Where has all the feminism gone? Wo ist der Feminismus geblieben?

The Lost Garden
Foto (Ausschnitt): The Lost Garden © Columbia University Press (die Schriftstellerin Li Ang bietet das Bild an.)

Viele Menschen, die die 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts erlebt haben, kennen dieses Lied sehr gut:

Where have all the flowers gone?

Ein aus der Folkmusik hervorgegangenes Antikriegslied: Blumen in den Händen des Mädchens, die sie dem Soldaten schenkt, der Soldat ist gefallen und wird begraben, auf seinem Grab wachsen Blumen, die wieder in die Hände des Mädchens gelangen.

Ein Kreislauf.

Wenn wir vom Feminismus in Taiwan sprechen, dann habe ich dieses Lied in meinem Herzen, doch ich frage nicht, wo die Blumen geblieben sind, sondern:

Wo ist der Feminismus geblieben?

Entscheidender Einfluss auf die Gesellschaft

Neuer Feminismus Neuer Feminismus © Pioneer Publishing (die Schriftstellerin Li Ang bietet das Bild an.) Ebenfalls in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts kehrte die spätere Vize-Präsidentin Taiwans, Annette Lu, aus den USA nach Taiwan zurück und engagierte sich für die Rechte der Frauen. Zu Zeiten des Kriegsrechts, als während der Periode des „Weißen Terrors“ noch starke politische Verfolgung herrschte, durfte man nicht einmal das bloße Wort „Bewegung“ verwenden. Man wagte es daher nicht, von der „Frauenrechtsbewegung“ zu sprechen, sondern verwendete stattdessen den Begriff „Neuer Feminismus“.

Später war die von einer Gruppe herausragender Frauen aus verschiedenen Bereichen gegründete „Awakening Foundation“ die treibende Kraft, die durch eine Zeitschrift die Frauenbewegung weiter voranbrachte. Seit dem Ende des vergangenen Jahrhunderts genießen die Frauen Taiwans alle grundlegenden Rechte und nehmen damit in Asien einen der vordersten Plätze ein.

Und im Jahr 2017 wurde in Taiwan die gleichgeschlechtliche Ehe legalisiert: Mit diesem wesentlichen Meilenstein in der Gleichstellung der sexuellen Orientierung nimmt Taiwan den ersten Platz in Asien ein und steht damit den westlichen Ländern nicht nach.

Der Feminismus ist von außen zu uns gekommen, wobei die hauptsächlich rezipierten feministischen Theorien und praktischen Umsetzungen vor allem aus den USA, aber auch aus Europa stammten und als Richtschnur für gesellschaftliche Veränderungen dienten. Positionen französischer Feministinnen wie die von J. Kristeva wurden dagegen erst in den neunziger Jahren populär.

Neue Vorstellungen jeder Art wie beispielsweise die Überschreitung von Geschlechterrollen oder „Sexualität ist fließend“ fanden ihren Niederschlag nicht nur in akademischen Artikeln, in Zeitungen und Zeitschriften, sondern sogar auch in dem Massenmedium des Fernsehens.

Allerdings ließ im neuen Jahrhundert das Interesse am Feminismus schnell nach. Und wer hält heute noch die Fahne des Feminismus hoch? Wer das tut, gilt schnell als eine Person, die nicht auf der Höhe der Zeit ist.

Wo ist also der Feminismus geblieben?

Ich habe auf diese Frage eine sehr positive Antwort: Er hat überall in der Gesellschaft seinen Platz gefunden.

Der Feminismus hat es tatsächlich den Frauen ermöglicht, unabhängig und selbstbestimmt zu leben und hat die traditionellen patriarchalischen Rollenbilder gestürzt. Dadurch erstreiten sich nicht nur die Frauen ihre Rechte, auch die Männer werden aus dem Korsett der Geschlechterrollen befreit. Einhergehend mit der politischen Liberalisierung und Demokratisierung wurde auf diese Weise das heutige Taiwan geformt.

