Marcelo Martinessi  „Paraguay wurde nie vollständig erobert“

“Narciso”. Regie: Marcelo Martinessi. Berlinale Panorama, 20226. Auf dem Bild: Belén Vierci, Marisa Cubero, Arturo Fleitas, Alberto Sanchez, Natalia Cálcena.
“Narciso”. Regie: Marcelo Martinessi. Berlinale Panorama, 20226. Auf dem Bild: Belén Vierci, Marisa Cubero, Arturo Fleitas, Alberto Sanchez, Natalia Cálcena. © La Babosa Cine

Der Regisseur Marcelo Martinessi präsentiert in der Sektion Panorama der diesjährigen Berlinale seinen neuen Film Narciso. Dieser spielt zur Zeit der paraguayischen Militärdiktatur, einer der längsten Lateinamerikas.

Narciso – eine Koproduktion zwischen Paraguay, Deutschland, Uruguay, Brasilien, Portugal, Spanien und Frankreich – spielt in der paraguayischen Rockszene: Narciso ist Live-Moderator eines Radiosenders und entwickelt sich in der von konservativen Wertvorstellungen eingeengten Hauptstadt zu einem Musikphänomen, besonders unter Jugendlichen. Der Regisseur Marcelo Martinessi nahm bereits 2018 mit dem Film Las herederas am Berlinale-Wettbewerb teil, für den ihm der Alfred-Bauer-Preis verliehen wurde, eine Auszeichnung für neue Perspektiven der Filmkunst. Nun ist er zurück und spricht in diesem Interview über die Kinoproduktion in Paraguay sowie die Themen in seinem neuen Film.

Könntest du uns von der aktuellen Kinoproduktion in Paraguay erzählen?

Das paraguayische Kino befindet sich immer noch im Aufbau. In den letzten 15 Jahren hat sich eine Generation herausgebildet, die einerseits mit knappen Budgets arbeitet, andererseits aber ein großes Sprachbewusstsein und das deutliche Bedürfnis hat, vom eigenen Standort aus zu erzählen. Es existiert keine Industrie im klassischen Sinne, aber seit dem Kinogesetz (2018) und der Einrichtung des Nationalen Audiovisuellen Instituts von Paraguay, das inzwischen seit vier Jahren besteht, gibt es eine stabilere öffentliche Förderung, was die Voraussetzung für eine stetige Kinoproduktion ist. Dabei hat uns die jahrzehntelange Prekarität große schöpferische Freiheit verschafft und dazu gebracht, jeden Film als einmalige, fast unwiederholbare Geste zu betrachten.

Wie ist die Koproduktion für deinen Film zustande gekommen und welche Bedeutung hat sie?

Narciso konnte realisiert werden, weil es ein Netzwerk von internationalen Verbündeten gibt, die verstehen und wertschätzen, was wir machen. Koproduktionen sind nicht nur dazu da, um Geld zu beschaffen, sondern sie eröffnen andere Perspektiven und Herangehensweisen an den Film. Gleichzeitig ist es eine empfindliche Balance, da die Identität des Films bewahrt werden muss.
“Narciso”. Regie: Marcelo Martinessi. Berlinale Panorama, 20226. Auf dem Bild: Diro Romero

“Narciso”. Regie: Marcelo Martinessi. Berlinale Panorama, 20226. Auf dem Bild: Diro Romero | © La Babosa Cine

Letztes Jahr war auf der Berlinale der Dokumentarfilm Bajo las banderas, el sol zu sehen, der ebenfalls die paraguayische Diktatur behandelt. Wird dieses Thema derzeit in Paraguay unter neuen Aspekten betrachtet?

Stroessners Diktatur dauerte so lange, dass wir anscheinend nie einen Schlussstrich ziehen konnten und bis heute von den Echos aus dieser Zeit verfolgt werden. Es ist schwer zu akzeptieren, dass es immer noch Menschen gibt, sogar junge Leute, die die Verbrechen dieses Regimes rechtfertigen oder verteidigen. Seit einigen Jahren betrachten immer mehr Werke – ob Dokumentarfilm, Theater, Fiktion oder Archiv – diese Zeit nicht nur als historische Gegebenheit, sondern als etwas, das in der Gegenwart widerhallt. Es geht weniger darum, das Geschehene zu rekonstruieren, als darum zu verstehen, wie dieses System der Angst, der Überwachung und des Schweigens immer noch hinter vielen sozialen Beziehungen steht.

Narciso ist eine Adaption des gleichnamigen Romans von Guido Rodríguez Alcalá. Was hat dich dazu bewegt, diese Geschichte auf die Kinoleinwand zu bringen?

Ich habe mich Guidos Roman nicht aus Interesse an „adaptierbarem“ Material im klassischen Sinne angenähert. Es war eher eine Vibration, eine Intuition, die immer stärker wurde. Ich bin sicher, dass seine scharfsinnige Perspektive sehr viel zu einer umfassenderen Reflexion über Paraguay und die Welt beitragen kann. Das Buch Narciso beruht auf einer historischen Persönlichkeit namens Bernardo Aranda, aber da wir nicht viel über ihn wissen, erlauben wir uns im Film, fiktiv tieferzugehen, und versuchen, sein schwer zu fassendes Wesen beizubehalten. Mich hat insbesondere interessiert, das Verschwinden nicht als Rätsel, sondern als weitere Lücke zu begreifen. Ich wollte keine Lösung anbieten, sondern bei diesem Bruch bleiben, an diesem Punkt, wo Träume, Macht und sogar Glaube zusammenkommen und eine Wunde verursachen

Wie hat sich die Rockszene in Paraguay entwickelt?

