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Interview mit Mehtap Ceyran
„Hundertjährige Trauer und Einsamkeit sollte niemand erleben“

literatür Interview mit Mehtap Ceyran© Goethe-Institut | Graphiker: Çağın Kaya, Fotograf: M. Şerif Fırat
 

Vor dem Hintergrund der Überfälle der Hizbullah(*) Anfang der 1990er-Jahre in Batman und den Selbstmorden junger Frauen in dieser Stadt greift der Roman "Mevsim Yaz" (dt. Die Jahreszeit der Trauer) von Mehtap Ceyran Ereignisse aus den Jahren 1994 und 2007 auf und zeigt an ihnen, dass die erlebten Tragödien bis in die Gegenwart wirken.
1994 wird der übel beleumundete Medet aus der Haft in Diyarbakır entlassen. Zurück in Batman beginnt Medet mit seinem Neffen zu kommunizieren, der gleichzeitig sein Nachbar ist. Durch einen Hohlraum in der Gartenmauer lassen sie sich Briefe zukommen. Fesla, ein kleines Mädchen, das daheim starkem Druck durch den Vater ausgesetzt ist, sieht in Medet die Verkörperung all dessen, was ihr gut erscheint.
Allerdings hat an diesem Ort alles, was schön und gut ist, nur eine kurze Lebensdauer.
2007 verschwindet Feslas Freund Taha, und es wird angenommen, dass er von der Hizbullah entführt wurde. Dachte man, dass unaufgeklärte Verbrechen, dass das ungelöste Verschwinden von Menschen der Vergangenheit, den 1990er-Jahren angehörten, zeigt sich jetzt, dass das ein Trugschluss war. Die Lehrerin Zehra, eine gemeinsame Freundin von Fesla und Taha, versucht, Fesla zu unterstützen und Taha ausfindig zu machen.
Zuhauf müssen Angehörige die Leichen ihrer Angehörigen aus den Gräbern holen und die Knochen zusammensetzen, um zu prüfen, ob nicht noch eine weitere Leiche in dem jeweiligen Grab verscharrt wurde.
Mehtap Ceyran erzählt Geschichten von Menschen, die versuchen, an einem Ort zu überleben, an dem Unterdrückung, Gewalt und Tod an jeder Ecke lauern.
 
(*): Gemeint ist hier eine militante kurdische sunnitisch-islamistische Organisation, die sich Anfang der 1980er-Jahre in der Türkei gründete.)


Abdurrahman Aydın: Vor fünf bis zehn Jahren hätte ich noch gefragt, warum Medet so sehr an zweiter Stelle, so sehr im Hintergrund steht. Aber in Ihrem Buch gibt es einen Moment, der uns verdeutlicht, dass Medet Feslas Glauben an die Welt symbolisiert. Aus dieser Sicht möchte ich fragen: Was repräsentiert Medet eigentlich genau?
 
Mehtap Ceyran: Es stimmt, dass die Hoffnung, so wie sie die Menschheit seit der Zivilisation deutet, in "Mevsim Yas" (dt. Die Jahreszeit der Trauer) von der Figur Medet verkörpert wird. Sie ist ein Bild, ein aus Feslas Sicht erschaffener Lebensglaube, der dem organisierten Bösen entgegengestellt wird. Fesla sagt an einer Stelle: "Gut zu sein ist so etwas wie Medet." Dieser Satz ist die politische Aussage eines bestimmten Lebensverständnisses, das aus der Figur Medet abgeleitet wird. Aus dieser Sicht ist Medet eine äußerst ideologische Figur. Obwohl es so aussieht, als würde er im Roman eine eher zweitrangige Rolle besetzen, stellt er eine der versteckten Hauptfiguren der Geschichte dar. Der über Medet erschaffene Lebensglaube wird auch nach seinem Tod, trotz aller Zerstörungen und Verletzungen, mit Tahas Übernahme von der Menschheit auf ihrem Weg weitergetragen. Feslas ganzer Widerstand gründet sich auf ihn. Darüber hinaus müssen wir dem Charakter Medet noch eine zweite Bedeutung zusprechen. Von Feslas erschaffenem Medet abgesehen, bilden Medets Haltung und Ausdruck den politischen Grundstrom des Textes.
 