Die wichtigsten gesellschaftlichen und politischen Faktoren in der Entwicklung des heutigen Taiwans waren der Feminismus und die Dangwai-Bewegung außerhalb der damals herrschenden Kuomintang-Partei. 

Fembooks hat dicht gemacht

Fembooks © Fembooks (die Schriftstellerin Li Ang bietet das Bild an.) So wie Blumen verwelken und zu Boden sinken, haben auch wir Rückschläge hinzunehmen.

1994 gegründet war „Fembooks“ der erste feministische Buchladen im chinesischen Sprachraum und bestand 23 Jahre lang bis Juli letzten Jahres, als er wegen nicht mehr zu tragender Verluste schließen musste.

Man könnte nun voller Stolz annehmen, dass ein feministischer Buchladen für das Erstreiten von Frauenrechten seine Ziele in einer bestimmten Phase erreicht hat und dass eine neue Generation sich auf andere Weise äußert. Man könnte aber auch sagen, dass die Gesellschaft keinen Bedarf mehr dafür hat und der feministische Buchladen vielleicht deshalb schließen musste?

Braucht man ihn wirklich nicht mehr? In unserer Zeit, in der wir unserer Selbstwahrnehmung nach in einer Ära der Gleichberechtigung leben, hat das Gesundheits- und Sozialministerium Taiwans gerade eine Studie zum Thema „Einstellungen zur Gewalt gegenüber Frauen“ fertiggestellt, woraus hervorgeht, dass Männer im Alter zwischen 56 und 65 Jahren sie in hohem Maße tolerieren. Das ist nicht überraschend vor dem Hintergrund der traditionellen Vorstellungen der Hochschätzung von Männern und der Geringschätzung von Frauen.

Was jedoch die Alarmglocken schrillen lässt, ist die Tatsache, dass auch junge Männer im Alter von 18 und 19 Jahren verschiedene Formen von Gewalt gegenüber Frauen ignorieren oder tolerieren.

Experten glauben, dass sie möglicherweise von gewalttätigen Computerspielen beeinflusst sind und dass ihre Erfahrungen im Umgang mit Frauen nicht ausgereift sind. Doch wir haben schon seit mehr als zehn Jahren Geschlechtererziehung und nun zeigen junge Männer solch reaktionäre Einstellungen - dies ist wirklich ein Anlass zur Sorge.

Ist das vielleicht tatsächlich der Beginn eines neuen Kreislaufs? 

Mangelnde Innovationskraft

Ich bin eine Romanautorin und spreche jetzt hier ungewollt über Daten und die Aufbereitung solcher Daten. Dabei würde ich viel lieber ins Detail gehen, um über den Feminismus in Taiwan zu sprechen.

Im vergangenen Jahr ereignete sich ein schwerwiegender Fall, der die Öffentlichkeit in Atem hielt. Eine 26-jährige verheiratete Frau namens Lin hatte sich das Leben genommen. Zuvor hatte sie einen autobiographischen Roman veröffentlicht und darin beschrieben, wie sie während der Pubertät von ihrem verheirateten Nachhilfelehrer zu einer sexuellen Beziehung verführt wurde. Dies hatte bei ihr ein unüberwindbares Trauma hinterlassen und war der Hauptgrund für ihren Selbstmord.

Der damals über 50-jährige Lehrer hatte ein Mädchen im Pubertätsalter verführt, ganz offensichtlich eine Beziehung, die aus ungleichen Machtverhältnissen resultierte. Der Lehrer wurde natürlich von der Öffentlichkeit scharf angegriffen, aber es gab auch Menschen, die der damaligen Schülerin vorwarfen, dass sie sich in die Ehe des Lehrers eingemischt habe. Da ein Roman nicht als Sachbeweis herangezogen werden konnte, wurde der Lehrer strafrechtlich nicht zur Verantwortung gezogen.

Viele taiwanesische Feministinnen haben diesen Fall ausführlich diskutiert und die Gesellschaft zu intensiver Reflexion darüber angeregt.

