Paul Schwer The Passenger

Paul Schwer-The Passenger
Paul Schwer-The Passenger | Foto: Can Akgümüs

Tuğba Esen sprach mit Paul Schwer über seine aktuelle Ausstellung in der Istanbuler Galerie Pi Artworks. In "The Passenger" zeigt der Künstler vier seiner jüngsten Skulptur-Arbeiten, die als ortsspezifische Installation einen eigenen Raum schaffen. Die Werke reflektieren Schwers charakteristische Merkmale seiner Kunst, auf der anderen Seite erkennt man, inspiriert durch Istanbul,  eine neue Perspektive seiner künstlerischen Praxis.

Die Ausstellungseröffnung in Istanbul fand zu einer sehr kritischen Zeit statt. Sie haben in dieser Zeit sehr viel Gewalt erlebt. Wie ging es Ihnen dabei? Was meinen Sie zur Funktion von Kunst in diesen Zeiten, kann sie helfen ? 

Es war eine sehr kritische Zeit. Zuerst konnte ich die Situation nur schwer einordnen.  Als ich dann aber auf dem Weg zur Galerie erleben musste, dass ein Selbstmordattentäter sich einhundert Meter hinter mir in die Luft sprengte, war ich sehr erschüttert und wirklich sehr verunsichert. Ich war auch unsicher über die Funktion oder Bedeutung von Kunst, von einer Ausstellung überhaupt in solchen sehr kritischen Zeiten.
Trotz allem denke ich, dass Kunst völlig unvereinbar und das völlige Gegenteil von solch einem Akt der Gewalt ist. Kunst ist ein Akt der Freiheit, der Freiheit des Denkens in einer symbolischen Weise. Sie ist kommunikativ, ein Angebot zur freien Kommunikation. Jemand, der Gewalt und Tod benutzt, steht komplett außerhalb einer künstlerischen Art zu denken. Er hasst Kunst.
Kunst darf kein Opfer von Gewalt werden, sonst bleibt die Gewalt Sieger.
In diesem Sinne ist Kunst tatsächlich eine Hilfe, weil sie in ihrem Zentrum diese Element von Freiheit, von freiem Denken in sich trägt.

Die Ausstellung "The Passenger" reflektiert charakteristische Arbeiten und Installationen Ihres Werkes. Aber gleichzeitig ist es eine Ausstellung über die City von Istanbul. Wie verbinden Sie sich und Ihre neuen Arbeiten mit diesem Ort ?

Ein Charakteristikum meiner Arbeit ist, dass der Betrachter sich in einem Spannungsfeld zwischen Malerei, Skulptur und Licht  bewegt, als Resultat einer ins Dreidimensionale wuchernden Malerei, eingebettet in eine dreidimensionale Zeichnung aus mit Reflektionsfolie überzogenen Metallstangen.
Die ganze Installation ist eine ortsbezogene Arbeit (site specifique) mit einem installativen Teil in der Mitte des Raumes,  der dem Besucher scheinbar entgegenfällt. Die herunterfallenden Leuchtstoffröhren docken direkt an das Lichtsystem der Galerie an. Dadurch sind die Grenzen zwischen dem Funktionslicht und dem Kunstwerk verwischt. Das Beleuchtung scheint ein integraler Bestandteil der Lichtskulptur zu sein und gerät mit dieser ins Taumeln. 
Spezifisch für Istanbul ist die Struktur des Rahmenwerks unter der Lichtzeichnung, die auf einem Seldschuken- Motiv beruht. Ein weiterer Bezug zu Istanbul ist etwas versteckt. Auf einigen PET-Skulpturen finden sich Siebdrucke mit Straßenmotiven von Istanbul. Da das PET - Material nach dem Bedrucken aber gezogen und verdreht wurde, ist es schwierig, diese zu erkennen. Es gibt aber auch einige Photos von Island (mit Gletschern und Schrottautos) Der Titel "The Passenger" geht auf einen Song von Iggy Pop zurück. Der Text meint soviel wie , daß man immer umsteigen, aber nie aussteigen kann. Das beschreibt auch mein Verhältnis zu Istanbul, das bisher immer ein vorübergehendes, passageres geblieben ist.

