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Kuratorin: Ulla Lenze
Das Jahr der Autorinnen

Ulla Lenze
© Julien Menand

Neulich, ich saß mit mehreren Künstlerinnen und Künstlern beim Kaffee, kam das Gespräch auf Frauen und Gleichberechtigung. Ich sagte, vielleicht etwas zu fröhlich, dass im deutschen Literaturbetrieb seit kurzem das Verhältnis von Männern und Frauen recht ausgewogen sei. Eine Video-Künstlerin spottete: "Ach, in allen Sparten herrscht Ungleichheit, aber in der Literatur nicht?"

Ja, das ist wirklich erstaunlich. Ich würde die Aussage immer noch so stehen lassen – unter Vorbehalt und beschränkt auf das Jahr 2018. Sogar die taz titelte, nachdem alle wichtigen Literaturpreise an Frauen gegangen waren, es sei „das Jahr der Autorinnen“ gewesen.

Was war passiert? Hat eine echte Sensibilisierung für die notorische Benachteiligung stattgefunden? Oder ist man vorsichtig geworden, seitdem Jury-Besetzungen, Longlists, Verlagsprogramme und Rezensionen nach Männern und Frauen durchgezählt werden, was in den Jahren davor stets zu Ungunsten der Frauen ausgefallen war? Auch die weltweite Kampagne #MeToo, die Alltagssexismus und männlichen Machtmissbrauch anklagte, hat bei Männern womöglich nicht nur Selbsteinsicht ausgelöst, sondern schlichtweg das Vermeidenwollen von Skandal. Aber wenn die Einsicht fehlt, würde das bedeuten, ein Rückfall wäre möglich, und ohnehin folgt auf jede politische Errungenschaft stets ein backlash.

Vielleicht sage ich solche Sätze, es herrsche Balance, wie eine Beschwörung, einen Zauberspruch – auf dass es jetzt bitte so sei. Denn ich wünsche mir, nicht mehr genötigt zu sein, so wie jetzt, über das Problem nachzudenken; ein Problem, das mich betrifft und von dem ich mich doch gern losgelöst sehe.

„Wenn eine Frau sich heute ans Schreiben macht, fühlt sie sich vielleicht eher geschlechtslos. Sie möchte weder bestreiten noch betonen; sie möchte einfach nur in Ruhe arbeiten“, schreibt Rachel Cusk.

Doch um Ruhe zu haben, müssen zunächst die ökonomischen Bedingungen stimmen – a room of one’s own – was bekannterweise für Frauen ungleich schwieriger ist. So schafft das Streiten als Frau für die Rechte der Frau erst die Bedingungen, um nicht auf das Frausein reduziert zu werden, und „in Ruhe arbeiten“ zu können, und zwar in jedem Beruf.

Doch manchmal ertappe ich mich dabei, heimlich Verständnis für männliches (oder antifeministisches) Genervtsein vom Feminismus aufzubringen. Eine innere Stimme klärt mich dann auf: Womöglich verkennst du jeweils das Motiv (Machtverhältnisse zu bewahren), und unterstellst dein eigenes. Denn das Betonen der Unterschiede identifiziert mich mit sozialer Rolle und Biologie, was ich doch längst als Konstrukt durchschaut habe; in erster Linie bin ich Mensch. Doch auch hier regt sich sofort Skepsis: Steckt hinter dem Betonen des menschlich Universellen vielleicht die heimliche Sorge, in einer männlich normierten Welt mit dem „Anderen“, meiner Weiblichkeit, anzuecken? Mit jener Weiblichkeit, die nicht dem Mann hofiert, nicht Komplizin ist, sondern tatsächlich Eigenständigkeit und Andersheit behauptet. Ich habe darauf noch keine Antwort gefunden.

Vor zwanzig Jahren, im Frühjahr 1999, kam der Begriff des literarischen Fräuleinwunders auf, ein Begriff, der den Umstand bedachte, dass junge Autorinnen urbane, moderne, auch sexuell freizügige Literatur schrieben, und – und das war wohl das eigentlich Neue - von Presse und Verlagen mit glamourösen Autorinnenfotos inszeniert wurden.

Das paternalistisch gönnerhafte Etikett „Fräuleinwunder“ wäre heute völlig undenkbar. Der Skandal würde einige Tage lang auf Twitter und Facebook abgehandelt, dann wäre Ruhe. Damals hielt sich das „Fräuleinwunder“ einige Jahre, beendet wurde es wohl durch die Replik eines Kritikers, es handle sich beim Fräuleinwunder in Wahrheit um „Literaturluder“, was auf die mangelnde Qualität anspielte (und sich nicht etwa am Sexismus störte, ihn sogar noch toppte). Bemerkenswert: Ein Mann ruft die Bewegung aus, ein anderer Mann beendet sie wieder. Als ich 2003 mit meinem Romandebüt in den Literaturbetrieb einstieg, achtete man als Autorin inzwischen sehr auf äußerst seriöse Autorinnenfotos.

