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Kurator: Doğuş Sarpkaya
Das unvermeidliche Problem der Literatur

Obwohl die Zukunft normalerweise in Werken der Science-Fiction, in Utopien oder Dystopien thematisiert wird, so ist sie doch ein essentieller Bestandteil beinahe jeder Art von Literatur. Denn ganz gleich ob die Geschichten eine Antwort auf die Frage, wie die Zukunft aussehen kann, liefern sollen oder ob sie düstere Prophezeiungen beinhalten, ihr vordergründiges Ziel ist die Darstellung von Ideen über die Zukunft. Das ist auch der Grund, warum die moderne Fiktion seit ihren Anfängen, während sie die Gegenwart porträtiert, eine Antwort auf die Frage sucht, wie das Kommende sein soll.
Auf jeden Fall steht das Thema der Zukunft zur Diskussion offen. Denn die Idee der Moderne zeigt eine Gegenwart auf, die zwischen Vergangenheit und Zukunft eingeschlossen ist. In diesem Sinne ist der Roman nach Lukács, "das Epos einer Welt, die von Gott verlassen wurde". Die Weltanschauung und das Zeitverständnis vor der Moderne zerbrachen mit der Geburt des Kapitalismus. Der Roman und die moderne Erzählung haben sich die harte Pflicht auferlegt, die zersplitterte Zeit einer von Gott verlassenen Welt wieder zusammenzufügen.

Von Doğuş Sarpkaya

Nach dem Zeitalter der Moderne stellte die eingeschlossene, atomisierte Gegenwart die Literaten vor große Schwierigkeiten. Die Evolution der Roman- und Erzählungsformen hat sich aus der Notwendigkeit verwirklicht, Strategien gegen das Zeitverständnis einer eingeschlossenen Gegenwart zu entwickeln. Eine Folge dieser Strategien waren Utopien, die besonders die westliche Literatur auf der Suche nach Wegen, um sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, entdeckt hat.
Wenn wir aber von der türkischen Literatur sprechen, kann davon keine Rede sein. 
Es ist nicht schwer zu erahnen, was es für ein Dilemma für die Autoren darstellt, in einem Land zu leben, das sich weder mit seiner Vergangenheit auseinandergesetzt hat, noch sich Vorstellungen von der Zukunft machen kann und in einer Gegenwart ohne Vergangenheit und Zukunft eingeschlossen ist. Die türkische Literatur des 21. Jahrhunderts wurde ebenfalls in dieses Dilemma hineingeboren. Wir können sagen, dass eine Generation der Literatur entstanden ist, die sich ihren Weg selber ertasten musste. In den letzten Jahren kamen wir in den Genuss der Literatur einer Generation, die dieses benannte Dilemma in eine Gelegenheit umwandeln konnte. Wir lesen die Werke von Literaten, die versuchen sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, gegen die Ausweglosigkeit der Gegenwart Widerstand leisten und auch noch etwas zur Zukunft zu sagen haben.

Von der Vergangenheit zur Gegenwart

Die türkische Literatur wurde mit ernsthaften Problemen konfrontiert, als es um die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ging. Obwohl die kurze Geschichte der Republik sehr ereignisreich war, wie die organisierten Pogrome gegen Minderheiten, der jahrelange Krieg und die drei Militärputsche, sind zu dieser Zeit sehr wenige Romane oder Erzählungen entstanden, die von diesen Umständen berichteten. Die türkische Literatur hat in den letzten Jahren den Versuch gewagt, diesen Mangel zu beheben. Die Werke "İstanbul İstanbul" von Burhan Sönmez, "Kayıp Gergedanlar" (dt. Die verschollenen Nashörner) von Cem Kalender, "Fırtına Takvimi" (dt. Der Kalender des Sturms) von Jale Sancak, "Babamın En Güzel Fotoğrafı" (dt. Das schönste Foto meines Vaters) von Gönül Kıvılcım und Pınar Seleks "Yolgeçen Hanı" (dt. Das geschäftige Gasthaus) sind als eindrucksvolle Romane zu nennen, die unterschiedliche Ereignisse der Vergangenheit mit außergewöhnlichen formalen Ansätzen thematisieren.
"Mevsim Yas" (dt. Die Jahreszeit der Trauer) von Mehtap Ceyran gehört auch in diese Kategorie der Romane, die sich mit der Vergangenheit beschäftigen. Was "Mevsim Yas" von den anderen Werken unterscheidet, ist sein Anliegen, die Auswirkungen von vergangenem Leid und Gewalt auf unsere Gegenwart offenzulegen. Ceyran behauptet in ihrem Roman, dass zwischen der Stadt Batman der 90er-Jahre und der Stadt Batman des Jahres 2007 kein Unterschied besteht. Das Kernproblem, das in "Mevsim Yas" aufgegriffen wird, ist die Frage, wie ein Mensch sich verwirklichen kann, wenn sowohl die Vergangenheit als auch die Gegenwart von Dunkelheit umgeben sind. Ceyran zögert nicht, Grausamkeit und Brutalität zu beschreiben, schafft es dabei aber, der emotionalen Ausbeutung entgegenzuwirken, die mit dieser Beschreibung einhergeht.