Ebenfalls fünf oder 10 Jahre zuvor hätte ich es noch als Problem empfunden, dass die Erzählerin eine Lehrerin ist. Außer dass sie eine Lehrerin ist und mit der Hauptfigur des Romans im Clinch liegt, erfahren wir nichts weiter über sie. Sie scheint nur ein einfacher Zeuge zu sein, der jedoch Zeuge der Zeugenschaft wahrer Zeugen ist. Können wir Zehra als eine Figur ansehen, deren Worte Zeugnisse der Realität sind?
 
Zehra ist ganz im Gegenteil eine Figur, die das Wort des Zeugen dazu verpflichtet, sich mit ihrer eigenen Geschichte und ihren eigenen Wurzeln auseinanderzusetzen. "Lehrer" ist für den Ausbeutenden nicht bloß eine Berufsgruppe. Sie steht dafür, dass die Regierung ihr Wissen sozusagen durch einen Ausgebeuteten einem anderen Ausgebeuteten vermitteln lässt. Das ist das, was man für das Lehrerdasein bekommt. Dadurch dass er diese Tatsache vor Augen führt, ist ein Roman mit einem Lehrer als Erzähler, der den Geschehnissen inner- und außerhalb einen Spiegel vorhält, ein Versuch, dieses Wissen zu verdrehen und zu dekonstruieren. So eine Person dazu zu zwingen, Zeuge der Zeugenschaft eines anderen zu sein, ist ähnlich wie beim Kolonialismus, der einer Person einen bestimmten Komfort gewährt, indem er sie in "Staatsbeamtentum" kleidet: Denn der Konformismus, der dadurch in der Person entsteht, sorgt dafür, dass sie sich immer mehr ihrer Wurzeln entfremdet und alsbald eine Außenposition einnimmt, um mit einem fremden Blick ihre eigene Wirklichkeit und Wunden vor Augen geführt zu bekommen. Die dadurch entstehende orientalistische Haltung hat den Zweck, ein Angriff auf die Identität des Mittelstandes zu sein. Aus diesem Grund erfahren wir nichts über die Wurzeln der Lehrerin, bzw. Staatsbeamtin, Zehra. Die Figur der Lehrerin Zehra soll verdeutlichen, dass man diese künstliche Identität, die einem Menschen, den der Staat mit der Vermittlung von Wissen beauftragt hat, folglich eine staatlich aufgeladene Identität, abstreifen kann, indem man sich selbst mit seiner persönlichen Wirklichkeit konfrontiert.
 
Der Titel des Buches beinhaltet das Wort Trauer. Judith Butler stellte mit Bezug auf Sophokles’ Antigone die Frage: "Um wen können wir trauern?" Scheint hierbei das Trauern eine Möglichkeit zu sein, denjenigen Toten, um die das Trauern verboten ist, ihre Existenzen zuzusprechen?
 
Das hat etwas damit zu tun, demjenigen, um den man nicht trauern kann, auch außerhalb der rechtlichen Normen eine Existenz zuzusprechen. Um jemanden, dessen Existenz nicht anerkannt worden war, kann man nicht trauern. Wie Agamben hervorhebt, sind diese Existenzen keine legalen Existenzen. Das Trauern als "eine Möglichkeit" anzusehen, "dem Toten sein Leben zuzusprechen", ist in diesem Sinne eine richtige Beschreibung. Die Politik des Souveräns, die er auf diese nicht zufälligen Toten anwendet, ist die Reaktion auf ein nicht anerkanntes Leben und einen nicht anerkannten Tod. Wie sollen wir nun die Folgen dieser Politik werten?
In den 90er-Jahren wurden wir mit einer Migration konfrontiert, die aus der Zerstörung vieler Dörfer resultierte. Diese Migration dehnte sich später auf den Westen aus. Als sie im Westen keinen Halt fanden, mussten die emigrierten Kurden wieder zurückkehren. Diese Zirkulation, die teilweise nicht offenkundig war, hat immer weiter angedauert. In den letzten Jahren wurde diese Art der Massenmigration durch den Krieg in den Städten Nusaybin, Cizre und im Sur-Distrikt in Diyarbakır wieder  entfacht. Der andauernde Migrationszustand macht die dauerhafte Sesshaftigkeit unmöglich.
In dieser Phase werden die nicht anerkannten, marginalisierten Toten mit der immer gleichen Politik behandelt. Die Toten, die nicht begraben werden konnten, die zerstörten Friedhöfe, die geöffneten Gräber, die Knochen, die weggetragen werden – eine Sesshaftigkeit wird schon wieder unmöglich gemacht. In diesem Sinne stellt dies eine Politik dar, die dem nicht anerkannten Leben des Toten, um den man dadurch auch nicht trauern kann, keine Möglichkeit gibt, sich niederzulassen.
 
