Istanbul Kaum noch Platz zum Atmen

Ekümenopolis
Ekümenopolis | © Ekümenopolis

Istanbul erlebt seit einigen Jahren gigantische städtebauliche Veränderungen, die dramatische Auswirkungen auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt der Stadt haben. Davon erzählt der Dokumentarfilm „Ekümenopolis: Stadt ohne Grenzen“ von 2011. Er zeichnet das Bild einer Metropole, die kaum noch Luft holen, geschweige denn einen städtebaulichen Masterplan vorlegen kann. Als gebe es kein Morgen, werden rücksichtlos ökologische und ökonomische Grenzen überschritten.
Anna Esser hat darüber mit dem Regisseur Imre Azem gesprochen.

Anna Esser:
Warum haben Sie den Film gedreht?


Imre Azem:
Die Bevölkerung in Istanbul muss wissen, was in und mit ihrer Stadt passiert. Darüber muss öffentlich diskutiert werden. Ich habe lange in New York gelebt. Als ich vor einigen Jahren nach Istanbul zurückkam, ist mir aufgefallen, wie viel sich hier verändert. Es gibt zahlreiche Entwürfe für den Städtebau, die Öffentlichkeit wird jedoch nicht in die Planung miteinbezogen. Allein ein kleiner Kreis von Akademikern, Stadtplanern und Architekten beschäftigt sich damit, die Diskussion um den Umbau der Stadt erreicht die Menschen nicht. Der zweite Grund, warum ich den Film drehen wollte, ist, dass die Menschen zwar sehen, was in ihrer Nachbarschaft vor sich geht. Sie sehen aber nicht das ganze Bild, die Dynamik, die dahintersteckt, die Verbindungen. Diese Verknüpfungen wollte ich aufzeigen. Darüber hinaus wollte ich Kritik am ökonomischen und politischen System in der Türkei üben. Die wirtschaftlichen Begriffe sind jedoch zu abstrakt. Die Stadt selbst ist aber eine Reflexion des Systems, man erlebt es jeden Tag, die Kritik wird greifbarer und verständlicher.

Wie wurde der Film angenommen?

Super. Die Leute diskutieren viel mehr über die ganze urbane Veränderung als früher, habe ich den Eindruck, sie sind engagierter. Der Film dient ja auch als Werkzeug, um Menschen zusammen zu bringen, und das funktioniert sehr gut. Bisher haben wir den Film über 200 Mal an Universitäten und in Nachbarschaftsvereinen gezeigt.

Was ist aus den Vierteln geworden, die im Film gezeigt wurden?

In Ayazma, dem Viertel auf der europäischen Seite von Istanbul, das neben dem Olympia-Stadion liegt, werden gerade luxuriöse Residenzen hochgezogen, riesige Türme mit Swimmingpools und allem Drum und Dran. Sulukule, das alte Roma-Viertel musste teuren zweigeschossigen Villen weichen.

Was ist mit weiteren Vierteln, die abgerissen werden sollen? Gibt es Hoffnung, dass die Zerstörung verhindern werden kann?

Schon. Aber alleine werden die Bewohner es nicht durchhalten können. Sie müssen sich zusammenschließen und dürfen nicht mit der Stadtverwaltung verhandeln. Denn sonst fällt der Verband auseinander und die Behörde kann dann machen, was sie will. Wir müssen diese Art urbaner Transformation komplett ablehnen und gemeinsam neue Wege finden.

Wie könnten diese Wege aussehen?

Es sind vor allem zwei Problemfelder, die angegangen werden müssen: zuerst muss das sozio-ökonomische Niveau in den Vierteln verbessert werden, durch Sozialprogramme oder neue Arbeitsmöglichkeiten etwa. Die Bewohner der Viertel, die abgerissen werden sollen, leben in sehr prekären finanziellen Verhältnissen. Der Mindestlohn in der Türkei liegt bei 800 TL. Die Hungergrenze für eine 4-köpfige Familie liegt bei 1.000 TL. Die relative Armutsgrenze, bei der Essen, Transport, Wohnen, Bildung, Kleidung enthalten ist, liegt bei einer Familie mit zwei Kindern bei 3.000 TL. Zweitens dürfen Sozialwohnungen nicht verkauft, sondern müssen zu günstigen Konditionen vermietet werden. Die Viertel sollten nicht nur als Orte für Finanz-Spekulationen gesehen werden. Die Verantwortung und die Kosten für Sanierungen zur Erdbebensicherheit sollten aufgeteilt werden. Nicht nur Hauseigentümer, auch Mieter sollten berücksichtigt werden. Diese ganzen Dinge sind miteinander verbunden. Wir können also nicht nur nach einer Lösung für das Wohnungsproblem, sondern müssen gleichzeitig die anderen Themen angehen.

