Öffentlichkeitsarbeit in kleinen Bibliotheken Mut zur Kooperation

Dirk Wissen
Dirk Wissen | Foto (Ausschnitt): © privat

Die Angebote kleinerer Bibliotheken werden in der Öffentlichkeit oft nicht hinreichend wahrgenommen. Im Interview spricht Dirk Wissen über Möglichkeiten, Bibliotheksleistungen im Bildungs- und Kulturangebot einer Stadt wirksamer darzustellen.

Herr Wissen, warum ist Öffentlichkeitsarbeit gerade für kleinere Bibliotheken wichtig?

Während große Kultureinrichtungen oft eine eigene Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit haben, fehlt es in kleineren Bibliotheken nicht nur an Geld und Personal, sondern auch an Mut oder Selbstvertrauen, um Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben. Dabei gibt es wunderbare Möglichkeiten, Projekte auch ohne hohen Etat und ohne zusätzliches Personal so umzusetzen, dass sie in den Medien beachtet und in den Netzwerken kommuniziert werden. Bei Öffentlichkeitsarbeit muss man nicht sofort an kostspielige Werbekampagnen denken, sondern kann mit netten zwischenmenschlichen Aktionen viel bewirken. Ein Schwerpunkt sollte die Kooperation sein.

100 Tage – 100 Teelichter

Können Sie Beispiele für gelungene Aktionen aus Ihrer Berufspraxis nennen?

In den ersten 100 Tagen als neuer Bibliotheksleiter einer Stadtbibliothek habe ich 100 Persönlichkeiten des Bildungs- und Kulturlebens der Stadt auf eine Tasse Espresso und ein Gespräch eingeladen, vom Oberbürgermeister bis hin zum Hausmeister. Aus dieser Aktion entstanden zahlreiche Kooperationen und Vernetzungen. Am 100. Tag habe ich einen öffentlichen Empfang gegeben. Viele Journalisten waren schon zuvor bei mir zu Gast gewesen, die Medien waren also involviert und informiert. So war gewährleistet, dass über den Empfang positiv berichtet wurde.

Ein anderes Beispiel für eine gelungene Aktion zur Öffentlichkeitsarbeit war die Kooperation mit einer Lichtkünstlerin, die ein Dorffest mit Teelichtern geschmückt hatte. Ich habe sie gebeten, auch die Fassade unserer Bibliothek mit Teelichtern zu gestalten. Wir haben auf jede Außenfensterbank Teelichter gestellt. Eine Gruppe Ehrenamtlicher hat die Aufgabe übernommen, auf die Sicherheit beim Umgang mit dem offenen Feuer zu achten. Wir hatten Bildjournalisten eingeladen, und es gab tolle, öffentlichkeitswirksame Fotos der Aktion. Die Situation erinnerte an einen Flashmob: „Kommt vorbei, da könnte heute Abend was passieren.“

Kooperation ist ein Instrument der Öffentlichkeitsarbeit

Wie kann die Bibliothek selbst zur Öffentlichkeitsarbeit beitragen?

Nur kooperativ – unabhängig davon, ob es sich um eine Veranstaltung, eine Pressemitteilung oder um eine Aktion handelt, sollte sich die Bibliothek immer Partner suchen. Von den Kompetenzen anderer Institutionen kann man lernen, neue Erkenntnisse gewinnen und die typischen Synergieeffekte nutzen. Damit steht eine Bibliothek nicht alleine in der Öffentlichkeit und setzt ein kooperatives Signal nach außen. Wenn man Künstler einlädt und sich Fotografen sowie ein Team von ehrenamtlichen Helfern sucht, dann erhält eine Aktion den richtigen Rahmen.

Welche weiteren Möglichkeiten zur Öffentlichkeitsarbeit haben kleine Bibliotheken mit limitierten Mitteln?

Wenn man nur wenig oder gar keinen Etat für Öffentlichkeitsarbeit zur Verfügung hat, kann man mit einer kleinen Aktion zu einer Kampagne beitragen, die beispielsweise ein übergeordneter Bibliotheksverband organisiert hat. Dann wird innerhalb dieser Kampagne über die lokale Aktion berichtet. Ich glaube, es kommt zuerst auf die Idee an, dann auf den Mut, kreativ und motiviert zu sein, und letztlich darauf, dies konzeptionell umzusetzen. Man muss Vorhaben und Ziele so kommunizieren, dass sie auch verstanden werden, um die richtigen Partner zu finden. Solche Partner können etwa Funktionsträger im Bildungs-und Kulturwesen oder Personen aus Verwaltung und Politik sein. Man kann ihnen anbieten, ihre nächste Vereinssitzung oder eine nächste Ausschusssitzung in der Bibliothek stattfinden zu lassen. Eine Mischung aus Einzelpersonen und institutionellen Partnern wie Schulen, Volkshochschulen und Kindertagesstätten ist gut. Wichtig ist es, dass Vertreter einer Bibliothek häufig an Empfängen oder Eröffnungen in der Stadt teilzunehmen, um mit vielen Menschen ins Gespräch zu kommen. Das ist anstrengend und bedeutet sehr viel Kommunikationsarbeit, aber es lohnt sich.

Welche Themen werden Sie auf Ihrem Workshop zur Öffentlichkeitsarbeit für kleinere Bibliotheken auf der Internationalen Buchmesse in Guatemala anbieten?

Mit den Teilnehmern des Workshops in Guatemala werde ich anhand ihrer Ideen ein Modul für eine Konzeption für Projekte der Öffentlichkeitsarbeit erarbeiten. Eventuell sollte erst eine Umfeldanalyse gemacht werden: Welche Möglichkeit hat die Bibliothek vor Ort, welchen Etat und welche Verwaltungsstruktur? Man muss sehr individuell auf die einzelne Bibliothek eingehen.
 
Dirk Wissen, geboren in Münster in Westfalen, studierte in Hamburg, Berlin und Wien und promovierte 2007 in Wien zum Thema „Zukunft der Bibliographie – Bibliographie der Zukunft“. Von 2008 bis 2015 leitete er die Stadt- und Regionalbibliothek Frankfurt (Oder) und führte hier ein neues Konzept der Öffentlichkeitsarbeit ein. Dirk Wissen ist derzeit Dozent an Hochschulen, unter anderem in Berlin, Hamburg und Köln.