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Interview mit Ann Cotten
„Zukunftsfragen“ an Ann Cotten

literatür Interview mit Ann Cotten© Goethe-Institut | Graphiker: Çağın Kaya, Fotograf: Monika Rinck
Monika Rinck: Ist die Zukunft für Dich ein Thema? Wird es schließlich besser?

Ann Cotten: Da ein tiefer und überzeugter Pessimismus meine Grundhaltung sein dürfte, ist das Optimistischste, was mir einfällt, eine Art Guerilla-Kunst. Sich im wendigen Eingreifen und Ausweichen zu üben, um doch überraschende Wendungen in einer grundschlechten Weltentwicklung herbeizuführen, als Minderheit. Um den Film von vorgestern zu referenzieren, Ja, Dialektik kann Ziegel spalten, aber nicht unbegrenzt viele, und mir ist das Schwinden der Kräfte, das schnelle Aufbrauchen der Energie angesichts einer Übermacht von Scheiße in der Vorstellung sehr präsent.

Richtest Du Dich beim Schreiben auf das was kommt? Oder das was war? Oder könnte es ein komplizierter Tanz sein?

Dritteres wohl. Kann sein, es hat auch mit einer Sucht nach der Selbstvergessenheit im Flow zu tun. Wobei die Gegenstände in der Gegenwart die Aufgaben gut übernehmen, Spuren von vorher zu sein und in Ausrichtung auf die Zukunft gestaltet zu sein. Ich habe das Gefühl, diese meist gefühlt zwecksicheren Blicke (Rückspiegel, voraus) die sich natürlich irren können bzw. einfach weite Teile der realen Landschaft nicht mitbekommen, werden von anderen gut erledigt, und ich kann mich wie ein Biker oder eine Radfahrerin lustig dazwischenschlängeln. Natürlich mit Risiko.

Du lebst derzeit in drei sehr unterschiedlichen Gesellschaften: Japan, Kalifornien, Wien. Bringen diese Orte unterschiedliche Vorstellungen von Zukunft hervor? Oder mischen sie sich in ein einziges Science Fiction Scenario?

Wien lebt natürlich in der Vergangenheit. Deswegen sind österreichische Zukunftsvorstellungen wahrscheinlich besonders faschistoid, also, dass nichts vorkommt, was sie sich nicht vorstellen können, und ihre Vorstellungswelt blüht ausschließlich in der Nostalgie, also für die Zukunft sehr eng.

Kalifornien scheint mir voll von komplett divergierenden Zukunften. Zugleich gibt es eine große Masse Leute, die entweder dem mindestens 50 Jahre schon abgelaufenen American Dream noch hinterherhasten, oder einfach ein deprimiertes, blindes Auge diesen Fragen gegenüber haben, entweder weil sie einen absurden Wohlstand haben oder in einem absurden Elend leben. Und dann gibts schon auch noch viele Visionäre hier, oder, die privaten Space Firmen, AI, Elite-Unis. Die können wahrscheinlich umso befreiter über solche Dinge nachdenken, als nicht der geringste Druck herrscht, die Zukunft sozial zu denken. Es scheint völlig legitim, ganz abstrakt in terms of Möglichkeit zu denken und die Frage auszusparen, wer Zugang zu diesen Möglichkeiten haben wird. Besondere Fälle sind sicher auch die Regierungen der Reservations, für die erst in letzter Zeit diese Regierungsintegration begonnen hat, und die die Ökonomien ihrer Kleinstaaten innerhalb der USA auf wirklich verrückten Einkommensstrategien wie Kasinos, Gastronomie, spezialisierter Entertainment oder gar Wasserrechtsklagen aufbauen, wobei aber trotz alledem die Zukunft nach einer Verbesserung aussehen dürfte. Also auf den Webseiten der Rez-Regierungen findet sich eine seltsame Mischung aus bleakness und Aussparung und verzweifelt konkretem Optimismus.

Denkst Du weit voraus, wenn Du schreibst? Oder hast Du den Eindruck, dass Du eher Side-Shadowing betreibst – also die gleichzeitigen, am Rande liegengebliebenen nicht berücksichtigten Möglichkeiten ins Zentrum bittest?

Ich versuche es, aufgrund meiner Angst vor Kompensationslogiken, mit dem Side-Shadowing nicht zu übertreiben.

Convenience Store – Inconvenience Store: Welche Rolle spielt der Konsum in deinen dystopischen Szenarien? Die Orte des Konsums. Oder: Orte eines obsoleten Konsums?

Ich glaube, ich nehme realiter die Konsumtempel als „auch etwas, was da ist“ wahr, was auch bedeutet, sie ganz lustig zu genießen, den gemeinsamen Fluss und die gemeinsame Ausgesetztheit dieser Verführung auch zu genießen. Oft befällt mich neben den kognitiven Vorbehalten ein auch sinnlicher Ekel, aber leider habe ich keine Lust, mich puritanisch durch diese Verführungsorten zu bewegen, also mache ich aus der Not eine Tugend und nenne es Recherche oder Einfühlung.