Der paraguayische Rock hat sich spät und unter ungünstigen Bedingungen entwickelt. Unter der Diktatur zog jegliche Jugendkultur, die den traditionellen Normen entgehen wollte, Verdacht auf sich. Rockmusik zirkulierte nur fragmentarisch, oft über das Radio, geschmuggelte Platten, und wurde kollektiv quasi im Verborgenen gehört. Es war keine große Szene, sie hatte aber eine bedeutende Symbolkraft: Sie repräsentierte ein Fenster zur Welt und gleichzeitig eine Gefahr für die moralische Ordnung, die das Regime durchsetzen wollte.

Die Rockmusik stellte also die konservativen Werte des Regimes infrage, obwohl sie mit den USA verbunden war, die die lateinamerikanischen Diktaturen unterstützen. In welcher Beziehung standen diese Kräfte zueinander?

Dieser Widerspruch ist entscheidend. Dasselbe Land, das die Diktaturen unterstützte, exportierte eine Jugendkultur, die deren moralische Fundamente untergrub. Die Rockmusik verkörperte dieses Paradox, sie war zugleich ein Produkt des Imperiums und ein Werkzeug für inneren Ungehorsam.
“Narciso”. Regie: Marcelo Martinessi. Berlinale Panorama, 20226. Auf dem Bild: Margarita Irún, Mona Martínez, Natalia Cálcena, Manuel Cuenca.

“Narciso”. Regie: Marcelo Martinessi. Berlinale Panorama, 20226. Auf dem Bild: Margarita Irún, Mona Martínez, Natalia Cálcena, Manuel Cuenca. | © La Babosa Cine

Der Film spielt mit der Geschichte von Dracula als Metapher der Diktatur, und es gibt einen Metatext, der mit Lorca zu tun hat. Inwiefern beeinflusst dich die Literatur in deinem Filmschaffen?

Die Literatur ist für mich nicht nur eine Quelle für Geschichten, sondern auch für Stimmungen und Ideen. Lorca, Stoker und Guido Rodríguez Alcalá interessieren mich wegen ihrer Art, mit dem Unheilvollen, dem Unausgesprochenen, einer Atmosphäre der Angst umzugehen. Das Kino kann mit diesen Texten im Dialog stehen, nicht um sie zu illustrieren, sondern um sich von deren Grundstimmung anstecken zu lassen. Zum Beispiel der Satz „Wir hatten Angst zu denken“ – er erklärt nichts, aber er sagt alles.

Warum hast du die Sprache Guaraní in den Film aufgenommen?

Guaraní ist die meistgesprochene Sprache in Paraguay, allerdings nicht die Sprache der privilegierten Schichten. Deren Blick war historisch immer nach außen gerichtet, und Macht, Ansehen und Modernität waren für sie immer mit dem Fremden verbunden. In diesem Sinne ist die sprachliche Spaltung nicht nur eine kulturelle Frage, sondern auch eine konkrete Organisationsform der Macht. Dass Guaraní so lange überleben konnte und auch heute noch eine Alltagssprache ist, beweist in gewisser Hinsicht, dass Paraguay nie vollständig erobert wurde.

Eine Eroberung festigt sich, wenn die Sprache des Herrschenden das Denken, die Privatsphäre und Träume der Menschen durchdringt. Dazu ist es in Paraguay nie ganz gekommen. Guaraní ist ein lebendiges, unzähmbares Territorium geblieben, sogar in den grausamsten Zeiten unserer Geschichte. Daher ist der Gebrauch von Guaraní im Film weder ein dekoratives noch ein folkloristisches Element. Es beschreibt vor allem eine Identität. Guaraní ist keine Sprache der Vergangenheit, sondern eine dynamische, nuancenreiche Sprache. Es erinnert daran, dass Paraguay ein plurales, komplexes und vielstimmiges Land ist.

Welche Wirkung, glaubst du, wird die Teilnahme auf der Berlinale für die Rezeption des Films in Paraguay haben?

Wenn ein Film wie unserer auf die Berlinale eingeladen wird, bekommen wir sehr viel mehr Sichtbarkeit und andere Möglichkeiten. Eine internationale Bühne bedeutet Gespräche, Lektüren und Begegnungen, die sich sonst kaum ergeben würden. Dennoch garantiert diese Sichtbarkeit nicht, dass die Rezeption in unserem eigenen Land einfacher wird, denn dort gibt es weiterhin großen Widerstand gegen Veränderung und Angst vor der Zukunft.

Mein Wunsch ist, dass Narciso nicht nur als Film „über“ die Diktatur oder als Geschichte „über“ sexuelle Minderheiten wahrgenommen wird, was Kategorien sind, die manchmal wie beruhigende Abkürzungen für das Publikum wirken. Der Film versucht weniger, ein Thema zu illustrieren oder zu einem Schluss kommen, als eine Erfahrung anzubieten: einen beunruhigenden Raum, von dem aus wir in die Vergangenheit blicken, um die Gegenwart zu hinterfragen.

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