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Bibliotheken als Dritte Orte denken und leben

Weltweit streben Bibliotheken nach einem lebendigen und relevanten Look in einer sich noch stärker digitalisierenden Welt. Wie sieht sie aus, die Bibliothek des 21. Jahrhunderts? Auch wir arbeiten an einer Neugestaltung unserer deutsch-französischen Bibliothek in Ramallah. 

​Ein Gespräch mit dem niederländischen Architekten Aat Vos und Khaldun Bshara, Leiter des Riwaq Centre in Ramallah, über „3RD4ALL“.

Bibliothek als Dritter OrtAat Vos /Goethe-Institut Ramallah

Die Pandemie hat den Übergang in ein verstärkt virtuelles Leben beschleunigt und offenbart gleichzeitig, wie essentiell physische Begegnungen und Nähe sind. Ich würde argumentieren, dass Bibliotheken immer wichtiger werden. Wie können wir Bibliotheken im Zeitalter der Digitalisierung transformieren?
 
Aat Vos: Aus meiner Sicht erfüllen Bibliotheken die Aufgabe, Menschen dabei zu helfen, digitale Tools zu begreifen, die nicht jedem von uns zugänglich sind. Bibliotheken könnten erheblich dazu beitragen, den Zugang zur digitalen Welt zu ebnen. Denken Sie dabei nur an 3D-Druck oder Programmiersprachen! Wenn Bibliotheken mit solchen Angeboten experimentierten, würden sie sich zu Orten entwickeln, an dem Menschen gleichzeitig einander und neuen Ideen begegnen.
 
Khaldun Bshara: Das Internet hat die Informationsverbreitung erleichtert. Mit dem Wandel der Presse und Medien mussten sich auch Bibliotheken an den digitalen Wandel anpassen. Wi-Fi, digitale Kataloge, digitaler Content und angemessene Sitzlösungen stellen nun wesentliche Errungenschaften für die Anpassung an die neue „smarte“ Welt dar.
 
Wir haben uns darüber gefreut, Sie letztes Jahr in Ramallah begrüßen zu dürfen, Aat. Als wir mit Khaldun die Stadt und ihre Umgebung erkundeten, haben wir bemerkt, dass es Dritte Orte auch außerhalb von Bibliotheken gibt. Können Sie uns etwas mehr über Dritte Orte erzählen? Was genau ist so ein Dritter Ort und was macht ihn aus?
 
Vos: Wenn wir von einem Dritten Ort sprechen, beziehen wir uns auf eine Idee des amerikanischen Soziologen Ray Oldenburg. Der Erste Ort ist das eigene Zuhause. Der Zweite Ort ist Ihr Arbeitsplatz, die Universität oder Schule. Und diesen weiteren Ort, der weder unser Heim noch unsere Schule ist, verstehen wir als Dritten Ort. Es handelt sich um einen Ort, an dem Menschen Sie kennen und den Sie sich zu eigen machen können. Ich bin fasziniert von der Rolle, die diese Orte in unserer Gemeinschaft spielen können und beschäftige ich mich besonders mit der Frage, was Bibliotheken tun können, um ein Dritter Ort zu werden.
 
Bshara: Nach meinem Verständnis sollte ein Dritter Ort keinerlei konkrete Form annehmen, sondern vielmehr einer Geschichte mit offenem Ende gleichen, in der eine Um- beziehungsweise Rückgestaltung jederzeit möglich ist. Ein Dritter Ort besitzt keinerlei hierarchische Struktur, ist demokratisch, sozial, nutzerfreundlich, metamorph und umweltfreundlich. So könnte eine Bibliothek beispielsweise Klassenraum, Marktplatz und Café miteinander verknüpfen.
 
Hier in Ramallah verfügen wir über eine Bibliothek, die Medien in vier verschiedenen Sprachen anbietet. Dabei stellen Französisch und Deutsch die beiden wesentlichen dar. Wie kann es gelingen, verschiedene Sprachen in einem Dritten Ort zu integrieren und so eine Willkommenskultur zu leben?
 
Bshara: Englisch ist die wichtigste Sprache unserer globalisierten Kultur. Um jedoch die Identität eines Orts zu prägen, müssen dem Kontext entsprechend andere Sprachen sichtbar werden. In Ihrem Fall wären das Deutsch und Französisch, denn so positionieren Sie sich auch als unumgängliche Ressource. Um jedoch einen integrativen und freundlichen Raum zu schaffen, sollte es auf jeden Fall das Englische und Arabische miteinbeziehen, um mehr Menschen zu erreichen.
 