Sie haben das Seldschuken - Motiv auf ungewöhnliche Weise benutzt. Können Sie erklären, wie dieses Motiv Ihre Installation inspiriert hat, und was es für Sie bedeutet ?

Im 12. und 13. Jahrhundert war die Seldschuken Periode eine Zeit humanistischer Philosophie mit klaren geometrischen Strukturen in der Architektur als ein Symbol für Vergänglichkeit und Ewigkeit. Ich benutze diese geometrische Struktur als ein Rahmenwerk im Ausstellungsraum.  Der Besucher kann in diesen Rahmen eintreten, selber ein Teil des Musters werden. Die Struktur wiederholt sich selber und ist endlos. Es braucht nur einige Segmente, einige dekonstruierte Teile,  um dieses unendliche Muster zu zeigen. Dies gibt dir ein Gefühl, in einer Ordnung unter dem Nachthimmel des Firmaments zu sein, mit einer ständigen Wiederholung der geometrischen Form von Sternen.

Deine Installationen beinhalten verschiedene Elemente. Metallstrukturen, Licht und PET- Skulpturen. Wie verbindest du diese verschiedenen Teile? Was für einen Dialog schaffen sie ?

Ich glaube, dass all diese verschiedenen Materialien mit dem Thema Licht zu tun haben. Die Metall- Stäbe zeichnen einen dreidimensionalen Rahmen in den Ausstellungsraum. Es braucht keine Wände, um die Idee eines dreidimensionalen Körpers in der Architektur zu geben. In der europäischen Kunstgeschichte findet sich diese Idee in der Gotik. Es gibt dort nur Konstruktionselemente, die Wände sind ersetzt durch transparente Glasfenster mit farbigen Elementen. Eine ähnliches Vorgehen findet sich im russischen Konstruktivismus, Raum wird nur durch einige technisch konstruktive Elemente geschaffen.
Als Bildträger benutze ich transparentes Material wie PET als Träger für Farbe und das durchscheinende Licht. Allerdings benutze ich das Material nicht als zweidimensionale Platte, sondern das erhitzte Material wird gefaltet, gezogen und gedreht. Einige der Skulpturen aus PET erscheinen wie menschliche Figuren, andere wachsen aus den Wänden der Galerie.
Die Strukturen aus Metall sind mit Reflektionsfolie bedeckt. Die Lichtreflektion geschieht durch eine kristalline Mikrostruktur. Es gibt also eine geometrische oder kristalline Struktur der Installation, aber auch eine ähnliche, kleinstteilige  Zeichnung in der Folie. Dem entgegengesetzt gibt es als drittes Element die Leuchtstoffröhren mit ihrer eigenen, eher chaotischen, nicht geometrischen Zeichnung.
Wie eine Art Schlussstein für die ganze Installation funktioniert die Skulptur "blank hole" mit einem tiefen, samtigen Schwarz, das das Licht wie ein schwarzes Loch einsaugt, in dem das Flirren der Umgebung kollabiert.

Die Metallstruktur mit der Lichtinstallation schafft ihren eigenen Raum und definiert den Galerieraum neu. Was ist die Rolle und Position der Besucher in dieser dreidimensionalen Installation? Wie interagieren sie?

Als Besucher kannst du in diesem Raum umhergehen. Du kannst den Kontrast fühlen zwischen der industriellen Atmosphäre, charakterisiert durch technische Kühle und geometrische Klarheit, welche durch Materialien wie die Aluminiumprofile ( ein aus der Weltraumtechnik entliehenes Element ), die Leuchtstoffröhren etc bestimmt werden und der stark farbigen, organisch amorphen Körperlichkeit der wesenhaft wirkenden Skulpturen. Es ist eine Art Spiel zwischen heiß und kalt. Als Besucher kannst du permanent die Perspektive wechseln und bist so ein aktiver Mitarbeiter. Es gibt zwei  Skulpturen, die wie menschliche Figuren dem Betrachter gegenüber stehen. Eine Wandarbeit wirkt wie ein Farbspritzer, der in den Raum  und dem Betrachter entgegen geschleudert wird.