Ballhaus Naunynstraße Mit Volldampf gegen Klischees

Das Ballhaus Naunynstraße im Berliner Einwandererbezirk Kreuzberg ist konzeptionell einmalig in Deutschland: Künstlerinnen und Künstler der zweiten und dritten Einwanderungsgeneration bespiegeln in dem kleinen Hinterhoftheater die gesellschaftlichen Diskurse aus ihrer Perspektive. 2008 gegründet, avancierte die Bühne unter ihrer Leiterin Shermin Langhoff zu einer der gefragtesten Adressen für interkulturelle Trendscouts und Festivalmacher.

Friedrich Schiller steht nicht besonders hoch im Kurs bei den Jugendlichen mit so genanntem Migrationshintergrund, die in Nurkan Erpulats und Jens Hilljes Stück Verrücktes Blut die Bühne bevölkern. Statt sich in die Szenerie von Wallensteins Lager oder Kabale und Liebe hineinzudenken, kratzen sich die Kids lieber provokant im Schritt, hacken auf ihre Handys ein oder beleidigen lauthals die defensive Deutschlehrerin. Als einem Schüler schließlich – um das weit verbreitete Klischee vom gewaltbereiten migrantischen Bildungsverlierer perfekt zu machen – eine Waffe aus der Tasche fällt, nutzt die Pädagogin die Gunst der Stunde und dreht den Spieß um: Mit der vorgehaltenen Pistole und unter teilweise wüsten Beschimpfungen paukt sie den jugendlichen Störenfrieden Schiller ein.

Humorvolle Demontage von Klischees

Verrücktes Blut, eine Koproduktion mit der Ruhrtriennale, markiert den bisher größten Erfolg des 2008 gegründeten Ballhauses Naunynstraße, in dem Künstlerinnen und Künstler der zweiten und dritten Einwanderungsgeneration angetreten sind, sich aus ihrer Perspektive in die gesellschaftlichen Diskurse einzumischen. Viele namhafte Medien erklärten die freie Theateradaption von Jean-Paul Lilienfelds Film La Journée de la Jupe, die im Herbst 2010 Premiere feierte, zum Überraschungshit der Bühnensaison 2010/2011 – und katapultierten die bis dato eher Insidern bekannte Kreuzberger Hinterhofbühne schlagartig in überregionale Bedeutungssphären. Viele sahen in dem Abend die perfekte Antwort auf die kruden Thesen, die der ehemalige Berliner Finanzsenator und Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin zufällig zeitgleich in seinem Buch Deutschland schafft sich ab veröffentlichte: Verrücktes Blut attackiert auf komödiantische Weise genau jene Migranten-Klischees, die Sarazzin dort ernsthaft reproduziert. Die Festivaleinladungen, die nun auf dem Schreibtisch der Ballhaus-Chefin Shermin Langhoff landen, stammen von den renommiertesten Institutionen des deutschsprachigen Theaterbetriebs: Verrücktes Blut ist 2011 sowohl zum Berliner Theatertreffen als auch zu den auf Gegenwartsdramatik spezialisierten Mülheimer Theatertagen eingeladen.

Nurkan Erpulats Inszenierung folgt einer durchaus verallgemeinerungsfähigen künstlerischen Strategie des Hauses: Virulente Klischees wie das vom gewaltbereiten Bildungsverlierer oder von der unterdrückten Kopftuchträgerin, die zumindest Teile eines bürgerlichen deutschen Publikums beim Stichwort Migrationshintergrund sicher assoziieren, werden belustigt vorgeführt, parodiert, mit Volldampf demontiert und auf diese Weise ad absurdum geführt. Das hartnäckige Stereotyp und dessen humorvolle Exekution auf offener Bühne fungieren quasi als Einfallstor zur tiefgründigen Auseinandersetzung mit migrantischen und postmigrantischen Biografien: „Über die Dekonstruktion dieser Klischees versuchen wir“, so Shermin Langhoff, „zu einer Komplexität in der Wahrnehmung zu kommen.“

Schritte zu einer interkulturellen Theater-Normalität

Es handelt sich sozusagen um den ersten Schritt auf dem Weg zu einer interkulturellen Theater-Normalität. Denn das traditionsgemäß elitäre Medium, das sich gerade erst auf breiterer Ebene für Künstlerinnen und Künstler mit Migrationshintergrund zu interessieren beginnt und dem Film, der Popkultur oder auch der bildenden Kunst beträchtlich hinterher hinkt, hat in diesem Punkt einigen Nachholbedarf. Die Gefahr der „eigenen Ethnifizierung“, der solche Projekte ganz zwangsläufig ausgesetzt sind, werde dabei im Team immer wieder kritisch reflektiert, erklärt Langhoff: „Natürlich haben wir den Anspruch, nicht immer nur auf Zuschreibungen von außen zu reagieren, sondern visionär zu sein und unsere eigenen Setzungen zu machen.“

Als „postmigrantisches Theater, das sich für Konfliktzonen interessiert“ und „spannende, noch nicht erzählte Geschichten, beziehungsweise Protagonisten aus den urbanen Zentren bieten“ will, umreißt Langhoff ihr künstlerisches Gesamtkonzept. Und unter dieses Dach passen Abende wie Gazino Arabesk, der ohne explizite Thematisierung migrantischer Sujets mit Genres wie Musical und Seifenoper spielt, ebenso wie die Adaption von Orhan Pamuks Roman Schnee oder Hakan Savas Micans Arbeit Die Schwäne vom Schlachthof, in dem Kreuzberger Migrantenbiografien auf ostdeutsche Biografien treffen.

Künstlerische und biografische Vielfalt

In die Gefahrenzone einer allzu überschaubaren inhaltlichen und ästhetischen Homogenität gerät das Ballhaus Naunynstraße schon deshalb nicht, weil die Biografien und beruflichen Hintergründe der dort arbeitenden Künstlerinnen und Künstler äußerst vielgestaltig sind: Nurkan Erpulat, der 1974 in Ankara geborene Regisseur von Verrücktes Blut, studierte an der renommierten Berliner Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch Theaterregie. Seine deutsch-togoische Kollegin Simone Dede Ayivi – Absolventin des Hildesheimer Studienganges für Kulturwissenschaften und Ästhetische Praxis – reflektiert in Der kleine Bruder des Ruderers die afrikanische Herkunft als Teil ihrer eigenen Geschichte. Und wieder andere wie Neco Celik oder Idil Üner stießen aus der Filmbranche zum Theater.

Die 1969 im türkischen Bursa geborene Intendantin selbst, Shermin Langhoff, kam als Neunjährige mit ihrer Mutter nach Deutschland, rief dort einige Jahre später die Nürnberger deutsch-türkischen Filmtage ins Leben, mischte als Initiatorin oder Produzentin bei anspruchsvollen Projekten mit und wurde schließlich von Matthias Lilienthal, dem künstlerischen Leiter des Berliner Hebbel am Ufer (HAU), gefragt, ob sie Lust hätte, ein Theaterfestival zu kuratieren. So entstand in Lilienthals Kreuzberger Theaterkombinat mit dem erfolgreichen Festival Beyond Belonging ein – wenn man so will – Vorläufer des heutigen Ballhauses, der sich dann dort gleichsam örtlich verstetigte und künstlerisch ausdifferenzierte. Für ihre Arbeit in dem kleinen Kreuzberger Hinterhoftheater, das konzeptionell bis dato einmalig in Deutschland ist, erhielt Shermin Langhoff den mit 75.000 Euro dotierten Kairos-Preis 2011.