Wenn wir die Fähigkeit dazu hätten, würde dieser Fall ausreichen, um wie MeToo in den USA daraus eine Bewegung gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz werden zu lassen. Damit würde dieses schwerwiegende Problem der Belästigung von Frauen am Arbeitsplatz zu einem landesweiten und sogar zu einem weltweiten Anliegen werden.

Es ist offensichtlich, dass die Fähigkeit der taiwanesischen Gesellschaft, Themen zu setzen und Trends zu schaffen und zu führen, nur schwach ausgeprägt ist. Auch wenn wir innerhalb von Asien stolz darauf sein können, eine demokratische und liberale Gesellschaft geschaffen zu haben, in der die Geschlechter gleichberechtigt sind, so sind wir doch nur ein kleines Land und unser Einfluss reicht nicht aus, um wie die westlichen Gesellschaften neue Themen zu setzen.

Wir sind ja auch nicht die Erfinder der Apple-Smartphones, sondern bieten nur billige OEM-Produktionen an.

Sexuelle Erpressung

Für die heutige junge Generation in Taiwan, die in einer Zeit ohne Kriegsrecht und mit einer in den Schulen stattfindenden Geschlechtererziehung aufwächst, stellt sich die Aufgabe der Gleichberechtigung nicht, sie sind tatsächlich die Nutznießer dieser Gleichberechtigung.

Bei den heutigen jungen Männern kommt das herkömmliche Machotum weniger vor, sie sind eher neutral und das Coming-out von homosexuellen Männern wird immer häufiger.

Und bei den jungen Frauen sieht man noch mehr interessante Aspekte.

Der Prozess, Rechte zu erstreiten, hat unsere Generation unabhängiger und mutiger, aber auch radikaler und extremer werden lassen. Die heutigen jungen Frauen, die mit gleichen Rechten aufgewachsen sind, nutzen die vielfältigeren Möglichkeiten, unbekümmert zwischen traditionellen und modernen Vorstellungen auszuwählen.

Eine Art „rückwärtsgewandter“ Wertvorstellungen verdient Beachtung, wonach nicht wenige junge Frauen eine traditionelle Rolle der Abhängigkeit wählen in der Meinung, dass wenn ein Mann für ihren Unterhalt sorgt und ihre materiellen Bedürfnisse stillt, darin ihr größtes Streben und ihre größte Zufriedenheit liege.

Es gibt aber auch das Phänomen der sexuellen Erpressung (Gender Extortion, Sextortion), womit die raffinierte Ausnutzung der traditionellen „Schwäche“ des weiblichen Geschlechts gemeint ist, das sich demnach klein macht und die Rolle der Schwächeren spielt, um damit Sympathien zu erheischen und Verantwortung aus dem Wege zu gehen. Auf der anderen Seite fühlen sich auch Männer genötigt, nachzugeben, um dadurch Vorteile zu erzielen.

Wenn wir aus Frankreich stammenden feministische Theorien übernehmen, versuchen wir, das „Weibliche“ neu zu definieren und ihm eine neue Bedeutung beizumessen, doch sobald dies mit der traditionell vorherrschenden „weiblichen Demut“ eine Verbindung eingeht, kann daraus sexuelle Erpressung entstehen.

The Lost Garden The Lost Garden © Columbia University Press (die Schriftstellerin Li Ang bietet das Bild an.) Ich habe auch solche Frauen beschrieben und in meinem Roman „The Lost Garden“ wendet die außergewöhnlich intelligente weibliche Hauptfigur Mittel dieser Art an nach dem Motto „The winner takes it all“. Da das natürlich gar nicht politisch korrekt ist, löste dies heftige Diskussionen aus.
 
Als Autorin, deren Romane oft die Themen Geschlechterrollen, Politik und die Gleichberechtigung der Geschlechter behandeln, werde ich oft gefragt, welche Beziehung ich zum Feminismus habe.

Als Antwort sage ich immer voller Stolz:

„Ja, ich bin eine Feministin.“

Blumen - Mädchen - Soldat - Grab - Blumen - Mädchen.

So ist es: es ist unvermeidlich, dass wir Rückschläge hinnehmen müssen, aber in diesem Kreislauf sind wir es, die die Blumen in unseren Händen halten.