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Theresia Prammer
Ich und du, Mensch und Tier

Allein zeitgeschichtliche Gründe wären mehr als ausreichend, um den Dichter, Romanautor, Filmemacher und Theaterautor Thomas Brasch unter die wichtigsten Figuren des ausgehenden 20. Jahrhunderts zu reihen: 1945 in London geboren und in der DDR aufgewachsen, Kind einer Wiener Jüdin und eines in den Nachkriegsjahren zum hochrangigen Parteimitglied aufgestiegenen Emigranten, unter Helene Weigel Mitarbeiter im Brecht-Archiv, nach seiner Ausreise in den Westen 1977 von den Medien zum exemplarischen Dichter-Dissidenten stilisiert, hat Brasch die Widersprüche seiner Epoche am eigenen Leibe durchquert. Der „Riß der Zeit, der durch den Mann geht“ (Christa Wolf) stach jedem, der mit diesem Autor näher in Berührung kam, unweigerlich ins Auge. Brasch störte auf, er begeisterte, er schaffte sich Gehör und er verstörte.

Von Theresia Prammer

Vor diesem Hintergrund könnte der Titel der Gesamtausgabe der Gedichte des 2001 gestorbenen Brasch nicht besser gewählt sein: "Die nennen das Schrei". Von den frühen Veröffentlichungen bis hin zu den Gedichten aus dem Nachlass sind in diesem Buch alle zu Lebzeiten veröffentlichten Gedichte aus unterschiedlichen Quellen kompakt versammelt und offenbaren einen beachtlichen Reichtum an poetischen Herangehensweisen. Ist etwa „Der schöne 27. September“ von einem Heine und Brecht abgelauschten Liedton bestimmt, verschwimmen in „Kargo“ lyrisch episch dramatische Fragmente und Fotosequenzen. Historie kommt neben Mythologie zu stehen, Jack the Ripper trifft auf Till Eulenspiegel, Kassandra auf Jimi Hendrix. 

1030 ist das Buch stark und wenn hier von Stärke die Rede ist, betrifft dies nicht allein den Umfang; nicht minder ist diese Stärke an einer Wucht festzumachen, die für die Leserin von dieser écriture ausgeht, um nicht zu sagen: von ihrer erotischen Substanz. Denn mit der ihm eigenen Kompromisslosigkeit zeigte der Dichter Thomas Brasch seine Wunden, stellte sich seiner Angst, indem er sie aus sich herausstellte: „Das Hemd ist schon zerrissen / die Haut ist längst zerfetzt / wenn wir doch sterben müssen / dann jetzt.“ („Hahnenkopf“) Dieses zugleich durchgreifende und zarte Verfahren, das „unterm Abgrund“ stets einen „Grund“ vermutete und in der Gegenwart immer auch ein Stück Gegenwelt aufschimmern sah, bestimmte nahezu all seine künstlerischen Emanationen. Der Trennung einer „politisch engagierten“ von einer „sensiblen“ Kunst konnte er, mit den Realitäten der sozialistischen Arbeitswelt vertraut, nichts abgewinnen: Soziale Bedingungen begreifen und sie erleben, ein Ergriffensein zugeben, das waren für ihn die ersten Aufgaben des Künstlers.

Umtriebig, aber auch verzweifelt getrieben, machte Brasch diverse Gattungen und Medien für seine jeweiligen Anliegen fruchtbar und hörte nicht auf, nach neuen Möglichkeiten des Ausdrucks zu suchen. Die Themen und Motive seiner Gedichte setzten sich in seinen Erzählungen fort, im Drehbuch, im Roman. So ist es vielleicht auch kein Wunder, wenn die inhaltlichen und ästhetischen Qualitäten dieser poetischen Texte zu einer Einheit mit der Persönlichkeit verschmelzen und diese wiederum nicht abzunabeln ist von jenem „Blutaustauschverhältnis mit der Gesellschaft“ (Brasch), das bereits selbst ein politisches Faktum ist. 

