Berlinale 2023  Argentinische Produktionen im Fokus

„About thirty“. Argentinien 2023. Regie: Martín Shanly. Berlinale 2023, Forum.
„About thirty“. Argentinien 2023. Regie: Martín Shanly. Berlinale 2023, Forum. © Un Puma

Auf der Berlinale zeugen argentinische Filme von einer Vielfalt der Geschichten und der Vitalität des Filmschaffens – im Dokumentarfilm wie in der Fiktion.

El Juicio (The trial), ein fast dreistündiger Dokumentarfilm von Regisseur Ulises de la Orden, beschäftigt sich mit den Prozessen gegen die Militärjuntas der argentinischen Diktatur (1976-1983), die wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt wurden und sich für Folter und das „Verschwindenlassen“ von Menschen in dieser Zeit verantworten mussten. Der in thematische Blöcke gegliederte Film verarbeitet 530 Stunden Material aus der Dokumentation des Prozesses im Jahr 1985 durch das argentinische Fernsehen, das im Archiv des Netzwerks von Menschenrechtsorganisationen „Memoria Abierta“ öffentlich zugänglich ist.

Der Film bringt deutlich und stellenweise auch detailliert die Aussagen von Folteropfern und Eltern von Personen, die politisch verfolgt wurden und „verschwanden“ sowie auf der anderen Seite die Rhetorik der Angeklagten und ihre manchmal sarkastischen Reaktionen. Der Film ist lang, doch dem Regisseur gelingt eine präzise Montage, mit der er sowohl die Grausamkeit der Verbrechen der argentinischen Diktatur ins Spiel bringt als auch deren Allianzen mit anderen Ländern Lateinamerikas, wie etwa Uruguay oder Brasilien.
„The trial“, argentinisch-italienisch-französisch-norwegische Koproduktion, 2023. Regie: Ulises de la Orden. Im Bild: : die Zeugin Myriam Lewin. Berlinale 2023, Forum. „The trial“, argentinisch-italienisch-französisch-norwegische Koproduktion, 2023. Regie: Ulises de la Orden. Im Bild: : die Zeugin Myriam Lewin. Berlinale 2023, Forum. | © Memoria Abierta Es ist ein Film, der einem den Atem nimmt und dem Zuschauer keine andere Wahl lässt, als sich einzulassen auf das Erzählte. „Nie wieder!“, das Motto gegen die Diktatur, klingt wieder extrem aktuell in Zeiten, in denen die extrem Rechte sich wieder Raum nimmt und in unterschiedlichen Weltgegenden zu etablieren versucht.

Alltagschroniken

In weitaus leichterem Ton und bereits aus einem demokratischen und prä-pandemischen Argentinien erzählt Arturo a los 30 (About thirty) die Alltagswirren eines jungen Erwachsenen, dem es schwerfällt, sich im Leben zu etablieren. Trotz seines Alters gelingt es Arturo nicht, sich von den Eltern zu lösen und finanziell unabhängig zu werden – eine im Land weitverbreitete Wirklichkeit.

Unter Einbeziehung von Zeichnungen, Schriftstücken und Theater bewegt sich der Film in der Rahmenhandlung der Hochzeit der früheren besten Freundin des Protagonisten sowie des Tagebuchs, das er führt, um sein Leben zu strukturieren. Arturo wird mit Personen aus der jüngeren Vergangenheit konfrontiert und mit harten Erinnerungen, die er zu vergessen versucht, wie den frühen Tod seines Bruders, die konfliktreiche Beziehung zu seiner Schwester und den früheren Freund, in den er noch immer verliebt ist.

Wunsch nach Veränderung

Ebenfalls in alltäglicher Tonlage entspinnt sich das Märchen El rosto de la medusa (The face of the jellyfish) von Melisa Liebenthal. Von einem Augenblick auf den anderen verändert sich das Gesicht der Protagonistin Marina. Sie bekommt keinen neuen Ausweis mehr ausgestellt und wird selbst von nahestehenden Personen nicht mehr erkannt. Weder bei Ärzten noch in alternativen Therapien findet sie Lösungen für ihr Problem.
„The face of the jellyfish“, Argentinien 2022. Regie: Melisa Liebenthal. Berlinale 2023, Forum. „The face of the jellyfish“, Argentinien 2022. Regie: Melisa Liebenthal. Berlinale 2023, Forum. | © Gentil Cine SRL and Zona Audiovisual Sie kehrt zu ihren Eltern zurück und forscht in Familienalben sowie in den Gesichtszügen unterschiedlicher Tiere – was der Erzählung etwas Experimentelles und einen Hauch von Absurdität verleiht. Doch dem Film geht es um mehr als die Veränderung in Marinas Gesichtszügen: Das neue Gesicht eröffnet ihr ein anderes Leben und eine neue Identität, die sie bald nicht mehr missen möchte.

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