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Kuratorin: Jörg Menke-Peitzmeyer
Generationen

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Verlorene Generation, Nachkriegsgeneration, 68er-Generation, Generation Golf, Generation X, Y, Z, Generation Facebook - in der Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts gibt es keinen Jahrgang, der nicht auf mehr oder weniger plakative Weise irgendeiner Generation zugerechnet würde. Und jede dieser Generationen hat dann ihre literarischen Protagonisten, ihre Bücher, zumeist Romane, in denen die jeweiligen Altersgenossen ihre Zeit und ihr Lebensgefühl wiederzuerkennen glauben. Dabei erfolgen solche Zuschreibungen nicht immer von Seiten der vielgescholtenen Literaturkritik. Mitunter leisten die Autoren selber beziehungsweise die mit der Entscheidungshoheit ausgestatteten Verlage mit ebenso vereinnahmenden wie etwas großspurigen Titeln wie: „Woraus wir gemacht sind“, „Wer wir sind“, „Was wir Liebe nennen“, „Als wir träumten“ oder „Helden wir wir“ ihren Beitrag. Wer’s drunter macht, gerät schnell unter Eskapismus-Verdacht. So als sei Literatur nicht per se etwas Eskapistisches.
 Dabei wird es doch eigentlich erst spannend, wenn die Generationen aus ihrer Nabelschau herausgerissen und in einen wilden Tanz mit anderen Generationen hineingezogen werden - wenn man sich denn auf diesen Begriff einlassen will. Das muss ja nicht immer in der Gediegenheit des mehrere Epochen umfassenden Familienromans geschehen mit dem runden Geburtstag des Patriarchen als Schlüsselszene, bei dem dunkle Geheimnisse ans Tageslicht kommen und der Alkohol jahrzehntelang gefesselte Zungen löst. Auffällig erscheint in diesem Zusammenhang, wie viele mit dem erst 2005 ins Leben gerufenen Deutschen Buchpreis prämierte Romane sogenannte „Familienromane“ sind. Gleich dem ersten Preisträger Arno Geiger wird für seinen Roman „Es geht uns (!) gut“ von der Jury attestiert, „mit hoher Anschaulichkeit…das Bild dreier Generationen…zu entwerfen - „und es entsteht ein Familienroman wider Willen.“ Während ein Jahr später Katharina Hacker in „Die Habenichtse“ vor allem ein Paar in den Dreißigern porträtiert, nimmt Julia Franck in „Die Mittagsfrau“ (2007) schon wieder zwei Generationen vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs ins Visier. Und wiederum nur ein Jahr später dann der vorläufige Höhepunkt in Sachen „Buddenbrocks“-Nachfolge: Uwe Tellkamps „Der Turm“, in dem auf fast tausend Seiten anhand einer bürgerlichen Dresdener Familie zum ganz großen DDR-Gesellschaftspanorama ausgeholt wird. Und die Liste ließe sich bequem weiterführen, von Melinda Nadj Abonji („Tauben fliegen auf“, 2010) über Eugen Ruge („In Zeiten des abnehmenden Lichts“, 2011) und Ursula Krechel („Landgericht“ 2012) bis hin zu Inger-Maria Mahlke, die in ihrem 2018 erschienen Roman „Archipel“ über einen Zeitraum von fast hundert Jahren von gleich fünf Generationen erzählt.
 Befeuert scheint der allgemeine Trend zum Generationenroman dabei von amerikanischen Vorbildern wie Jonathan Franzens „Korrekturen“ oder Jonathan Safrar Foers „Alles ist erleuchtet“. Denn erzählen die Amerikaner nicht seit jeher unbefangener, draufgängerischer, mit dem Hang zum Epos? Und hat nicht obendrein die vom Feuilleton als Nachfolgerin des Romans im 19. Jahrhundert ausgerufene Fernsehserie von HBO über Netflix bis hin zu Danmarks Radio längst mit Produktionen wie „Die Sopranos“, „Game of Thrones“ oder „Die Erbschaft“ den Hang zum großen generationenübergreifenden Erzählen zum Maßstab erhoben? Wer will da noch im Miniaturformat an seinem eigenen narzisstischen Persönchen herum feilen?

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Das Zusammengehörigkeitsgefühl früherer Generationen verdankte sich in erster Linie Erfahrungen von Schrecken, Not und Leid. Während nachfolgende Generationen meist nicht über das gemeinsame Anschauen von Fernsehprogrammen, die Vorliebe für gleiche Markenklamotten, Fußballvereine oder Eissorten hinauskommen. Erzählten unsere Eltern von den Hungerjahren nach dem Krieg, zergeht der nachfolgenden Generation noch heute der köstlichen Karamellkern im Eis-Klassiker „Brauner Bär“ auf der Zunge. Aber was nicht ist, kann ja noch kommen. Zwar definierte der Philosoph Wilhelm Dilthey einst eine Generation als „diejenigen, welche in den Jahren ihrer Empfänglichkeit dieselben leitenden Einwirkungen erfahren“. Aber was, wenn es plötzlich zu Verschiebungen auf der Zeitachse kommt und die „Jahre der Empfänglichkeit“ bedenklich nach hinten rutschen? Wenn die bittere Armut nicht, wie bei der Nachkriegsgeneration, am Anfang, sondern am Ende des Lebens steht? Oder gar der Krieg? Wenn also das große Epos der Generation Golf noch gar nicht geschrieben ist? Und vielleicht auch nie geschrieben werden wird? Weil nach Eintreffen der „leitenden Einwirkungen“ keine Zeit mehr bleiben dürfte. Es sei denn, der Sprung auf den Mars gelingt doch noch im letzten Moment.