Die Unvermeidlichkeit der Gegenwart

Zu ergründen, was es mit der Düsternis der Gegenwart auf sich hat, ist ebenfalls zu einem großen Anliegen der türkischen Literatur geworden. In manchen Erzählungen werden als Kernmotive die Aus- und Rückwirkungen des sozialisierten Übels, das von der modernen Staatsmacht ausgeht, auf das Individuum verhandelt. Hüseyin Kırans Roman "Dağ Yolunda Karanlık Birikiyor" (dt. Auf dem Bergweg sammelt sich die Dunkelheit an) hat für Aufmerksamkeit gesorgt, indem sich das Werk auf die Verletzungen, die von staatlicher Macht zugefügt werden, und auf ihre Auswirkungen auf die Persönlichkeit des Menschen konzentrierte. Kıran gelingt dies mit der Zuhilfenahme einer brüchigen und verstümmelten Erzählsprache und der Darlegung von machtstrategischem Vorgehen durch die Hauptfigur Yakup. Obwohl der Roman von einer vergangenen Zeit zu handeln scheint, nimmt er doch heutige Herrschaftsmechanismen ins Visier. Sobald wir bemerken, dass wir uns ununterbrochen jedem einzelnen Satz des Romans aussetzen, wird uns seine wahre Durchschlagskraft bewusst.
 
Melike Uzun hingegen versucht mit ihren Erzählungen in "Kürar" (dt. Kurare) und ihrem Roman "Soğuk ve Temiz" (dt. Kalt und Sauber) eine Antwort auf die Frage zu finden "Wie kann man die Auswirkungen der Traumata eines Individuums darlegen, dem gesellschaftlich Schaden zugefügt wurde?" Hierbei geht sie auf den Ursprung des Bösen ein. Melike Uzun weiß bestens Bescheid um die unterschiedlichen Wirklichkeiten, die hinter der brüchigen und oberflächlichen Wirklichkeit zu Tage kommen. Dieses Bewusstsein scheint sie in eine Richtung zu lenken, die den destruktiven Handlungsweisen, die in dieser brüchigen Wirklichkeit entstehen, neue Bedeutungen zuweisen. Uzun versucht zu erklären, dass wir uns zuerst einmal mit unseren eigenen Wirklichkeiten, die wir nicht aus den gesellschaftlichen Wirklichkeiten herauslösen können, auseinandersetzen müssen, um überhaupt über Hoffnung sprechen zu können.
Ezgi Polat, Sezen Ünlüönen und Türker Ayyıldız sind ebenfalls Autoren des 21. Jahrhunderts, die die Machtverhältnisse der Gegenwart kritisieren. "Susulacak Ne Çok Şey Var Aramızda" (dt. Es gibt so viel zu schweigen zwischen uns) von Ezgi Polat konzentriert sich auf die zwischenmenschlichen Ungereimtheiten. Polat versucht die Gegenwart nicht durch große Vorfälle, Niederlagen oder Siege zu verstehen, sondern durch die Beleuchtung alltäglicher Details. Sezen Ünlüönens "Kıymetli Şeylerin Tanzimi" (dt. Die Ordnung der wertvollen Dinge) geht in eine ähnliche Richtung. Wie Tanıl Bora bereits angemerkt hat, betont Ünlüönen hierbei die Ausweglosigkeit in der sich das Individuums befindet, in dem sie die "Zukunftsvorstellungen, die durch die Schnelligkeit der Generation schnell altern" in den Fokus nimmt. Türker Ayyıldız hingegen spricht von einer menschlichen Eigenschaft, die dazu verleitet, bestehende Wunden entweder zu ignorieren, zu unterdrücken oder zu verstecken, wenn die Situation ausweglos erscheint. Während wir Aufhebens um unsere oberflächlichen Wunden machen, lenken die Dinge, über die wir schweigen, wie eine unsichtbare Kraft unser Leben, so Ayyıldız.

Von der Gegenwart zur Zukunft

Das 21. Jahrhundert hat kein literarisches Umfeld schaffen können, das sich ausschließlich auf die Gegenwart konzentriert. Dabei gibt es allerdings nur wenige Werke, die es geschafft haben, sich mit Ansätzen, die Hoffnung verhandeln, von der zwischen Vergangenheit und Zukunft eingeschlossenen Gegenwart zu befreien. Ahmet Bükes Erzählungen haben es verdient, von dieser Seite beleuchtet zu werden. Der Autor hat zu einer Zeit den Stift in die Hand genommen, in der das Träumen über die Zukunft als Spielverderberei angesehen wurde. In der Zeitspanne zwischen seinem ersten Buch "İzmir Postasının Adamları" (dt. Die Männer der İzmirer Post) und seinem zuletzt erschienenen Werk "Yüklük" (dt. Ballast) ist er hoffnungsvoll und rebellisch geworden, anstatt nur optimistisch und traurig zu sein. So hat er als Geschichtenerzähler zu seiner eigenen Stimme gefunden.
Belegt zu haben, dass man hoffnungsvolle Geschichten schreiben kann, auch wenn man von der gesellschaftlichen Wirklichkeit erzählt, ist Bükes Beitrag zur türkischen Literatur.
Zu einer Zeit, in der die Zukunft nichts als Besorgnis weckt, ist es notwendig den Literaten Gehör zu schenken. Und wenn es nur deswegen ist, weil sie der Schnelligkeit der Generation und ihrem Mahlwerk zum Trotz nicht aufhören für ein besseres Wirklichkeitsverständnis ihre Stifte zu schwingen.

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