Es gibt ein weiteres Erbe, das Fesla erhält, nämlich die Lausflaschen, die ihre Schwester hinterlassen hat. Fesla beginnt sich hier mit den Elendsten zu identifizieren, mit denen, die sich  am untersten Ende befinden. Jedoch ist dies auch etwas, das sie am Leben hält. Ist diese Haltung, sich mit denen zu identifizieren, die sich in miserabelsten Zuständen befinden, eine revolutionäre Haltung?
 
Die Seite derer einzunehmen, die am meisten herabgesetzt werden, ist eine Art der Verweigerung. Fesla zeigt zum einen durch ihre Verweigerung zu sprechen (Schweigeprotest) und zum anderen durch ihre Beschränkung der sozialen Interaktion auf das Minimum, dass sie die primitiven Interaktionsmechanismen des "zivilisierten" Menschen nicht akzeptiert und nicht akzeptieren wird. Gegen das organisierte Böse, das der Mensch erschaffen hat, identifiziert sie sich mit den am meisten herabgesetzten Lebewesen wie Mäusen und Läusen. Andererseits sprechen wir hier auch von einem Angriff auf unsere Art des Menschseins. Das ist der Entfremdungszustand, der zum Verlust aller zivilisatorischen Reflexe desjenigen Menschen führt, der in die Ecke gedrängt wurde und extrem vereinsamt ist. Wie sehr wir diesen Zustand auch als Feslas freie Wahl und Art des Protests deuten mögen, so können wir in der objektiven Betrachtung erkennen, dass dies mehr noch als etwas, das wir wählen, etwas ist, zu dem wir gebracht werden. Es ist eine Wirklichkeit, in der wir uns alle einmal wie ein Insekt gefühlt und dabei sukzessive begonnen haben, unsere sozialen Reflexe, beziehungsweise unsere dem Menschsein zugehörigen Reflexe, zu verlieren.
 
Freud machte folgende Feststellung: Während die Welt in einem Zustand der Trauer leer und ausgedörrt erscheint, ist in der Melancholie das "Ich" leer und ausgedörrt. Wenn wir diese Feststellung Freuds akzeptieren, ist es dann auch möglich zu sagen, dass an die Stelle des revolutionären Potenzials nach Fanon das Gefühl der Leere und Dürre des "Ichs" tritt?
 
Wenn wir Freuds Feststellung akzeptieren, muss es nicht zwangsläufig bedeuten, dass Fanons revolutionäres Potenzial an die Stelle des Gefühls der Leere und Dürre des "Ichs" tritt. Dies müsste man an einer anderen Stelle viel weitläufiger diskutieren.
Wenn wir uns dem Kern Ihrer Frage zuwenden, ist zu erkennen, dass der Reflex, den unser Charakter aufzeigt, daher rührt, dass ihm auf der Welt keine Möglichkeit zu leben gestattet wird. Es ist der Reflex eines Menschen, dessen Möglichkeiten eingeschränkt wurden und der daraufhin das Bedürfnis entwickelt hat, sich auf den Grund des Bodens, den Untergrund, zurückzuziehen. Infolgedessen besteht sein Lebensraum aus dunklen und tiefen Orten: Unter dem Sofa, das unterste Etagenbett und das Kellerstockwerk eines Gebäudes. Zweitens lebt er metaphorisch gesprochen in Gräbern, wie um darauf hinzuweisen, dass er nicht begraben werden kann (seine Lebensräume ähneln in ihren physischen und architektonischen Eigenschaften einem Grab). Er erzählt von den Toten, um die nicht getrauert werden kann, aus dem offenen Grab heraus, in dem er sich befindet. Dass er dabei sein Leben in diesem Grab mit Mäusen und Läusen teilt, zeigt auf, dass seine Stimme die Menschen außerhalb des Grabes nicht erreicht. Es zeigt, dass die anderen Menschen dieses offene Grab nicht sehen können.
Ein dritter Aspekt ist das Bedürfnis in das Außerhalb der Sichtweite der Gesellschaft zu flüchten. Der Mensch fühlt, dass das gesellschaftliche Leben aus einer instinktiven faschistoiden Aggression der Massen besteht, vor der er sich schützen möchte. Dass Fesla die Bücher, die sie gelesen hat, vergräbt, entspringt dem Wunsch, diejenigen, die nirgends sicher sind und jederzeit umgebracht werden können, unter der Erde vor den Blicken der Gesellschaft zu schützen. Mit der unvermeidlichen Entdeckung ihres Bücherfriedhofs kommen wir zu dem Schluss, dass wir diese Tausenden von Toten, die wir verstecken möchten, unmöglich geheim halten können. Es soll ausdrücken, dass diese Friedhöfe am Ende unweigerlich aus allen Nähten platzen und die Toten in alle Lebensbereiche eindringen und uns alle vergiften werden. Auch wenn es unter der Erde stattfindet, ist das ein brodelndes Verfaulen. Aus diesem Grund wird es auf jeden Fall an die Erdoberfläche gelangen. Das brodelnde Verfaulen ist etwas, das sich auf das Volk ausweiten wird.
 
