Der deutsche Verfasser des ersten gedruckten Buchs über Brasilien im 16. Jahrhundert sorgt bis heute für Diskussionen: „Wahrhaftige Historia“ ermöglicht eine Neubewertung der Anfänge des Landes und die Erforschung des Aufeinandertreffens von Indigenen und Europäern noch vor der portugiesischen Herrschaft – als die originären Bevölkerungen noch nicht dezimiert und von der Küste vertrieben worden waren.
Angelockt von der Nachricht über die Entdeckung wertvoller Metalle in der Neuen Welt brach der deutsche Landsknecht Hans Staden (1525-1579) im Jahr 1549 auf einem spanischen Schiff in Richtung des Río de la Plata auf. Es war seine zweite Reise zum amerikanischen Kontinent. Doch vor der Südküste Brasiliens erlitt er Schiffbruch, was ihn zwang, seinen ursprünglichen Plan zu ändern – und nach diversen Unwägbarkeiten wurde er schließlich bei der Verteidigung der Festung Bertioga im Dienste der Portugiesen an der Küste des heutigen Bundesstaats São Paulo von Tupinambá festgenommen, die im Ruf standen, Kannibalen zu sein.Neun Monate lang, heißt es, soll er unter der permanenten Bedrohung gelebt haben, von den indigenen Tupinambá in einem anthropophagischen Ritual gegessen zu werden. Dann gelang es Hans Staden, der mittlerweile die Sprache Tupi gelernt und sich mit den Gepflogenheiten der Indigenen vertraut gemacht hatte, lebend zu entkommen. Nachdem ihm die Rückkehr nach Deutschland gestattet worden war, veröffentlichte er 1557 den beeindruckenden illustrierten Bericht Wahrhaftige Historia – bekannt auch als Zwei Reisen nach Brasilien. Es war das erste gedruckte Buch über Brasilien und wurde in Europa als die Saga eines Christen „im Land wilder, nackter und grausamer Menschenfresser“ zum Bestseller.
Sein Überleben schreibt Hans Staden in seinem Bericht dem Eingreifen göttlicher Macht zu und er dankt dem „Allmächtigen Schöpfer des Himmels, der Erden und des Meeres, seinem Sohn Jesus Christus und dem Heiligen Geist“ für seine Rettung. Doch jenseits ihrer Eigenschaft als eine Geschichte der Erlösung durch den rechten Glauben und Bericht über die Überlegenheit des angeblich „zivilisierten“ christlichen Europäers über die „wilden“ Menschen des amerikanischen Kontinents wird die Schrift bis in die Gegenwart diskutiert und ist auch 500 Jahre nach der Geburt des Autors in Homberg (Efze) noch Gegenstand von Debatten.
„Die Wahrhaftige Historia ist eher ein Buch der Abenteuer als ein Reisebericht. Sie ist einerseits eine Erbauungsgeschichte über die Macht des christlichen Glaubens und fand in Europa große Beachtung, wurde mehrfach wieder aufgelegt und heizte den gerade beginnenden Buchmarkt an. Gleichzeitig besitzt das Buch als der erste Bericht über Brasilien mit beeindruckenden Holzstichen und wertvollen Beschreibungen der Eigenheiten der indigenen Kultur einen enormen historischen und anthropologischen Wert“, so die Einordnung des Senior-Archivars des Instituts Martius-Staden Augusto Rodrigues.
Brutale Vorstellungen über die Neue Welt
In Brasilen wurde das Buch erstmals erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts in der Zeitschrift des Historischen und Geografischen Instituts von Rio de Janeiro (Revista do Instituto Histórico e Geographico do Rio de Janeiro) veröffentlicht. Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde der Deutsche zu einer Gestalt der brasilianischen Kultur mit einigem Einfluss auf wichtige Persönlichkeiten der Moderne.1927 holte ihn der Schriftsteller Monteiro Lobato aus der Vergessenheit mit seiner Adaptation der Geschichte als Kinder- und Jugendbuch unter dem Titel As aventuras de Hans Staden [Die Abenteuer des Hans Staden], das zu einem großen Erfolg wurde. Im Jahr darauf inspirierte Staden den Schriftsteller Oswald de Andrade zu dessen Anthropophagischen Manifest in der Revista de Antropofagia. In den 1940er-Jahren schuf der Maler Cândido Portinari Illustrationen für eine US-amerikanische Ausgabe des Buchs mit brutalen Darstellungen der Gewalt des Kannibalismus und des Kolonialkrieges. Diese missfielen dem dortigen Verleger, und in Brasilien ist Portinari devora Hans Staden [Portinari verschlingt Hans Staden] erst posthum und in den 1990er-Jahren erschienen.
Umschlag des Buches „Portinari devora Hans Staden“. Editora Terceiro Nome, 1998. | Public domain.
