Aşk, Mark ve Ölüm (Liebe, D-Mark und Tod) ist ein Lied aus dem Jahr 1982 von Ideal, einer Berliner Band der Neuen Deutschen Welle. Die Band wusste schon damals, ohne wen kein neues Deutschland zu machen war. Für den Liedtext fragten sie den Schriftsteller Aras Ören an. Unter dem Titel Aşk, Mark ve Ölüm schrieb er 1982 ein Gedicht über die Enttäuschung der Immigrant*innen in Deutschland. In einer Zeit der rasant ansteigenden Ausländerfeindlichkeit, begleitet durch rassistische Debatten in Medien und Politik über »Überfremdung«. Aras Örens Gedicht endet mit den Zeilen:
»Ich heule, schreie und zerschlage
Mit lauter Stimme, mit leiser Stimme
Die Wände überall, alles ist taub
Der Tod kommt billig zu uns.«
Aşk, Mark ve Ölüm lautet auch der Titel eines vielgepriesenen Dokumentarfilms des Regisseurs Cem Kaya zur musikalischen Kulturgeschichte der türkischen Migrant*innen aus dem Jahr 2022. Inspiriert wurde er dabei auch von der Compilation Songs of Gastarbeiter des DJ-Duos Ayata/Kullukçu, das im Rahmen des Festivals Almancı – 50 Jahre Scheinehe zusammenfand – einem Festival, das 2011 unter der künstlerischen Leitung von Shermin Langhoff am Ballhaus Naunynstrasse in Berlin und Istanbul anlässlich des Jubiläumjahres des Anwerbeabkommens 50 Jahre Widerstandsgeschichte feierte.
AŞK, MARK VE ÖLÜM I
Der erste Teil ist bis auf wenige Werke von Melek Konukman-Tulgan, Filiz Taşkın, Serpil Yeter und Gülsün Karamustafa dokumentarisch. Er basiert auf Recherchearbeit und beschäftigt sich mit den Bewohnerinnen des Wohnheims in der Stresemannstraße 30 in Berlin, das die Firma Telefunken für ihre »Gastarbeiterinnen« einrichtete. Schon hier spielt das Werk von Emine Sevgi Özdamar eine wichtige Rolle. Geboren 1946 in Malatya in Ostanatolien und aufgewachsen in Istanbul und Bursa, kam sie 1965 in die Stresemannstraße 30. Von ihrem Leben im »Wonaym« zwischen der Arbeit bei Telefunken, der Sehnsucht nach dem Theater und nach einer Welt frei von Ausbeutung und Unterdrückung erzählt sie u.a. in ihrem Roman Die Brücke vom Goldenen Horn (1998), dem ersten Band ihrer Istanbul- Berlin-Trilogie. Auf der langen Fahrt von Istanbul nach Berlin sagt darin eine der Mitreisenden: »Was für ein nicht aufhörender Weg«. Er hat bis heute nicht aufgehört. Die erträumte bessere Welt, die einmal so nahe schien, rückt wieder in weite Ferne. Im zweiten Band Seltsame Sterne starren zur Erde schreibt sie: »Ich bin unglücklich in meiner Sprache. Die Wörter sind krank. Meine Wörter brauchen ein Sanatorium. Wie lange braucht ein Wort, um wieder gesund zu werden? Man sagt, in fremden Ländern verliert man die Muttersprache. Kann man nicht auch in seinem eigenen Land die Muttersprache verlieren?« Das sind Sätze, die man in Deutschland einmal sehr gut verstand. Als man sich dort nämlich noch schämte darüber, was Eltern und Großeltern der Muttersprache mit derjenigen des Dritten Reiches angetan hatten. Emine Sevgi Özdamar ging ins Theater zu Brechts und Weigels Berliner Ensemble, um die Wörter zu heilen. Sie war nicht die Erste und nicht die Einzige dort. Nuran Oktar und Vasıf Öngören, die anderthalb Jahre als Heimleitung in der Stresemannstrasse arbeiteten, waren auch nach Berlin zum Theater gekommen.
Das Theater lebt auch davon, dass wir dabei helfen, die Wörter zu heilen. Alleine schafft das niemand und schon gar nicht eine »Nation«. Diese ist angewiesen auf die anderen Menschen, die anderen Sprachen. Das war die Erfahrung der Frauen in der Stresemannstraße 30, der Immigrantinnen aus vielen Nationen. Das ist, womit wir und woran wir arbeiten im Maxim Gorki Theater. Wir arbeiten dort an einem neuen Theater für das neue postmigrantische Deutschland.
AŞK, MARK VE ÖLÜM II
Im zweiten Teil der Ausstellung Aşk, Mark ve Ölüm setzen sich Künstler*innen, insbesondere in Videoarbeiten sowie Skripten und Skulpturen, oft biografisch inspiriert mit Deutschland auseinander: Nevin Aladağ, Züli Aladağ, Cana Bilir- Meier, Zühal Bilir-Meier, Ahu Dural, Semra Ertan, Harun Farocki & Antje Ehmann, Daniel Knorr, Hakan Savaş Mican, Ersan Mondtag, İrfan Önürmen, Emine Sevgi Özdamar, Ülkü Süngün und Želimir Žilnik.
Kuratiert von Shermin Langhoff
Rechercheteam Hülya Karcı, Erden Kosova, Tunçay Kulaoğlu, Maral Müdok und Mürtüz Yolcu Ausstellungsszenografie Alice Faucher
Kuratorische Assistenz Maral Müdok
Assistenz der Künstlerischen Leitung Thalia Hertel
Produktionsleitung Ece Tufan
Mitarbeit Produktion Marta Stein
Koordination Çiğdem Özdemir
Koordination Film Gari Vanisian
Assistenz Ausstellungsszenografie Martha Bamberg & Ruby Wisdom
Eine Produktion des Maxim Gorki Theaters in Kooperation mit Anadolu Kültür mit freundlicher Unterstützung von Goethe-Institut Istanbul und Theater findet Stadt e.V.