Bibliotheks- und Informationswissenschaft „Übergang von Information zu Wissen“

Bibliothekarin in Bibliothek
Bibliothekarin in Bibliothek | Foto (Ausschnitt): © Colourbox

Die Bibliotheks- und Informationswissenschaft ist an deutschen Hochschulen keineswegs eine fest etablierte Disziplin. Doch sie sieht gute Chancen in der interdisziplinären Forschung.

Auch wenn sich die Informationsgesellschaft mit rasanter Geschwindigkeit entwickelt, fristet die Bibliotheks- und Informationswissenschaft an deutschen Hochschulen ein eher stiefmütterliches Dasein. Das Fach wird hierzulande an einer sehr überschaubaren Zahl von Institutionen betrieben.

Neun deutsche Hochschulen bieten an relativ kleinen Instituten bibliotheks- und informationswissenschaftliche Studiengänge an. Das sind mit der Humboldt-Universität in Berlin eine Universität und acht Fachhochschulen: die Hochschule Darmstadt, die Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, die Hochschule Hannover, die Fachhochschule Köln, die Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig, die Fachhochschule für öffentliche Verwaltung und Rechtspflege in München, die Fachhochschule Potsdam sowie die Hochschule der Medien Stuttgart.

Mit Tradition, aber ohne festen Platz

Der Begriff „Bibliothekswissenschaft“ wurde mit dem Versuch eines vollständigen Lehrbuches der Bibliothek-Wissenschaft des Klosterbibliothekars Martin Schrettinger 1808 geboren. Die erste Studienmöglichkeit bot der 1886 gegründete Lehrstuhl für bibliothekarische Hilfswissenschaften an der Universität Göttingen, der allerdings nur 35 Jahre lang existierte. Die längste Tradition hat in Deutschland das Institut in Leipzig, wo seit 1914 ununterbrochen Bibliothekare ausgebildet werden.

„Von alters her spielen die Bibliotheks- und Informationswissenschaften in Deutschland eine mindere Rolle – etwa im Vergleich zu den sehr gut etablierten Library and Information Sciences in den USA“, erklärt Stefan Gradmann, Professor am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität. „Das Fach ist in einer schwierigen Situation, weil es sich gleich in mehrere Richtungen abgrenzen muss: in Richtung der Informatik und in Richtung der institutionellen Interessen von Bibliotheken und deren Verbänden.“

Berufsausbildung und Forschung

„Bibliothekarische Ausbildung und Bibliothekswissenschaft sind in Deutschland nicht voneinander zu trennen“, meint Gerhard Hacker, Professor für Bibliotheks- und Informationswissenschaft an der HTWK Leipzig. Gerade die Fachhochschulen bilden sehr praxisorientiert aus und haben ihre Studiengänge in den letzten zehn Jahren stark profiliert. Auch in den Forschungsprojekten schlägt sich der Praxisbezug nieder: „In der Regel bearbeiten wir konkrete Fragen, die von Bibliotheken und anderen Praxispartnern im Informationswesen auf uns zukommen.“

An der Universität stellt sich das etwas anders dar: „Die enge Restriktion auf die Ausbildung für den Bibliotheksberuf darf für uns eigentlich nicht leitend sein. Wir verstehen uns als wissenschaftliches Institut, an dem man auch berufsrelevante Fähigkeiten erwerben kann“, sagt Stefan Gradmann. Sein Institut an der Humboldt-Universität ist Mitglied der sogenannten iSchools, einer internationalen Gruppe von bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Instituten, die sich als exzellent verstehen.

Aktuelle Forschungsschwerpunkte

Nachdem die Bibliotheks- und Informationswissenschaft in Deutschland im 19. Jahrhundert eine stark historische Ausrichtung hatte, hat sich das Fach mittlerweile vor allem in zwei Richtungen entwickelt. Mit Beginn der Digitalisierung und Vernetzung seit den Achtzigerjahren gibt es eine starke Bindung zur Informatik.

Aktuell sieht Stefan Gradmann hier den „Übergang von Information zu Wissen“ als ganz wichtigen Forschungsschwerpunkt: „Es dreht sich um die Frage: Wie kann ich Informationen so kontextualisieren, dass daraus Wissen wird? Das betrifft letztlich alles, was Semantic Web und Linked Data heißt.“

Daneben geht das Fach – mit Themen wie der Vermittlung von Informationskompetenz und Nutzbarkeit von Medien – stark in den Bereich sozialwissenschaftlicher Forschung.

Web Science und Digital Humanities

Einig sind sich die Experten, dass die Zukunft der Bibliotheks- und Informationswissenschaft im interdisziplinären Zusammenspiel liegt. „Tatsächlich wird es in 50 Jahren ohne bibliotheks- und informationswissenschaftliches Know-how kein vernünftiges Rohdatenmanagement für immer größere Datenmengen – egal in welcher Wissenschaft – geben“, meint Gerhard Hacker. „Ich denke, dass unsere Institute viel stärker als bisher in ihre fachliche Nachbarschaft hineinwirken können – und so ähnlich unentbehrlich werden wie die Bibliotheken als Informationsversorger der Hochschulen.“

Stefan Gradmann sieht die Informationswissenschaft in Zukunft zum Teil im Feld der „Digitalen Geisteswissenschaften“ (englisch: Digital Humanities), wo es um die Frage des Verstehens und der Interpretation im digitalen Kontext geht. „Außerdem ist sie für mich ein spezifischer Teil dessen, was derzeit unter dem Rubrum Web Science entsteht. Wenn wir dort den Anschluss hinkriegen, wird das Fach wieder deutlich sichtbarer werden, als es in der Vergangenheit war.“