Ungefähr zur Hälfte des Romans stoßen wir auf eine Geschichte, die von einer hundertjährigen Trauer handelt. Als von der "Chronik eines angekündigten Todes" von Gabriel García Márquez die Rede ist, muss man unweigerlich auch an "Hundert Jahre Einsamkeit" denken. Ist es überhaupt möglich, dass wir um die anderen Verlorenen trauern können, wenn wir nicht einmal aufrichtig um die Geschehnisse im Jahre 1915 trauern konnten? Oder müssen wir alle noch einmal durch hundert Jahre der Einsamkeit gehen?
 
Eigentlich wird im Buch nicht auf "Hundert Jahre Einsamkeit" verwiesen. Dennoch ist der Leser natürlich jemand, der den Text neu produziert, und wer möchte, kann das auch hineininterpretieren.
Die "Chronik eines angekündigten Todes" hat jedoch eine ganz andere Bedeutung. Sie ist die Geschichte über einen Ehrenmord, von dem jeder im Voraus weiß. Medets Geschichte hat den Unterschied, dass es sich hierbei um einen politischen Mord handelt, von dem jeder im Voraus weiß. Der Grund, warum auf die "Chronik eines angekündigten Todes" in "Die Jahreszeit des Trauers" verwiesen wird, ist ihre Gemeinsamkeit, Erzählungen zu sein, die dieses gesellschaftliche Schweigen über vorhersehbare Morde ans Tageslicht bringen sollen.
Die hundertjährige Trauer im Buch stellt ein Jahrhundert dar, das an die Existenz einer Schuld (1915) erinnern und über sie diskutieren möchte. Diese Schuld wurde nämlich auf diesem Boden begangen. Sie ist eine große Schuld, die in der offiziellen Geschichtsschreibung ohne jedweden aufrichtigen Aufarbeitungsversuch als eine hundertjährige Heldengeschichte wiedergegeben wird, jedoch trotz aller staatsideologischen Bestrebungen aus dem gesellschaftlichen Gedächtnis nicht gelöscht werden konnte. Der Roman soll aufzeigen, dass derartige Taten bis ins Heute wirken, und dass die Trauer und der Schmerz niemals enden werden, sofern keine Aufarbeitung stattfindet.
Ihr letzter Satz hat mich als Teil der Gesellschaft und im Namen der Menschlichkeit sehr mitgenommen. Ich möchte, dass niemand hundertjährige Trauer und Einsamkeit noch einmal erleben muss. Ich hoffe es sehr, dass es nicht dazu kommen muss.
 
Und als letztes möchte ich ohne eine Deutung zu wagen eine direkte Frage stellen: Der schwarz gefärbte Grabstein?
 
Das ist die Antwort, die dem Toten, um den man "nicht trauern kann", bezüglich seines Problems der Sesshaftigkeit gegeben wird. Es ist das Bedürfnis, den Toten zu verstecken.

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