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Nach dem Ende der DDR erschienen erstaunlich schnell ihre ersten literarischen Abgesänge. Gerade mal sechs Jahre hatte es gedauert, da wurde schon der erste Wenderoman begrüßt, Thomas Brussigs „Helden wie wir“. Gelang es einigen ostdeutschen Autoren schneller, ihre Vergangenheit auf einen vermeintlichen Punkt zu bringen, weil sie auf den Tag beziehungsweise die Nacht genau wussten, wann sie endete? Oder war dafür die relative Übersichtlichkeit eines Lebens im Sozialismus verantwortlich? Oder erzählten sie einfach nur Geschichten von früher, denen eine allzu sehnsüchtig auf den großen Wurf wartende Literaturkritik das entsprechende Etikett verlieh?
 Aber auch die westdeutschen Autoren ließen sich, was die Aufarbeitung ihrer frühen Jahre betraf, nicht lumpen. Noch nicht mal dreißig Jahre alt war Florian Illies, als er mit „Generation Golf“ 2000 die Bestseller-Listen stürmte. Als ich Mitte der neunziger Jahre, selber noch keine dreißig, in Berlin das erste Mal auf eine Schlager-Party mitgeschleppt wurde, traute ich meinen Augen nicht. Und noch weniger meinen Ohren. Meine Altersgenossen ließen bei „Fiesta Mexicana“, „Über den Wolken“ oder „Ein Festival der Liebe“ alle Hemmungen fallen und gebärdeten sich wilder als einst Tante Helga und Onkel Wolfgang, die ich im „Huxley’s Junior“ allerdings vergeblich suchte. Was, um Himmels Willen, fragte ich mich, trieb meine Altersgenossen dermaßen früh zurück in die Vergangenheit? Ein eklatanter Mangel an Gegenwart konnte es jawohl nicht sein, der Fall der Mauer war gerade mal wenige Jahre her und seine Folgen vor allem in Berlin allerorten mit Händen zu greifen. Offenbar jedoch nur für den, der bei Zeiten politisiert worden war. Der also bei den Demonstrationen gegen den Nato-Doppelbeschluss die reale Kriegsgefahr und nicht bloß die Jutetaschen und Birkenstocksandalen der TeilnehmerInnen im Auge hatte. Aber was war schon real? Nach dem Besuch einer Schlagerparty oder der Lektüre einiger Texte reichlich junger Autobiografen konnte man jedenfalls die Eindruck gewinnen, eine ganze Generation habe ihre Kindheit und Jugend vor dem Fernseher verbracht.

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Wozu dient der Generationenbegriff überhaupt? Was hat man davon, Menschen unterschiedlichster Couleur, Prägung, Konfessionen etc. zu vereinheitlichen, und zwar auf zunehmend inflationäre Weise? Ist es die Sehnsucht nach einer neuen Übersichtlichkeit in zunehmend unübersichtlichen Zeiten? Oder dient der Generationenbegriff am Ende wieder nur der Abgrenzung? Und verführt er nicht obendrein noch zur Denkfaulheit, weil er auf geradezu zwanghafte Weise verallgemeinert, was lieber für sich sein möchte?
 Denn was ist mit denen, die durchs Raster fallen? Den Opel-Manta-Fahrern aus der Generation Golf? Denjenigen, die einst lieber Döblin als Hesse lasen? Unter welchem Dach finden sie Wärme? Oder bleibt ihnen nur die Flucht nach hinten, in die ehernen Hallen früherer Zeiten mit ihrem sagenhaften Reichtum, in deren Glanz die dünne Gegenwart im Nu verblasst? 

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Diese und andere Fragen wollen gestellt werden, und zwar AutorInnen und Autoren aus den unterschiedlichsten Generationen. Da ist Anke Stelling (Jg. 1971), gerade erst mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet, deren Protagonistinnen schwer an den Idealen der 68er Generation zu tragen haben, von der Bernd Cailloux (Jg. 1945) in seinen Romanen und Erzählungen ebenso schonungslos wie melancholisch zu erzählen weiß. Oder Volker Harry Altwasser (Jg. 1969), der große Unbekannte aus dem Osten, der sich in seinem Roman „Letzte Haut“ an die Geschichte eines SS-Ermittlungsrichters im KZ Buchenwald aus der Perspektive der Enkelgeneration herangewagt und damit gleich zu Beginn seiner Laufbahn seine Karriere als Autor aufs Spiel gesetzt hat. Die junge Marie Gamillscheg (Jg. 1992), die in ihrem vielbeachteten und mit dem Östrreichischen Buchpreis ausgezeichneten Debüt „Alles was glänzt“ gleich drei Generationen in einem abgeschiedenen Bergdorf aufeinandertreffen lässt. Mareike Krügel, die zuletzt mit ihrem Bestseller „Sieh mich an“ die furiose Lebensbilanz einer Anfang Vierzigjährigen vorlegt. Und erstmals sind bei dem LiteraTür-Projekt mit den beiden SchweizerInnen Tina Müller und Lorenz Langenegger auch zwei DramatikerInnen vertreten, die zudem von Generationen erzählen, zu denen sie längst nicht mehr gehören.

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