Narürlich sind sie für eine ungeheuer schlechte Gewohnheit, aber sie sind ein wesentlicher Baustein der entfremdeten Gesellschaft, in der wir leben.

Mich interessiert die zwiefache Flussrichtungdes Konsums, ich werde konsumiert, indem ich konsumiere, ich meine das physisch zu spüren. Die Schwindsucht hieß im Englischen übrigens „Galloping Consumption“ - kam in Viktorianischen Kinderbüchern andauernd vor und hat mir einen höllischen Schrecken eingejagt. Also irgendwie schwebt auch diese erbärmliche tuberkulöse Existenzform im Hintergrund von jedem Supermarkt – auch in Form dessen, was fehlt: eine unkontaminierte Methode, ein wirklich gutes Verhältnis ohne Verarsche, z.B. und ich fühle quasi die seelische Rachitis im Supermarkt.

Alles freilich Ausreden, während ich mich schon auch wie ein Bauer von schlichter Bewunderung erfassen lasse, wie ein Supermarkt Gegenstände von überallher zu meist mäßigen Preisen versammelt. Im Vergleich zur Steinzeit schon auch ein irres Phänomen, wie Strandgut. Als würden ständig wie neulich Pommes-Polster angeschwemmt - durch die "freie Logik des Marktes" - eher dadurch, dass so viele daran glauben und zugleich an etwas, wo sie herkommen, wo sie wissen, wie man Tomaten anbaut, oder Geschäfte aufbaut, z.B.

Also eine Mischung aus allgemeinem Wissen und spezifisch-persönlicher Hoffnung. Ich liebe das Wissen, und habe das Gefühl, dass ich mich, da ich irgendwie keine persönliche Hoffnung spüre (sondern mich im Zufall gewiegt fühle), freier in diesem riesigen Netz des Wissens bewegen kann.

Trotz der Beschwörungen durch marketingförmige Innovationsbehauptungen: Passiert denn überhaupt noch etwas Neues?

Doch! Sowas von! Die Innovationsbehauptungen sprechen sogar ja meist die Sprache der Vergangenheit, wo die Gestalt der Werte herkommt, die sie verbessern sollen. Aber was wirklich neu ist, sind Umgestaltungen wie die Verlagerung von allem ins Internet, die Umfunktionierung der Gespräche. Etwa mit Online-Sharing-Diensten, alles ist bereits im Netz geklärt, mündlich kann man dann small-talk machen. Schlechtes Beispiel vielleicht.

Ist die Frau der Mensch der Zukunft?

Ich hätte ein wenig Angst davor, ich verstehe Frauen nicht. Das antrainierte "weibliche Verhalten" schlägt oft seltsame Wellen, wenn es in Machtsituationen kommt, die auf männliche Verhaltensweisen geschneidert sind. Bzw. gelingt es uns nicht, entschieden genug neu zu sein, weil wir unter Druck stehen, in alten heterogeschissenen Werten auch noch zu bestehen, etwa beim Klartext reden, Macht zeigen. Mich verwirrt sanftes Sprechen in Machtpositionen. Ich finde das irgendwie übel, ich werde zu Plaudereien verleitet, weil die Machthabenden Unterwürfigkeitsvibes ausstrahlen - naja, schlicht eine Ruinenlandschaft einer Hierarchiegesellschaft, ums optimistisch zu sagen. Gut, wenn frau sich im gegenseitigen Einverständnis auf gemeinsam konkret konstruktives Verhalten einigen kann. Das erzeugt hingegen oft super Euphorien, nicht?

Ist gute Literatur eine Möglichkeit, die Angst vor der Zukunft zu lindern? Oder sie eher zu präzisieren?

Nach meinem Gefühl haben Leute aus sehr sehr unterschiedlichen Gründen Ängste, die mehr mit Selbstkenntnis als mit Zukunft zu tun haben, also mit Bearbeitung der Zukunft löst man die Ängste nicht. Oder vielleicht bin ich einfach zu gewohnt, in totaler Zukunftsblindheit zu agieren, um so etwas wie Angst vor der Zukunft überhaupt richtig anschauen zu können.

Ist Zukunftsangst ein politischer Affekt? (Kann man sie literarisch hervorbringen?)

Es gibt keinen politischen Affekt. Politik zu begreifen bedeutet Affekte aufzulösen in ihre Gründe, Hintergründe, also aus einem persönlichen Gefühl die reale Situation in ihrer Kollektivität herauszulesen. Das kann Literatur schon, ja.

Ist ein Happy Ending ein Rückschritt?

Es gibt leider kein Ende, aber es gibt Glück, und das gibt hoffentlich immer Energie für Weiterleben.



Das Interview mit ​Ann Cotten führte: Monika Rinck

Zur Themenseite „Zukunft“ des Projekts LiteraTür

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