Behutsam und schnörkellos werfen südamerikanische Filme persönlich und präzise für die Agenda des Kontinents wichtige Themen auf.
Desperté con un sueño (I Woke Up With a Dream / Auch wenn ich nicht viel sage), eine argentinisch- uruguayische Koproduktion unter der Regie von Pablo Solarz, erzählt die Geschichte des 13-jährigen Felipe, der hinter dem Rücken der Mutter, die nicht will, dass ihr Kind in Kontakt mit dem Theater kommt, einen Schauspielworkshop belegt. Zu einem Vorsprechen nach Montevideo eingeladen findet Felipe einen Weg, in die Hauptstadt zu gehen. Während er seinen Traum verfolgt, entsteht wie ein Puzzle auch die nie erzählte Lebensgeschichte seines verstorbenen Vaters.
„Desperté con un sueño“. Argentinien, Uruguay, 2022. Regie: Pablo Solarz. Im Bild: Lucas Ferro. Berlinale Generation, 2023.
| © Marcelo Iaccarino
Mit besonderem Augenmerk auf einer hervorragenden Kinder- und Jugendbesetzung durch Laienschauspieler folgt Desperté con un sueño der Tradition südamerikanischer Filme mit dem erzählerischen Potenzial gut geschriebener Drehbücher: alltägliche Geschichten mit Tiefe auf die Leinwand zu bringen durch eine vor allem auf Nähe und Schlichtheit bedachte Regie.
Verblassende Erinnerungen
Schauspielerin ist auch Paulina Urrita, die gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem Journalisten Augusto Góngora, Protagonistin des vom Publikum in Berlin mit stehenden Ovationen bedachten Dokumentarfilms La memoria infinita (The Eternal Memory). Der Film begleitet das Paar durch den Alltag, gefilmt mal vom Team, mal von Paulina Urrita selbst. Seit 8 Jahren leidet Augusto an Alzheimer, Paulina ist zu seiner wichtigsten Pflegerin geworden. In den vier Jahren, über die sie der Film begleitet, verschlechtert sein Zustand sich zusehends.Trotzdem gelingt es dem Dokumentarfilm, Szenen der Heiterkeit und der Hoffnung zu transportieren sowie viele Momente der Zuneigung zwischen den beiden. Nach und nach begegnen wir auch Góngoras Vergangenheit als ein vor allem für seine Glossen und Reportagen bekannter Journalist, der oft klandestin die Verbrechen der Pinochet-Regierung in der chilenischen Diktatur ans Licht brachte. Der Film verschränkt die Geschichte des Landes mit einer intimen Erinnerung, die Tag für Tag von dem Paar aufgebaut und im alltäglichen Kampf gegen das Vergessen erneuert wird.
Wenn Nähe politisch wird
Transfariana, eine französisch- kolumbianische Koproduktion unter der Regie von Joris Lachaise, ist ein Dokumentarfilm über trans Kämpfe in Kolumbien und die Annäherung dieser Agenda an die der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens – Volksarmee (FARC-EP). Ausgangspunkt ist die Romanze der trans Laura mit dem intellektuellen Rebellen Jaison, beide Gefangene in der Haftanstalt La Picota. Jaison wurde aus der FARC ausgeschlossen, im Zuge der Friedensverhandlungen mit der kolumbianischen Regierung in Havanna jedoch schreibt er an die Kommandeure, die seine Beziehung mit Laura akzeptieren und ihn wieder aufnehmen. Es ist nur der Beginn eines Öffnungsprozesses der Organisation für LGBTQI-Themen und ihre Aufnahme in die eigene politische Agenda.
„Transfariana“, Frankreich-Kolumbien, 2023. Regie: Joris Lachaise. Berlinale Panorama 2023.
| © Mujō and Romeo
Der Film verwebt Lauras und Jaisons Geschichte mit den historischen Ereignissen in Kolumbien sowie dem Leben im Viertel am Stadtrand von Santa Fé, in dem viele trans Personen der Sexarbeit nachgehen. Mit der Handkamera, die sich den Figuren in ständigen Nahaufnahmen nähert, versucht der Dokumentarfilm einer unsichtbaren und stets bedrohten Bevölkerung Haut, Atem und Namen, Leben also, zu verleihen.