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Müzeyyen Ege
Aus den Fugen geraten

Mareike Krügel: „Sieh mich an”, 2017, Piper, Berlin

Von Müzeyyen Ege

Ich will nicht sterben, und ich will auch nicht durch diese Tür gehen. Schultüren sind der Eingang zur Hölle. Aber es hilft nichts, meine Tochter braucht mich.” (S. 7) Das Aufeinanderprallen von Dramatisch-Existentiellem und Alltäglichem sind im Leben von Katharina Theodoroulakis, der Protagonistin des letzten Romans von Mareike Krügel “Sieh mich an” nichts ungewöhnliches mehr. Dafür sorgt zumindest schon einmal ihre vorpubertierende Tochter mit sogenanntem ADHS Syndrom. Als Katharina - eine Frau Anfang Vierzig, Mutter zweier Kinder und verheiratet mit ihrer großen Liebe, dem Architekten Costas - zudem ein gewisses Etwas” in der linken Brust spürt, bekommt die Familienidylle in der norddeutschen Vorstadtlandschaft einen deutlichen Riss. 

In ihrem vierten Buch erzählt die 1977 in Kiel geborene Autorin Mareike Krügel von einer Familie aus der Sicht einer Ich-Erzählerin, die angesichts einer möglichen Brustkrebsdiagnose die Bilanz ihre bisheriges Leben Bilanz. Auf 255 Seiten beschreibt der Roman über einen Tag hinweg detailliert den Alltag der Familie Theodoroulakis. Dass dieser trotz eines nur am Wochenende präsenten Familienvaters einen einigermaßen geregelten Ablauf erhält, ist vor allem dem vorbildlichen Organisationstalent und -aufwand von Katharina zu verdanken. Aber das auch nicht ohne einen entsprechenden Preis. 

Katharina, die ihre Karriere als Musikwissenschaftlerin aufgeben musste, versorgt und sorgt sich um jeden, ob es sich dabei um ihre cholerische Tochter Helli mit ihrem heftigen Nasenbluten und den damit verbundenen regelmäßigen Besuchen in der Notaufnahme handelt oder das transsexuelle Nachbarspaar, für das sie an einem norddeutschen Winterabend auch schon mal auf den Knien kriechend im Garten nach abgetrennten Gliedmaßen sucht.

 “Du, Katja, du singst das Lied der Meerjungfrau. Schön und geheimnisvoll wie eine Sirene, dabei eine exzellente Köchin und für jeden armen Seemann, der mutterseelenallein auf dem Meer treibt, ein Trost in der Verzweiflung.”(S. 57), stellt ihr Nachbar Heinz dankbar fest. Als berufstätiger Homöopath behauptet Heinz jedoch weiterhin, dass “bösartige Tumore Zeichen ungelöster Konflikte” (S. 56) seien, ohne dass er selbst um das gewisse “Etwas” in der Brust von Katharina weiß. Diese hält ihren “fassbaren” Verdacht nämlich vorerst geheim, denn es ist Freitag, der Übergang zum Wochenende, den sie “sanft ausklingen” lassen möchte. Das Familiengefüge würde durch eine mögliche Diagnose noch früh genug erschüttert werden. Doch Verdrängen hat seine Zeit und Handeln hat seine Zeit”, und diese Zeit ist nicht jetzt” (S. 18), entscheidet die Protagonistin.

Von Beginn an eingeweiht ist indessen der Leser, der durch den im Präsens gehaltenen Erzählstil in den assoziativen Fluss der Erinnerungen und Reflexionen der Ich-Erzählerin über ihre eigene Kindheit, ihre Studienzeit, ihrer Begegnung mit ihrem späteren Ehemann und ihren gescheiterten beruflichen Träume gerät und damit auch der Frage nach dem Preis für ein gelungenes Familienglück begegnet. Krügel wirft in ihrem Roman Sieh mich an” durch ihre Protagonistin entmythisierend Fragen etwa nach der Vereinbarkeit von Kind und Karriere und der sich nur schleppend verändernden gesellschaftlichen Rollenverteilung über Generationen hinaus auf. Inwieweit kann sich das Individuum den gesellschaftlichen Anforderungen und Erwartungen anpassen bis es an der Oberflächlichkeit und Fremdbestimmung” zerbricht bzw. sich auflöst? Unter der Oberfläche des Ideals einer omnipotenten Mutter erkennt Katharina sich ihrer selbst entfremdet: „Manchmal kommt es mir so vor, als hätte ich durch mein Muttersein eine Art Amöbenstruktur entwickelt, wäre eine anpassungsfähige Masse geworden, die zurückweichen kann, wo immer jemand anderes Platz braucht, die um Hindernisse herum existiert und keine eigene Form hat.” (S. 111)

Aus Rücksicht vor Anderen verblassen ihre persönlichen Grenzen und Konturen, die erst mit der Gegenwärtigkeit des Todes auch für sie selbst wieder sichtbar werden. Den dramatischen Unterton lässt Krügel in ihrem Roman dennoch mit einer gewissen humorvollen Leichtigkeit in die Takte des Alltags und Katharinas Reflexionen über ihre gescheiterten Lebenspläne einfließen. „Die Frage ist doch, ob ein Leben gelingen muss”, kommentiert die Autorin selber in einem Interview zu ihrem Buch. Wenn sich der Roman auf seine Weise den zeitgemäßen Anforderungen nach Selbstoptimierung entgegenstellt, so ist es die Möglichkeit der großen Zusammenhänge, die Katharina offensichtlich bewegt. Ob es ihr musikalisches Vorbild Schumann ist, der Leben und Werk miteinander verwoben hat und dessen Musik sie im Alltag begleitet, oder ihre eigene „hoffnungslose Romantik”, der sie erlegen ist: die Sehnsucht nach größeren Sinnzusammenhängen und die Vernetzung mit Anderen, ohne dabei das Eigene aus dem Auge zu verlieren, sind ein starker Impuls Katharinas, der sich in der wiederholenden Metapher der webenden Spinne sichtbar macht: Manchmal denke ich, ich bin eine Art Spinne im Netz, dessen Fäden zu all den Leuten reichen, die ihr wichtig sind. Sobald sich einer von ihnen bewegt, zittert oder ruckt der Faden und ich zittere oder rucke mit. (…) Ich habe die Fäden selber gesponnen, die mich mit all den anderen verbinden, ich wäre heimatlos und verloren ohne dieses Netz, in dem ich sitze.” (S. 29)

Familien könnten viel weiter verzweigt sein” und in dem Netz könnten eine Menge Leute Platz haben” (S. 202) tagträumt Katharina, die ihren Kindern eine größere Famille vermachen möchte, als sie sie selbst einst hatte. Und was bringt die unsichtbaren” Verwandten besser zusammen als Beerdigungen, in diesem Fall ihre eigene, überlegt Katharina. Nicht ohne schwarzen Humor zeigt Krügels Roman eine Ambivalenz auf, in der Katharina (vielleicht) stellvertretend für ihre Generation in der modernen Gesellschaft steckt: Die Suche nach der Balance zwischen ausreichendem Raum für individuelle Selbstverwirklichung und der Sehnsucht, Teil einer größeren Gemeinschaft zu sein.

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