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Franziska Gerstenberg
Der Körper, das Schreiben und die Frauen

Franziska Gerstenberg
Franziska Gerstenberg | Foto: Birgitta Kowsky

„Ich könnte mich auf dem Boden herumwälzen“, heißt es auf Seite 203 im Roman. „Dieser Körper will angefasst werden, und wenn es nur der Fußboden ist, der ihn berührt. Vadim würde mir gerne helfen. Das geht aber nicht, weil ich Scheidenpilz habe. Was ist nur los mit diesem Körper?“

Ich habe ihn lange abgelehnt, den Gedanken, dass so etwas wie ein weibliches Schreiben existiert. Zu problematisch schien mir der Begriff. Als sollten die Frauen aus dem Großen und Ganzen der Literatur wieder herausgelöst werden. Ich fühlte mich dadurch festgelegt, es schwang etwas mit von: bitte weich sein, bitte gefällig sein. Bitte über das Zuhause schreiben und über Kinder, bitte in einen Ahornbaum hineinschauen und dabei schöne Gedanken haben. Als ich zu schreiben anfing, sprach man in der Literaturkritik vom „Fräuleinwunder“. Damit wollte ich nichts zu tun haben. Mein Ansatz war, Souveränität beim Schreiben gerade dadurch zu erlangen, dass dem fertigen Text niemand anmerken konnte, ob ihn ein Mann oder eine Frau geschrieben hatte. Ich wollte eine Auslöschung der Geschlechtsunterschiede. Auch inhaltlich: Ich betonte die männlichen Anteile meiner weiblichen Figuren und die weiblichen Anteile der männlichen, ich experimentierte damit, das Geschlecht der Protagonisten komplett zu verschweigen. Ich wollte nicht weich und gefällig sein, ich wollte auch nicht hart und zynisch sein, sondern ich wollte einfach nur ich selbst sein und alles andere von Text zu Text neu entscheiden. Die Literatur sollte für sich stehen, ich wollte hinter ihr verschwinden, ohne Zuschreibungen.

Doch jetzt, fünfzehn Jahre später, begegnen mir immer wieder Bücher, die mich diese Position in Frage stellen lassen. Kluge Bücher, wütende Bücher, die mich durchrütteln, aufregen, die Zweifel säen – und das ist gut so. Es sind Texte von Frauen, die genau das sehr deutlich sagen: Ich bin ein Text, den eine Frau geschrieben hat. Die Autorinnen, die ich meine, wollen eben nicht geschlechtslos und unerkennbar sein, sondern ausdrücklich weiblich. Anneliese Mackintosh gehört dazu, Sally Rooney natürlich und im deutschsprachigen Raum zuletzt Isabelle Lehn mit „Frühlingserwachen“.

„Isabelle Lehn schreibt über eine Frau namens Isabelle Lehn“, heißt es im Klappentext. Diese Figur Isabelle Lehn ist im Alter der Autorin und selbst Schriftstellerin. Außerdem ist sie depressiv, vor allem im Frühling. Und sie will ein Kind – vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Damit stecken wir schon mittendrin in der Frage nach der weiblichen Autonomie. Muss man alles wollen, was möglich ist? Wo hört der Wunsch auf, wo fängt die gesellschaftliche Erwartung an?

Die Autorin Isabelle Lehn ist schonungslos ehrlich. Einmal in dem Sinne, dass sie sich selbst nicht schont. „Wann immer es wehtut“, hat sie in einem Interview gesagt, „gehe ich einen Schritt weiter.“ Aber auch niemand, der das Buch liest, wird geschont. Wir müssen uns darauf einlassen. Wann immer es wehtut, lesen wir einen Satz weiter.

Die Figur Isabelle Lehn entblößt sich vor uns. Sie entblößt ihre Gedanken, analysiert angeekelt von sich selbst jeden versteckten Winkel. Sie will eine andere sein – mit einer Radikalität, wie sie mir bisher tatsächlich nur bei Frauen begegnet ist. Und sie entblößt ihren Körper. In den erzählerischen Passagen des Romans schämt sie sich für ihn. Aber indem sie über ihn schreibt, zeigt sie ihn uns ohne Scham, diesen Körper, der unkontrolliert blutet und unkontrolliert schwitzt und einfach nicht leistet, wofür er doch geschaffen sein soll: ein Kind zu gebären. Diesen Körper, der deshalb untersucht, mit CO₂ vollgepumpt und mit einer Kamerasonde durchstochen wird. Dieser Körper ist der Feind.

Ja, auch Männer haben Depressionen, auch Männer schlagen sich mit der Frage herum, ob ein Kind in ihr Leben passt, und auch Männer kämpfen mit zu großen Erwartungen, den eigenen und denen der anderen. Dennoch lässt sich das Geschlecht nicht einfach austauschen, wie es in „Frühlingserwachen“ ein Autor bei einer Podiumsdiskussion vorschlägt, als es um Verfahren der Selbstinszenierung geht. Die Frage, wann es denn endlich so weit sei mit dem Kinderkriegen, wird nur den Frauen gestellt. Frauen sind, statistisch betrachtet, häufiger von Armut bedroht und seltener Nazis. Wenn es plötzlich die Mutter der Figur Isabelle Lehn ist, die „ihr Leben lang gearbeitet hat“, und nicht der Vater – dann hat sie deshalb noch lange keine „typische westdeutsche Alleinverdienerinnen-Biographie, die sie bisher darauf reduzierte, eine Familie ernähren zu müssen.“ Und wenn die Figur Isabelle Lehn von einem Kollegen aus dem Labor per Skype gefragt wird, ob er seinen Schwanz auspacken darf, dann weiß man, dass auch das einem Mann nicht passieren würde.

Dabei ist diese Isabelle Lehn nicht hilflos. Sie ist kein Opfer. All das, dieser ganze Roman, könnte ja auch eine unerträgliche Nabelschau sein. Ist er aber nicht. Dazu trägt die Haltung der Figur bei, die in allem Unglück immer selbstverantwortlich bleibt, die sich mit Ironie betrachtet und jedes übertriebene Jammern durch einen übertriebenen Anfall von Liebe zum Leben gleich wieder ins Gleichgewicht bringt. Dazu trägt vor allem auch die Sprache bei, klar, präzise, rhythmisch. Poetisch da, wo es passt, scharf und eklig dort, wo es nötig ist. Und es ist nötig.

Ob das alles autobiografisch ist, die Frage stellt sich schnell gar nicht mehr. Denn in Isabelle Lehn, der Figur im Text, erkennen sich viele Frauen wieder. Sie spricht nicht nur für sich. Außerdem ist Isabelle Lehn, die Autorin, mit allen Wassern gewaschen. Sie weiß um ihre Referenzen, nein, mehr noch: Sie benennt sie offen. Die Autofiktion wird an vielen Stellen im Text nicht nur kenntlich gemacht, sondern gleich hinterfragt, gedreht und gewendet. Der Roman stellt seine Möglichkeiten aus, er spielt und er kämpft mit ihnen. Und so erleben wir beim Lesen doch noch eine Geburt mit – die des Textes nämlich, den wir, gedruckt, schwarz auf weiß, gerade in der Hand halten.

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