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Ömer Türkeş
Sich die Zukunft vorstellen

Ganz gleich ob aus einer optimistischen oder pessimistischen Perspektive heraus verfasst, in der türkischen Literatur gibt es wenige Romane, die die Zukunft thematisieren. Alleine die Vorstellung einer positiven Zukunft gestaltet sich als recht schwierig für eine Gesellschaft, die während des 20. Jahrhunderts, oder gar in den ersten siebzehn Jahre des darauffolgenden Jahrhunderts, durch Kriege und wirtschaftliche Krisen sehr stark geprägt wurde. Zudem ist dies kein Thema, das nur aus der Literatur betrachtet kommentiert werden sollte. Es gibt viele Gründe, warum die Menschen keine Hoffnung in die Zukunft setzen: Angefangen bei unserer östlichen Identität, für die eine fatalistische Grundhaltung charakteristisch ist, bis hin zu unserem Mangel an wissenschaftlichen Grundlagen und philosophischer Tradition, die durch Ideologien und Politik ersetzt wird, über die Hegemonie einer republikanischen Ideologie und der Präsentation dieser Republik nach außen hin als eine einzige Utopie, sowie nicht zuletzt die Vorherrschaft des islamischen Gedankens, der außer dem Himmel und der Hölle keine weitere Zukunftsoption zulässt. Was die Gründe auch sein mögen, es läuft auf das Gleiche hinaus, und diejenigen Romane, die eine Zukunft zu Zeiten der Republik konstruierten, egal ob grundsätzlich oder düster, wurden ausgeblendet.

Von Ömer Türkeş

Die erste Erzählung der osmanisch-türkischen Literatur, die sich Vorstellungen von der Zukunft machte, war Filibeli Ahmed Hilmis von der mystizistischen Philosophie geprägtes Werk “Ahmak-ı Hayal” (dt. Die Tiefgründigkeit der Fantasie, 1910), das von Drogen und Zeitreisen handelt. Darauffolgend erschienen “Tarih-i İstikbal" (dt. Die historische Zukunft, 1913) des progressiven Politikers und Journalisten Celal Nuri İleri sowie "Ruşeni’nin Rüyası” (dt. Ruşenis Traum, 1914) des Mitglieds einer Spezialorganisation (Teşkilat-ı Mahsusa) Ruşeni. Erwähnenswert ist außerdem noch die Erzählung mit dem Untertitel “Müslümanların 'Megali İdeası Gaye-i Hayyâliyesi” (dt. Der große Gedanke der Muslime und ihre angestrebten Visionen), das auf interessante Weise Ideale des Turanismus mit dem Fortschritt der Türken in einem Science-Fiction-Roman vereint. Ruşenis auf den wissenschaftlichen Fortschritt ausgelegte Zukunftsvisionen beschränken sich lediglich auf Flugreisen.
 
In den ersten Republik-Utopien “Semavi İhtiras” (dt. Himmlische Ambitionen, 1932) und “Yirminci Yüzyıl” (dt. Das zwanzigste Jahrhundert, 1933) des Autors Raif Necdet wird das Flugzeug als Zeichen des Fortschritts in den Vordergrund gesetzt. “Semavi İhtiras” verhandelt eine optimistische Zukunftsvorstellung bezüglich der Republik mit ihren modernen jungen Frauen und der Gesellschaft im Allgemeinen, die mit dem Prolog "Das Ereignis geschieht in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts"[1] beginnt und von Nobelpreisträgern handelt, die in ihrer Freizeit mit Privatflugzeugen Europa bereisen.
 
Weitere erwähnenswerte Werke mit Zukunftsmotiven, die auf dem wissenschaftlichen Fortschritt basieren, sind außerdem: der Film Nazım Hikmets “Güneşe Doğru” (dt. Der Sonne entgegen, 1937), für den der Dichter das Drehbuch geschrieben und Regie geführt hat, V. Bilgins Geschichte über einen Mann, der zum Mars fliegt (“Rüya mı Hakikat mi?” dt. Ist es Traum oder Wirklichkeit?, 1943), die er nachts schrieb, als er besorgt aufwachte, sowie Peyami Safas "Cingöz Merih" (dt. Der gerissene Merih, 1955).
 
Ab den 50er- bis zu den Anfängen der 70er-Jahre können wir keine Erzählungen vorfinden, die sich auf die neue politische Ordnung, das gesellschaftliche Leben oder den wissenschaftlichen und technologischen Fortschritt beziehen. Verantwortlich hierfür ist meiner Meinung nach der stärkste Impulsgeber unseres Romans, der sowieso über eine umfangreiche Utopie verfügt, nämlich der linke Gedanke. Statt die Zukunft zu thematisieren, war es hier notwendig, sich der Vergangenheit, der Gegenwart und den sozialen Wirklichkeiten zu widmen.  Trotzdem ist währenddessen das für den türkischen Roman sehr wichtige Beispiel einer Dystopie entstanden: "Gizli Emir” (dt. Der geheime Befehl, 1970) von Melih Cevdet Anday, der eine linke Anschauung vertritt.
 