Laut Melissa Boechat, Lehrbeauftragte für Hispanische Literaturen an der Universidade Federal dos Vales do Jequitinhonha e Mucuri, eröffnet Staden durch seinen Bruch mit den ersten idyllischen Ansichten über den Kontinent, wie sie etwa in dem nur sechs Jahrzehnte zuvor, im Jahr 1500, verfassten Brief von Pero Vaz de Caminha zu finden sind, eine neue Etappe der Literatur über die Neue Welt. Bis dahin, so Boechat, wurden Indigene unter dem Ideal des natürlichen, schönen und reinen Menschen betrachtet. „Staden ist eine entscheidende Figur für das Verständnis unserer Identität. Er war der erste, der aus einer Innensicht seinen Blick auf den Kontinent richtete. Sein Buch ist ein brutaler Bericht über Gewalt, der sich der idealisierten Version des Indigenen als ‚edlen Wilden‘ entgegenstellt“, sagt sie.
Umkehrung der Perspektive
Auf seinen zwei Reisen nach Brasilien zwischen 1548 und 1555 weicht Stadens Haltung zu den Indigenen von der anderer Eroberer und Akteure der kolonialen Expansion auf dem amerikanischen Kontinent ab. Ohne aufzuhören, sich selbst einen Christen zu nennen, ließ sich der Deutsche von den indigenen Ureinwohnern assimilieren, was ihn im kolonialen Brasilien zu einer ambivalenten Figur macht, analysiert auch Luciana Villas Bôas von der Abteilung für Anglo-Germanische Literaturen an der Universidade Federal von Rio de Janeiro.Durch sein Wechseln über kulturelle Grenzen und das Annehmen multipler Identitäten wird er selbst zu einer Art „mameluco“ [Mamluk / in Brasilien auch als Bezeichnung für Personen indigener und weißer Abstammung]: „Staden stellt sich ohne Umschweife als ‘verwildert‘ vor. Seine Erzählung ist deshalb so faszinierend, weil er auf zwei Seiten steht: als der eines von den Tupinambá gefangenen und assimilierten Europäers und als jemand, der zugleich eine Vermittlung mit dem hessischen Publikum in Deutschland unternimmt“, sagt Villas Bôas, Autorin des Buches Encontros escritos: semântica histórica do Brasil no século 16 [Schriftliche Begegnungen: historische Semantik Brasiliens im 16. Jahrhundert].
Hans Staden. Biblioteca Brasiliana Guita e José Midlin. | Public domain.
Für Villas-Bôas ist die Wahrhaftige Historia eins der wichtigsten Bücher der brasilianischen Kolonialgeschichte, da es zu einer Neubewertung Brasiliens im 16. Jahrhundert zwingt, einer Zeit, in der sich der Konflikt zwischen Europäern verschärfte und es zu einer Neubewertung von indigenen Allianzen kam. „Es ist ein Moment radikaler Konflikte, in dem die Indigenen noch nicht dezimiert und von der Küste vertrieben worden waren. Stadens Buch ermöglicht einen Einblick in den Krieg zwischen Indigenen und Europäern vor der portugiesischen Herrschaft“, so ihre Schlussfolgerung.
Tupinambá als Protagonisten
Im Licht aktueller Fragestellungen versuchen jüngere Interpretationen des Berichts von Hans Staden den Standpunkt der Indigenen herauszuarbeiten. Auch wenn die Geschichte in der ersten Person und auf Deutsch erzählt wird, sind ihre wahren Protagonisten die Tupinambá, ist die These von João Marcos Cardoso, Kurator der Biblioteca Brasiliana Guita e José Mindlin und Doktorand der Sozialanthropologie an der Universität von São Paulo.Laut seinen Erkenntnissen geschah die Gefangenschaft von Hans Staden in einem erst sehr anfänglichen kolonialen Kontext, und es waren die Indigenen, die die Bedingungen stellten: „Hans Staden wird gemeinhin als eine Figur angesehen, die, um dem Tod zu entgehen, die Tupinambá manipulierte. Nur wenige fragen sich, wer die Tupinambá waren und wie sie dachten“, merkt Cardoso an und stellt fest: „Damals waren die Tupi zum Beispiel noch nicht der reinen kolonialen Gewalt unterworfen, sondern noch in der Lage, Entscheidungen zu treffen und ihre eigenen Lebensverhältnisse geltend zu machen“.
Nach Cardosos Lesart verschonten die Indigenen Hans Staden nicht weil sie etwa überzeugt worden wären, nach christlichen Prinzipien zu handeln, sondern weil sie ihn als „caraíba“ betrachteten, eine Art schamanischen Propheten, der sich in unterschiedlichen Tupi-Dörfern bewegte. „Einen caraíba durften die Tupinambá nicht verzehren, und das erklärt, warum er am Leben gelassen wurde“, sagt Cardoso. Auch wenn sie noch nicht bewiesen ist, stützt sich seine Hypothese auf ethnografische Daten aus anderen Quellen der Kolonialzeit und anschließenden ethnologischen Studien. „Staden wurde von den Ureinwohnern als ein Mediator betrachtet, als ‚mehr als ein Mensch‘, der in der Lage ist etwa in Wetterbedingungen, Epidemien und das kosmopolitische Spiel einzugreifen. Als er in die Position eines pajé der amerindischen Gemeinschaften erhoben wurde, verhielt sich der Deutsche auch als ein solcher“, so der Experte.
September 2025