Vos: Ich glaube, es gibt mehr Möglichkeiten der Kommunikation als nur durch Worte. Betrachten wir genauer, was diese Erkenntnis für eine Bibliothek bedeuten könnte, so müssen wir Bibliotheken entwickeln, innerhalb derer das Wort nicht das alleinige und wichtigste Element darstellt, sondern wo es daneben weitere Sprachen gibt, die etwa auf Symbolen, Bildern und Assoziationen basieren. Wirklich wertvoll sind letztlich der Geist und die Kreativität der Menschen, die diesen Ort zu dem machen, was er ist. Aat Vos (r.) besichtigte während seines Besuchs im November 2019 mit Mona Kriegler (m. l.) und Khaldun Bshara (m. r.) Kafr 'Aqab in der Nähe von Ramallah. Aat Vos (r.) besichtigte während seines Besuchs im November 2019 mit Mona Kriegler (m. l.) und Khaldun Bshara (m. r.) Kafr 'Aqab in der Nähe von Ramallah. | © Goethe-Institut Palästinensische Gebiete Als wir uns an Sie und Ihr Team wandten, Aat, teilten wir Ihnen mit, dass wir ein interessantes Projekt haben, aber unsere finanziellen Ressourcen begrenzt sind. Wie können Sie unter diesen Voraussetzungen eine Bibliothek in einen Dritten Ort verwandeln?

Bshara: Wir müssen hier das Konzept einer Ressource erweitern, damit wir Möglichkeiten sehen können, die über finanzielle Mittel hinausgehen. Beispielsweise könnten wir Tauschhandel, freiwilliges Engagement oder Spenden in Betracht ziehen.

Vos: Das Team spielt hier eine sehr wichtige Rolle und muss etwas entwickeln, das nicht viel Geld kostet. Damit meine ich ein Bewusstsein darüber, dass jeder Tag wichtig ist. Ich gebe Ihnen ein paar Beispiele: Wenn das Team gastfreundlich ist, wird sich jeder willkommen fühlen, der den Ort betritt. Wenn das Team die Namen der Besuchenden kennt, wird sich jeder freuen, der den Ort betritt. Wenn wir nun den physischen Teil betrachten, gibt es einen Aspekt von Gastfreundschaft, der mit einer Atmosphäre zu tun hat: Das sind Farben, Licht und Materialien. Im Grunde geht es darum, den institutionellen Charakter eines Ortes aufzuheben. Und das funktioniert nicht mit Geld. Manchmal müssen Sie einfach nur Dinge aus einem Raum herausnehmen, oder Sie können die Benutzer gar darum bitten, ihre eigenen Sachen mitzubringen. Es geht also vielmehr um Kreativität und das Verstehen von Bedürfnissen. Neue Dinge zu kaufen ist das Letzte, was Sie tun sollten. Der Spirit und die Kreativität der Menschen sind es, die einen Ort zu dem machen, was er ist.

Das ist inspirierend! Meine letzte Frage richtet sich hauptsächlich an Sie, Aat. Die Umgestaltung unserer Bibliothek in Ramallah ist für Sie das erste Projekt, welches Sie außerhalb des globalen Nordens umsetzen. Wie war Ihre Erfahrung hier?

Vos: Bei unserem Besuch von Kafr 'Aqab und des Geflüchtetencamps in Qalandiya habe ich Ihnen viele Fragen gestellt, Khaldun. Eine davon war: "Was ist mit dem öffentlichen Raum passiert?" Ich weiß nicht, ob Sie sich daran erinnern, aber Sie haben mir gesagt, dass es aufgrund der Kolonialgeschichte keinen gibt. Für mich erklärt dies die Vernachlässigung des öffentlichen Raums, da er im Grunde niemandem gehört.

Danke, lieber Khaldun, lieber Aat! Wir hoffen, dass wir uns nach der Pandemie wieder in Ramallah treffen können, um unseren geplanten Design-Workshop mit Ihnen zu machen und den Grundstein zu legen für die Umgestaltung unserer Bibliothek zu einem „3RD4ALL“ in einem palästinensisch-deutsch-französischen Kontext.
 

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Das Gespräch führte Mona Kriegler, Leiterin des Goethe-Instituts in den Palästinensischen Gebieten und Co-Direktorin des Deutsch-Französischen Kulturzentrums in Ramallah.

Aat Vos ist Kreativcoach und Architekt. Er widmet sich der Wiederbelebung von Gemeingut, beeinflusst sozialen Wandel mithilfe seines Designs Dritter Orte und hat rund um den Globus zahlreiche Bibliotheken neugestaltet.

Khaldun Bshara ist Erhaltungsarchitekt und Anthropologe. Er ist derzeit Leiter des Riwaq Center for Architectural Conservation in Ramallah und hat sich innerhalb der letzten 20 Jahre intensiv mit der Erforschung der Architektur von Geflüchtetencamps befasst.
 

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