Wenn man sich die Mieten in Istanbul anschaut, erscheint das Ziel sehr hochgegriffen…

Nein, wenn man den Wohnungsmarkt verstaatlicht und nicht nur nach Profit giert, ist das möglich. Der Immobilienmarkt ist einer der Pfeiler des türkischen Wirtschaftserfolges. Dabei werden unglaubliche Gewinne von einigen wenigen erwirtschaftet. Um ein Beispiel zu geben: In Tarlabasi, einem ärmeren Viertel in der Nähe des Taksim-Platzes, das schicken Apartments für die Mittelschicht weichen soll, wird ein Wohnhaus mit acht Wohneinheiten auf vier Stockwerken vom Besitzer für 120.000TL gekauft. Das ganze Gebäude. Es wird renoviert, vielleicht für ein paar hunderttausend Lira. Anschließend verkaufen sie jedes einzelne der insgesamt acht Apartments für 800.000 TL. Das muss man sich mal vorstellen, welche Gelder da fließen. Der Staat, der mit seiner Wohnungsbaugesellschaft TOKI direkt involviert ist, ist dafür da, der Öffentlichkeit zu dienen und nicht horrende Gewinne in die eigene Tasche zu stecken.

Was ist aus den Familien im Film geworden?

Manche haben die Gelder für die Vorauszahlung zusammenkratzen können, wie Kazims Familie. Sie zahlen jetzt sehr viel für eine kleine Wohnung am Rand der Stadt, in Kayabasi. Kazim verdient mit seiner Arbeit den Mindestlohn, die Familie hat vier Kinder. Die älteste Tochter wurde mit 17 verheiratet, damit sie das Brautgeld in die Vorauszahlung stecken konnten. Die beiden anderen Töchter verkaufen am Wochenende Wasser an Straßenkreuzungen, um zum Familieneinkommen beizutragen und der jüngste ging mit zehn Jahren von der Schule ab, um seither für einen Hungerlohn in einer Textilfabrik arbeiten zu können. Das sind die sozialen Kosten dieser urbanen Transformation, die viele Familien des Landes gerade zu tragen haben. Die meisten, die in Istanbul in den abrissgefährdeten Gebieten leben, sind Migranten aus dem Osten des Landes. Viele wären nicht nach Istanbul gekommen, gäbe es in ihren Dörfern genug Arbeit. Der typische Push-Pull Effekt: die Menschen zieht es in die Städte, da die ländlichen Gebiete vernachlässigt werden.

Ist es in Europa nicht ähnlich?

Landflucht gibt es dort auch, ja. Aber so eine Wohnentwicklung gibt es nicht in Europa. Vielleicht noch in Frankreich, in den Vorstädten, in denen es jetzt große soziale Probleme gibt. In Deutschland gab es diese urbane Transformation nach dem Krieg auch, als aber die katastrophalen Folgen ersichtlich wurden, dachte man um. Sozialwohnungen werden in Westeuropa zu günstigen Preisen vermietet, sie sind in die Stadt integriert und liegen nicht am Rand, irgendwo im Nichts. Nirgendwo in Europa stehen Sozialwohnungen zum Verkauf. Nur nach einer bestimmten Nutzungszeit können sie in bestimmten Fällen veräußert werden. Einen weiteren Unterschied gibt es: Die Türkei ist kein Sozialstaat. Daher sind die sozialen Beziehungen, die sich in den Vierteln abspielen, für viele überlebenswichtig. In den alten Nachbarschaften waren viele auf die Solidarität ihrer Nachbarn angewiesen. Wurde jemand arbeitslos, dann kochte der Nachbar für ihn, sie konnten beim Lädchen, den bakkals, anschreiben lassen. In den neuen Siedlungen gibt es jetzt Supermärkte und man kennt meist nur seine direkten Nachbarn.

Wehren sich die Menschen gegen diese Veränderungen?

Ja. Ein Viertel aus dem Film, Tozkoparan soll dem Umbau zum Opfer fallen, aber da ist noch nichts passiert. Der Nachbarschaftsverein, der sich dort 2011 gegründet hat, widersetzt sich. Auch Bewohner aus anderen Stadtvierteln wie Basibüyük leistet Widerstand. Darüber hinaus haben die Gezi-Proteste des Sommers 2013 vielen Menschen die Augen geöffnet. Gezi war wie eine blühende Blume, die jetzt viele Ableger in Form von Foren, Nachbarschaftsvereinen oder Gruppen bekommen hat. Ich hoffe, dass der Widerstand weitergehen wird. Eigentlich war ich davon ausgegangen, dass es drei Generationen bedarf, damit sich etwas ändert. Unsere Generation wäre für die Bewusstseinsmachung zuständig. Die 2. Generation würde sich organisieren und die 3. Generation aktiv werden. Aber jetzt ist alles viel schneller gegangen. Gezi war wie eine Zeitmaschine.