Im Jahr 1970 kam Bewegung in die Science-Fiction-Literatur. Die 1971 ins Leben gerufene Zeitschrift "Antares" stellte für das Science-Fiction-Verlagswesen einen Meilenstein dar. Darauffolgend gründete sich die Zeitschrift "X-Bilinmeyen" (dt. X-Unbekannt, 1976), in der Werke bekannter Science-Fiction-Autoren publiziert wurden. Zu dieser Zeit trug Orhan Duru dazu bei, dass der Terminus Science-Fiction (tr. bilimkurgu) in den türkischen Sprachgebrauch integriert  wurde, und auch Selam Mine konnte mit ihren Romanen die ersten Schritte zur Integration dieses Genres einleiten.
Mit dem wachsenden Interesse für Science-Fiction in den 80er- und 90er-Jahren stieg auch die Zahl der einheimischen Dystopien. Einige stellvertretende Beispiele für Ansätze dieser Art sind: "Son Tiryaki" (dt. Der letzte Süchtige, 1996) von Müfit Özdeş, wo von Rauchern erzählt wird, die vor der Unterdrückung eines Rauchverbots flüchten und sich ein friedliches Leben im Untergrund aufbauen; Die Erzählung "Boşvermişler" (dt. Die Resignierten, 1996) von Sabri Gürses, die von dem "Selbstverlust, dem zwischen Frauen und Männern, dem Osten und Westen, dem Reichtum und der Verarmung in Stücke zerbrechenden Menschen und seiner endenden Zukunft" handelt; “Sahte Uygarlık” (dt. Die gefälschte Zivilisation, 1999) von Zühtü Bayar, dessen sozio-politischer Klappentext die düstere und trostlose Stimmung der 68er-Generation nach dem 12. März akzentuierte; Cenk Edens unterschätzter Science-Fiction-Krimi "Rüzgarsız Şehir" (dt. Die Stadt ohne Wind, 1999); Mehmet Açars “Siyah Hatıralar Denizi” (dt. Das Meer der schwarzen Erinnerungen, 2000); Haldun Aydıngüns “Planımız Katliam” (dt. Unser Plan ist das Massaker, 2001), dessen Handlung sich in einem der Türkischen Republik sehr ähnelnden Land abspielt, das von Verschwörungen und einem zerstörerischen Krieg heimgesucht wird; “Balığın Esir Düştüğü Yer”(dt. Der Ort, an dem der Fisch gefangen wird, 2000-2001) von Cem Akaş, das "ein Buch über die Zukunft ist, ohne Science-Fiction zu sein", in dem er Machtherrschaft mit der Popkulturindustrie in Verbindung bringt; Evren İmres mit fantastischen Elementen gespickter origineller Science-Fiction-Roman “Kıyamet Sirki” (dt. Der Zirkus des Jüngsten Tags, 2003) und  Tahir Abacıs “Adı Senfoni Kalsın” (dt. Ihr Name soll Symphonie bleiben, 2004), das vom Zusammenbruch des Gerechtigkeitssystems handelt.
 
Weitere nennenswerte Beispiele, die sich der nahen oder fernen Zukunftsfiktion widmen, sind: Gülayşe Koçaks “Topaç” (dt. Der Kreisel, 2004), Levent Metes “Rika’nın Beyninde” (dt. In Rikas Gehirn, 2005), Tayfun Pirselimoğlus “Şehrin Kuleleri” (dt. Die Türme der Stadt, 2005), Barbaros Devecioğlus “Otoyol Kenarında Yanan Ateşler” (dt. Die Feuer, die an der Ecke der Autobahn brennen, 2005), Levent Şenyüreks “Cennetin Kalıntısı” (dt. Was vom Paradies übrigblieb, 2011), “Liberhall” (2015) von Mahmut Eşitmez und Mehmet Açars “Kayıp Hasta” (dt. Der verloren gegangene Kranke, 2017).
 
Obwohl in der Science-Fiction grundsätzlich technologische Errungenschaften eine große Rolle spielen, werden sie in diesen Romanen nicht allzu sehr in den Vordergrund gerückt. Stattdessen werden die Ideologie, die diese technologischen Errungenschaften zur Gottesgabe erhebt, sowie die Konsequenzen einer solchen Anschauung zum Diskussionsgegenstand gemacht. Bei den Autoren reicht die Zeitspanne, in der wir mit dem, seine Macht und Konstitution auf Wissenschaft und Technologie gründenden Kapitalismus zusammenleben, bis  in die Zukunft, um so die Leser auf die Risse und Sprünge in dieser Ideologie aufmerksam zu machen.
Wenn man die in diesen Romanen beschriebene rationalisierte, sterilisierte und von gefährlichen Bestandteilen gereinigte Zukunft, die darüber hinaus ihre eigene Geschichte ausgelöscht hat und über eine Ordnung verfügt, denen sich die Menschen bedingungslos unterwerfen, mit der derzeitigen politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Situation vergleicht, wird offensichtlich, dass die Romane nicht die Zukunft sondern die Gegenwart verhandeln.
 
Das eigentlich Deprimierende an den einheimischen Dystopien sind ja nicht die beschriebenen Zustände, sondern die Tatsache, dass diese Zustände nur eine Armlänge von uns entfernt sind und zu jeder Zeit Wirklichkeit werden können. Trotz aller düsteren Töne, die in ihnen anklingen, lässt sich in den hier vorgestellten Zukunftsfiktionen auch Hoffnung finden. Denn auch wenn über eine andere Zeit gesprochen wird, stellt die Kritik an der Ungerechtigkeit der politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Ordnung in diesen Romanen eine ernstzunehmende Forderung nach Gerechtigkeit dar. Sie ist das Aufbegehren gegen die herrschende Ungerechtigkeit, das auf dem Glauben fußt, dass eine andere Welt möglich ist.

[1] "Vak’a Yirminci asır ortalarında cereyan eder"

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