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Verzeichnis einiger Verluste #7
Wuhan, Große Brücke über den Han, drei Gestrandete

Wuhan (#7215)
© Goethe-Institut China 2020

In den vergangenen Wochen trafen die Journalisten Zhang Zhuo und Ren Wu von „The Paper” und Lin Qiuming von „Leute“ mehrere Menschen, die in Wuhan gestrandet sind. Aus ganz unterschiedlichen Gründen: Manche kamen nach dem Frühlingsfest frühzeitig zurück, um Geld zu verdienen, andere waren zur Behandlung im Krankenhaus, wieder andere auf der Durchreise. Die folgenden drei Geschichten basieren auf den Interviews von Zhang Zhuo, Ren Wu und Lin Qiuming.

Von Liu Lutian (刘璐天)

1

Der 28-jährige Wang Tianming aus Tianmen wollte mit allen Mitteln nach Hause „durchbrechen“, aber der Fluss stellte eine unüberwindbare Barriere dar.

Tianmen liegt 100 km von Wuhan entfernt. Im vergangenen Jahr hatte Wang Tianming in Wuhan als Auslieferfahrer gearbeitet. Als am 10. Januar sein Mietvertrag auslief, fuhr er vorzeitig zum Frühlingsfest nach Hause. Am 1. Februar kam er zurück nach Wuhan, um wieder zu arbeiten. Aber die Situation war viel ernster, als er es sich vorgestellt hatte. Das E-Bike, das er vor seinem Zimmer geparkt hatte, war weg. Sein Vermieter wollte ihm den Raum nicht wieder vermieten, WG-Plattformen wie Ziru und Danke hatten ihre Dienste vorrübergehend eingestellt, und auch die Arbeitssuche war erfolglos. Wang Tianming blieb nichts anderes übrig, als sich ein Zimmer in einer Pension nahe des Bahnhofs von Hankou zu suchen. Es kostete ihn 50 Yuan pro Nacht. Dort wohnte er bis zum 23. Februar, dann waren die 4000 Yuan ausgegeben, die er dabei hatte. Er nahm sich vor, zu Fuß nach Tianmen zurückzukehren.

Auf dem Weg gab es sehr viele Kontrollstellen. Wang Tianming änderte ständig seine Route und wechselte zwischen Leihrad und Laufen. Nach einem Tag kam er an die Große Brücke am Han-Fluss an der Grenze von Wuhan zu Hanchuan. Auch hier gab es einen Kontrollpunkt, der kaum zu vermeiden war, es sei denn man überquerte den Fluss. Es war spät abends, kurz vor Mitternacht. Wang Tianming zog seine Kleider aus und stand zögernd am Ufer.
Wuhan (#7215) © Goethe-Institut China 2020
Ein Hilfspolizist, der auf der Brücke Dienst tat, sah ihn und rief: „Selbst wenn du es wirklich schaffst, da rüber zu schwimmen, wirst du auf der anderen Seite auf sehr viele weitere Kontrollposten treffen.“ Wang überlegte kurz und beschloss aufzugeben. Von der Polizeistation wurde er zu einer Auffangstelle gebracht. Sein „Durchbruch“ war gescheitert.

2

Chen Xin aus Xianning brachte ihre Tochter ins Krankenhaus.

Als das Fieber der vier Monate alten Tochter 40,7 Grad erreichte, verließen Chen Xin, ihr Mann und ihre Mutter das Haus in Schlafanzügen. Zuerst fuhren sie zum Kreiskrankenhaus Jiayu in Xianning, wo ein Arzt eine mögliche Lungenentzündung diagnostizierte und die Überweisung nach Wuhan verordnete. Am 20. Januar kamen sie beim Gesundheitszentrum für Mütter und Kinder der Stadt Wuhan an. Dort stellte man eine Sepsis fest und brachte das Baby direkt auf die Intensivstation, um eine Lumbalpunktion durchzuführen. Am 23. Januar, dem Silvestertag nach dem chinesischen Mondkalender, wurden die anderen vier Patienten, die das Krankenzimmer mit ihr teilten, nacheinander entlassen, aber das hohe Fieber von Chen Xins Tochter war nicht abgeklungen und sie bekam mittels Apparaten Antibiotika verabreicht, eine Technik, die in Xianning nicht vorhanden war.

Am 29. Januar erklärte der Arzt Chen Xin, dass ein längerer Aufenthalt im Krankenhaus das Risiko einer wechselseitigen Ansteckung berge. So verließ die vierköpfige Familie am folgenden Tag das Hospital, fand aber kein Hotel, das sie aufnehmen wollte. Sie ließen nichts unversucht und wählten die Hotline des Bürgermeisters, riefen die Verkehrsaufsicht an, das Zentrum für Epidemiekontrolle und -prävention, das Wohnviertel und die Nothilfe, aber sie drehten sich dabei nur im Kreis, keine ihrer Bemühungen führte zu einer Lösung. So schliefen sie erstmal in ihrem Auto. 

