Jakob Sande Center f¨¨or narrative Art
Residenz für Künstler

Zwischen den Bergen im Westen Norwegens, an einem der engen Fjorde, liegt der idyllische Ort Dale. Hier wuchs der Lyriker Jakob Sande als Sohn des lokalen Küsters auf. Aus seinem Elternhaus ist inzwischen eine Künstlerresidenz entstanden, die Schriftsteller über einen bestimmten Zeitraum nutzen können - so wie Simon Stranger. Er schreibt:

Sie befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft zur weißen Holzkirche. Umgeben ist das Haus von Bäumen und einem enormen Rhododendron. Er stand in voller Blüte, als ich im Juni nach Dale kam, am Johannistag, berauscht von dem Gefühl, nach der langen Corona-Zeit endlich wieder rauszukommen, endlich wieder auf Tour zu gehen, mit offenen Augen und Ohren. Auf diese Weise wird jede Reise zu einer Entdeckungsfahrt, bei der man kleinen Straßen folgt und nicht weiß, was sich hinter der nächsten Ecke verbirgt. Vielleicht geht man in ein Geschäft mit Kunsthandwerk und schaut sich die Dinge dort an, vielleicht in ein Café, um einfach nur da zu sein.
Ich war in Dale, um einen Roman zu beenden; außerdem sollte ich literarische Vorträge halten und an Diskussionen teilnehmen, im Austausch mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Die kleine Scheune neben dem Haus fungierte als Bühne, und ich entdeckte bald, dass die Menschen an kleineren Orten mehr als nur eine Aufgabe haben. Der Bürgermeister holte mich am Johannistag ab und sorgte dafür, dass ich an einem Sommertag mit den Erwachsenen am Fjord zusammensitzen konnte, und derselbe Bürgermeister bediente bei Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche die Tonanlage.

An einem Abend sprach ich nur mit Erwachsenen, bei einem Glas Wein und voller Ernst, umrahmt von alten Holzwänden, über das Böse, Radikalisierung und Rechtsextremismus. Am Tag danach traf ich dann Kinder und Jugendliche.

Simon Stranger Foto: ©Agnete Brun

Nach vielen Jahren mit sehr ernsthaften Büchern – über boat people, Papierlose, globalen Handel – und dazugehörigen Auftritten vor Erwachsenen und Jugendlichen ist es eine große Freude, wieder für Kinder zu schreiben. Bücher, die von fast nichts anderem als purer Lesefreude handeln.  In denen ich etwas von der Freude zurückzugeben versuche, die ich empfand, als ich als kleines Kind in die Bibliothek ging, ein Buch fand und mich in einer anderen Welt verlor. Oder eigentlich nicht in einer anderen Welt, sondern in dieser, nur wirklicher und besser beschrieben. Ich verstand früh, dass Bücher nicht nur Tore öffnen, sondern auch so etwas wie Linsen darstellen, die uns ermöglichen, die kleinen und großen Dinge direkt vor unseren Augen besser zu sehen.

In den letzten Jahren war es also eine große Freude, aus all der Ernsthaftigkeit, all der Dunkelheit herauszutreten, in die ich mich normalerweise begebe, und mich einfach dem Humor hinzugeben. Der reinen, ungeschminkten Freude und der Magie, die Wirklichkeit zu erforschen. An diesem Vormittag, in Dale, zeigte ich den Kindern, die anwesend waren, Zeichnungen einer humoristischen Serie zur Weltgeschichte und bat sie, sich eine Fortsetzung der Geschichte auszudenken, wobei sie lernten, was der Kern einer traditionellen Geschichte ist. Ein Wechsel von Glück und Pech. Ist die Geschichte zu reibungslos und einfach, z.B. „Es war einmal ein Junge, der einen Drachen töten wollte, und das tat er“, ist die Geschichte vorbei, bevor sie begonnen hat. Ist die Geschichte zu widerborstig, etwa „Es war einmal ein Junge, der einen Drachen töten wollte, aber leider stolperte er auf der Treppe, brach sich das Genick und kam ums Leben“, ist sie keine Geschichte mehr.
 
An diesem Vormittag, in Dale, mussten wir den Nil überqueren, der voll von gierigen Krokodilen und monstergroßen, jähzornigen Flusspferden war. Die Kinder waren voller Eifer und machten ständig Vorschläge, wie die Geschichte weitergehen sollte.

Warum erzählen wir uns Geschichten?

Ursprünglich haben sich Menschen wohl immer Geschichten erzählt, um sich gegenseitig dabei zu helfen, Gefahren abzuwenden oder um einander auf Orte aufmerksam zu machen, wo man Nahrung fand oder jagen konnte. Auf diese Weise haben wir die traumhafte Fähigkeit erworben, die jeder Fiktion zugrunde liegt, nämlich dass wir uns nicht nur hier befinden, in einem Zimmer hinter einem Buch, sondern auch ganz woanders, an der Stelle, wo die Erzählung sich entspinnt.

Diese Fähigkeit bindet uns aneinander, und eine Erzählung ist nicht nur Unterhaltung und Zeitvertreib, sondern auch eine Möglichkeit, uns zusammenrücken zu lassen. Eine Art und Weise, etwas über das Wesen der Welt und über uns selbst zu erfahren.

So gesehen hat das Lesen immer eine Doppelfunktion: Wir ziehen uns von der Welt zurück, um sie näher betrachten zu können.

Danke an alle in Dale!
 

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