Eine Unbedingtheit, die sich nichts vergibt, wenn sie sich mit Verwundbarkeit mischt. Eine Wut, die nahe am Wunsch gebaut ist, der für Brasch eine subversive, gesellschaftsverändernde Kraft darstellte. Ein Spürsinn für Gleichnis und Analogie, der die Konstruktionen der Gegenwart auf ihren mythischen Kern abklopft. Ein ebenso sicherer Instinkt für das poetische Potential der Chronik, der über jede Stilisierung erhaben ist. Ein verhaltenes Pathos, das eine Deckung von Gegenstand und Gefühl vorantreibt. Eine intellektuelle Schärfe, die zum Sinnlichen nicht quersteht. Ein ausprobierender Gestus, der sich dem Gedicht mit den Mitteln des Theaters nähert, als work in progress loser Szenenfolgen und Sequenzen. Und schließlich, unweigerlich ad hominem: Eine Gefährdung durch Maßlosigkeit, im Verbund mit dem klarsichtigen Albtraum der Droge.

„Alle Gedichte sind Liebesgedichte“, bemerkte einmal der österreichische Dichter Reinhard Priessnitz. Thomas Brasch schien darum zu wissen, wenn er die Formulierung von „Gedichten aus Liebe“ erfand, was bewusst etwas Anderes meint als „Liebesgedichte“ oder „Gedichte von der Liebe“. Einerseits war Brasch in seiner Suche nach Übereinstimmung von Kunst und Leben unverbesserlicher Avantgardist und Romantiker, andererseits war er überzeugt, dass das Gesellschaftliche und Politische gerade der Überprüfung durch das Private standhalten muss. Indem er sich seiner Empfindlichkeiten versicherte, rührte er stets an eine gesellschaftliche Befindlichkeit. Das gilt mit wenigen Einschränkungen auch für jene erotisch direkten Gedichte, die in vielen Spielarten dem Begehren „gegen jede Vernunft“ huldigen und sich dabei einer drastischen Sprache anvertrauen: „Liebeslied // O, wie ist das schön, / so mit Seufz und Stöhn, / so die Beine breit, / wird der Himmel weit. / Was man alles kann, / ist der Mann ein Mann. // Geh ich auf die Knie / frag nicht wer noch wie / frag nicht Zeit noch Sinn / leg mich einfach hin / so mit Zart und Rauh / fühl ich mich als Frau / Schließ die Augen zu / sag nicht ICH nicht DU / weiß nicht, wer wir sind / wird zum Sturm der Wind / wird die Lust zur Gier / und das Mensch endlich zum Tier.“

Dass Thomas Braschs lebenslange Obsession für die Themen Trennung und Vereinigung, Wiedertrennung und Wiedervereinigung sowohl die autobiographische als auch die politische Lesart zulässt, versteht sich da beinahe von selbst. Jene Metapher vom „Tier mit den zwei Rücken“, die er, an den von ihm wiederholt übersetzten W. Shakespeare angelehnt, wiederholt beschwört, könnte auch auf die deutsch-deutsche Konfliktsituation bezogen werden. Und wenn schließlich „einer... die nähe sucht der andere / das weite“, so ist damit gewiss nicht nur der Liebende gemeint, sondern ebenso der Systemflüchtling, der 1976 einen Antrag auf „einmalige Ausreise“ bewilligt bekam und das Nicht-mehr-Zurückkönnen als von außen aufoktroyierte Besiegelung der Entfremdung erfuhr. „Alle Dinge sind ganz“, heißt es in dem Erzählungsband "Vor den Vätern sterben die Söhne (1977)", „und wenn man sie teilt, werden sie wieder ganz.“ 

In ihrem Anspruch, die drängenden Fragen einer individuellen Gegenwart utopisch zu fassen, sind Braschs Gedichte auch heute in höchstem Maße zukunftsträchtig. Zwischen Zeilenbruch und Zeitenwende, Einklang und Untergang besingt Thomas Brasch Verheißung und Dilemma einer Generation, ohne den Schrei, der diesen Gedichten eingeschrieben ist, durch ein Frage- oder Ausrufezeichen zu mildern: „Wer sind wir eigentlich noch. / Wollen wir gehen. Was wollen wir finden. / Welchen Namen hat dieses Loch, / in dem wir, einer nach dem andern, verschwinden.“ („Papiertiger“)

Thomas Brasch: Die nennen das Schrei. Gesammelte Gedichte. Herausgegeben von Martina Hanf und Kristin Schulz. Berlin: Suhrkamp, 2015.

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