Das alles zeigt, dass sehr viel in wenigen Jahren geschehen ist. Vielleicht nicht nur dank der öffentlich geführten Auseinandersetzung mit Sexismus, sondern auch dank einer zunehmenden Entschärfung der einstigen Feuilletonmacht durch Blogger und Social Media; Korrektive, die mehr Diversität zulassen (die dort angestoßenen Debatten werden dann gern vom Feuilleton adoptiert), auch wenn natürlich ganz neue Probleme entstehen, wie hatespeech, fake news, Filterblasen und Tribalismus.

Die Fräuleinwunder-Literatur wurde zwar beschmunzelt – hach, wie schön die hübschen jungen Frauen sich ablichten lassen – aber sie schaffte es ins Feuilleton, vermutlich, weil sie auch für Männer interessant war. Das unterscheidet sie von der „Frauenliteratur“, die es vorher schon gab, und bis heute gibt. Das ist Literatur eigens für Frauen; im Ratgeber-Segment werden Frauenprobleme gewälzt (Diätratgeber, Familienplanung), in der Belletristik geht es um Träume, Liebe und Glück, eingepackt in pastellfarbene Cover mit Landschaften und Cupcakes. Es sind kommerziell sehr erfolgreiche Bücher. Nicht nur deshalb sollte man sich den Spott verkneifen: Selbsthilfebücher gedeihen eben dort, wo Hilfe gebraucht wird - nicht in privilegierten männlichen Chef-Etagen.

In den letzten Jahren tauchen jedoch vermehrt auch Ratgeber für Männer auf: Die Herzen der Männer, Der sanfte Krieger, Männlichkeit genießen – offenbar brauchen auch Männer neue Bilder und Anleitungen, wenn Frauen nicht mehr Unterdrückte oder Komplizinnen des Patriarchats sind, sondern selber normgebend auftreten.

Das Schreiben war von allen Kunstformen stets jene, die von Frauen am unproblematischsten ausgeübt werden konnte. Die Schriftstellerin braucht kein Filmteam, kein Atelier, kein Orchester, der Schriftstellerin reichen Tisch und Schreibwerkzeug. So sind uns Namen berühmter Dichterinnen aus dem 18. und 19. Jahrhundert geläufig, Annette von Droste-Hülshoff, Bettina von Arnim, Jane Austen, bereits bei Malerinnen und Komponistinnen wird es schwieriger. In der Buchbranche arbeiten überwiegend Frauen (Buchhändlerinnen, Verlagsangestellte, Übersetzerinnen), die meisten Leser sind Leserinnen. Daher ist es erstaunlich, dass die Literatur immer noch auf Männer ausgerichtet ist. So lesen Frauen umstandslos Knausgard und Houellebecq, Männer tun sich noch schwer, explizit weibliche Perspektiven mit dem respektvollen Gefühl von legitimer Welt-Erfahrung aufzunehmen, und sie nicht als „Bücher für Frauen“ abzutun.

Das Bild der schreibenden Frau ist zwar gut vermarktbar und weckt keinen Widerspruch, zugleich ist es noch immer der Gefahr von Sexismus und Herablassung ausgesetzt. Diesen Spieß umzudrehen war das Anliegen der lustigen Twitter-Aktion #DichterDran im Sommer 2019, nachdem ein Kritiker das Äußere einer Autorin als ein „aufgeschrecktes Reh mit sinnlichen Lippen“ beschrieben hatte. Daraufhin wurde über Männer fiktive sexistische Literaturkritik verfasst, man konnte z.B. über Daniel Kehlmann lesen: „Daniel Kehlmanns phantasievolle Romane entführen in entlegenste Psychen. Kaum zu glauben, dass der süße Schmollmund seit einigen Jahren von einer Dozentur zur nächsten gereicht wird.“ Über Arthur Miller hieß es: „Als Ehemann von Marilyn Monroe hatte er keine Schwierigkeiten, einen Verlag zu finden“, und über Max Frisch: „Kein Wunder, dass die brillante Ingeborg Bachmann den weinerlichen Max Frisch auf Dauer nicht ertrug.“

Erst in der Umkehrung der Rollen zeigt sich für alle, wie albern, respektlos und unnatürlich Sexismus ist. Dass wir nun diese Debatten haben, ist ein großer Fortschritt. Und die Literatur selbst, wie David Wagner im LiteraTür-Video-Interview sagt, ist immer schon weiter gewesen: Indem Literatur uns mit großer Selbstverständlichkeit eintauchen lässt in alle Perspektiven, die nicht unsere sind, und uns Verstehen und Empathie ermöglicht. Denn nur auf diese Weise kann sich dauerhaft etwas verändern, und ich sage das womöglich weibliche Wort: heilen.

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