Chen Xin schrieb einen Hilferuf auf Weibo und ein Leser ihrer Nachricht bot der Familie für den Übergang seine leere Wohnung an. Aber schon gab es eine neue Katastrophe bei den Daheimgebliebenen: Chen Xins Vater, der alleine zu Hause war, hatte plötzlich Herzbeschwerden. Nachdem er den Notruf angerufen hatte, kam jemand vom Wohnviertel in die Wohnung und hielt ihn für einen Besucher aus Guangzhou, der nicht in die Zuständigkeit fiel. Chen Xins Vater musste zu Hause bleiben und nahm auf eigene Faust Medikamente. Chen Xins Schwiegervater hatte kürzlich eine Bypass-Operation überstanden, saß ebenfalls zu Hause und machte dort eine Sauerstofftherapie. Beide Alten hatten Angst vor Ansteckungen und wollten daher nicht ins Krankenhaus. Mit Lebensmitteln wurden sie von den Nachbarn versorgt.

Das Ende der Blockade schien in weiter Ferne, ebenso der Tag, an dem die Familie wieder zusammen sein würde. Nach 40 Tagen in Wuhan hatte Chen Xins Tochter schon ihre zwei ersten Zähne bekommen.

3

Xu Qiang war am 23. Januar eigentlich nur zum Umsteigen in Wuhan, er wollte noch am selben Abend um 18 Uhr einen Zug nach Wuyi nehmen. Nun ist er auch schon 40 Tage in Wuhan eingeschlossen.

Der 48-jährige Xu Qiang ist Geschäftsmann. Nach der 9. Klasse arbeitete er über zehn Jahre in einer Bekleidungsfabrik am Fließband. 2016 eröffnete er mit seinen Ersparnissen und geliehenem Geld in Yiwu ein 100 qm großes Handy-Geschäft. Anfangs machte er zwischen zehn- und dreißigtausend Yuan Gewinn pro Jahr und kaufte so mit einem Kredit über 300.000 Yuan seinem Sohn eine Wohnung. Aber seit 2018 liefen die Geschäfte immer schlechter. Im März 2019 wurde er zudem noch einmal um eine größere Summe betrogen und im Mai hatte er im Geschäft einen Wasserschaden und verlor dabei Waren im Wert von mehr als 100.000 Yuan. Das Geschäft ging pleite, und Xu Qiang blieb auf einem Verlust von einer Million Yuan sitzen. Nun musste er sich wieder einen Job suchen.

Ein Unglück kommt selten allein: Zwangsaufenthalt in Wuhan.

Zu Beginn wohnte Xu Jiang elf Tage im Hotel. Der Zimmerpreis stieg von 100 auf 200 Yuan, Xu wechselte viermal das Hotel, aber irgendwann waren seine 2000 Yuan fast aufgebracht. Als er noch 200 Yuan hatte, begab er sich auf die Straße. Viele Supermärkte waren geschlossen, wenn er einen fand, der geöffnet war, kaufte er eine Packung Instant-Nudeln und aß sie trocken. Täglich gönnte er sich eine Flasche Mineralwasser für 3 Yuan, sonst trank er nur Leitungswasser.   

Dann änderten sich die Regelungen und Supermärkte durften gar nicht mehr betreten werden, sondern akzeptierten nur noch Gemeinschaftsbestellungen von Wohnvierteln. Bei den Fastfood-Bestellplattformen stiegen die Preise auf 70, 80 Yuan pro Mahlzeit, dies leistete Xu Qiang sich nur sechsmal. Einmal hatte er dieselbe Idee wie Wang Tianming: Wuhan zu Fuß zu verlassen. Aber weil er fror und auch Hunger hatte, gab er schon am ersten Abend auf. Er hatte nur drei Jacken und drei einfache Hosen dabei und selbst wenn er alle übereinander anzog, wurde es spätestens in der zweiten Nachthälfte kalt. Der 15. Februar war der kälteste Tag, es schneite in Wuhan und die Temperaturen sanken unter null Grad.
Wuhan (#8941) © Goethe-Institut China 2020
Während seines erzwungenen Aufenthalts schlief Xu Qiang an unzähligen Orten: an der Bushaltestelle, im Park, im Kino, in Kellern. Dabei kam er zu dem Schluss, dass es sich auf den Holzbänken im Park der Pagode des gelben Kranichs am bequemsten schlief. In den Toiletten konnte er außerdem Zähneputzen und Katzenwäsche machen. Wenn sein Handy keinen Strom mehr hatte, schloss er es an einer Buchse am Geldautomaten an, allerdings dauerte einmal voll aufladen dort einen ganzen Nachmittag. Ordnungshüter, Gemüselieferanten, Desinfektionsmitarbeiter, Straßenfeger – viele gingen an ihm vorbei, aber keiner nahm Notiz von ihm.

4

Am 24. Februar gab es nacheinander zwei Bekanntmachungen der Wuhaner Behörde für Epidemiekontrolle. Am Vormittag die Bekanntmachung Nr. 17, die besagte, dass die in der Stadt gestrandeten Personen von außerhalb die Stadt verlassen könnten. Dreieinhalb Stunden später dann die Bekanntmachung Nr. 18, die Nr. 17 außer Kraft setzte. Am 5. März gab die Stadt Wuhan eine neue Regelung bekannt: alle Auswärtigen, die in Wuhan auf Familienbesuch gestrandet waren, einen Arzt aufgesucht hatten, auf der Durchreise waren, hier arbeiteten, oder nach Verbüßung einer Haftstrafe entlassen worden waren, konnten pro Tag 300 Yuan Fürsorgeunterstützung beantragen, maximal für einen Zeitraum von 10 Tagen.

Bilder von Yin Xiyuan (尹夕远).

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