen ein genialistischer Einzeltäter, der uns da betrogen hat.“ Hinter dem Akteur und seiner Aktion lassen wir weiterhin alles Wichtige verborgen.