Risse, Einschnitte und Brüche  Kuratorische Arbeit auf rissiger Erde

Bruch und Blockade. Lula Ricardi. 2016/2020.
Bruch und Blockade. Lula Ricardi. 2016/2020. ©️ Lula Ricardi

Strukturen und kuratorische Praktiken zu hinterfragen, die in festgefahrenen Dialogen der bildenden Kunst verankert sind, und dabei ihre kreativen Formate neu zu verhandeln, erscheint nicht als Bruch, sondern als Einschnitt: eine Haltung, die anstatt zu teilen, vertieft. Es geht hier um aufreißen, um atmen zu können, neue Formen zu ermöglichen und Raum für andere Materialitäten und Begegnungen zu schaffen.

Unter dem Titel do caminho um rezo (sinngemäß: Aus dem Weg ein Gebet) steht die vierte Ausgabe der vom Sesc Sorocaba ausgerichteten Kunsttriennale „Frestas“: ein Raum für Begegnung zeitgenössischer Produktionen im Landesinneren des Bundesstaates São Paulo. Das wichtigste Anliegen dieser Ausgabe, deren Konzeption Mitte 2023 begann, war, Bildung als die vermittelnde Achse der kuratorischen Prozesse zu sichern. Unter dieser Prämisse nutzten die Kurator*innen sowohl akademischen Hintergründe als auch vorangegangene experimentelle und unabhängige kollektive Erfahrungen, um sich Spannungen, Widersprüchen, Beschränkungen und Provokationen zu stellen – mit dem Ziel der Förderung von Begegnungen, die eine Vertiefung des Konzepts der Rasgadura (Einschnitt) ermöglichen.

Sorocaba trägt einen Namen, dessen Ursprung aus einer Tupi-Guarani-Sprache (nheengatu) stammt; ins Portugiesische übersetzt ist das Wort zusammengesetzt aus sorok (reißen, Einschnitt, Bruch) und aba (Ort, Raum, Erde). Die Rolle des Einschnitts übernimmt hier in erster Linie das Wasser des gleichnamigen Flusses, der aus dem Zusammenfluss dreier weitere Flüsse – Sorocamirim, Sorocabuçu und Uma – entsteht und mit der Mündung in den Tietê endet. Sein Weg zwischen Hügeln und Täler, Felsen und mehr oder weniger offenen Böden hindurch, durchschlängelt die Gegend wie viele Flüsse, die in der Hauptstadt São Paulo begradigt und kanalisiert wurden. Der Sorocaba ist also das Subjekt, das Einschnitte und Spalten schafft, präsent ist im Bewusstsein der Menschen in der Region und schon einmal Thema einer Ausgabe der Kunsttriennale „Frestas“ war. Als Einschnitt scheint er in der Stadt das Verständnis vom Leben ebenso zu bestimmen wie ihre Historizität und ihre Beziehung zu allen Dingen sowie zur Welt.

Wege des Peabiru

So wie Wasser Einschnitte verursacht, tut dies auch das Land. Die Wege in Sorocaba sind alt und erinnern an eine Zeit, in der Grenzen noch keine solche Begrenzung darstellten. Wahrscheinlich ist, dass dort einige Pfade des sogenannten Caminho do Peabiru, einer präkolonialen Route aus mehreren Straßen, verliefen, die Orte am Pazifik mit dem Atlantik verband und vom Südosten Brasiliens bis zur peruanischen Küste Territorien des heutigen Boliviens, Brasiliens, Paraguays und Perus durchquerte. Laut dem Forscher und Historiker Casé Anguatu in einem Vortrag anlässlich der kuratorischen Recherche zur 4. Kunsttriennale „Frestas“, verlaufen die indigenen Wege nicht geradlinig über eine einzige Strecke mit einem Ausgangs- und Zielpunkt, sondern sind vielmehr Passagen, die untereinander Verbindungen herstellen. Das Ziel des Peabiru war also nicht, die Gewässer des Ozeans zu verbinden, sondern sie zu durchlaufen.

Sorocaba war auch eine Kreuzung, wo sich diese Wege verzweigten und wieder aufspalteten, und so möglicherweise ein Ort der Rast und des Handels. Die Pfade, die in der Vergangenheit die Mobilität von Personen und Waren ermöglichten, wurden zu Straßen. Die Stadt, die heute durch vier Landesfernstraßen durchzogen wird, war einst geprägt durch die sogenannten „rotas tropeiras“ – ein Geflecht aus Routen der Viehtreiber, die im 18. und 19. Jahrhundert Brasiliens Süden mit dem Südosten sowie dem Mittleren Osten des Landes verbanden und dabei vermutlich genau den bereits durch den Caminho do Peabiru eröffnete und untereinander verbundenen Wege folgten.

Grenzdurchbrüche

Wenn Einschnitte prägend sind für Sorocabas Geschichte, so gilt dies auch für die Kunst. Ein Beispiel dafür ist das Festival „Terra Rasgada“ (Aufgerissene Erde), ein Projekt zur Förderung zeitgenössischer und kollaborativer Kunstproduktion, das zwischen 1995 und 1999 vier Mal veranstaltet wurde, und in dessen Rahmen Künstler*innen sich Räume für Experimente und die Verbindung mit unterschiedlichem Publikum schufen. Laut dem Forscher Maurício Sérgio Dias in einem Beitrag für die kuratorische Recherche der 4. „Frestas“, war das Festival für die Stadt mit all ihren Herausforderugen im Zusammenhang mit räumlicher Expansion und globalisierenden wirtschaftlichen Dynamiken, ein Meilenstein.

Laut Dias war „Terra Rasgada“ nicht nur ein Festival bildender Künste, sondern ein Prozess der Verflechtung neuer künstlerischer Herausforderungen der zeitgenössischen Kunst und der Kultur allgemein, des Ausprobierens von Sprachen und des Bruchs mit Grenzen zwischen unterschiedlichen künstlerischen Terrains: eine wirkliche Einladung an das Experimentelle und gemeinschaftlichen und sozialen Engagements. Einem offenen und partizipativen Aufruf folgend, organisierten sich Künstler*innen, um Stadträume zu besetzen, urbane Ordnungen zu unterlaufen und künstlerische Kanons zu unterwandern.

Verlagerung und Dezentralisierung

Zwischen Rissen und Einschnitten läuft das Projekt „Frestas – Trienal de Artes“ seit 2014 in der Folge des von „Terra Rasgada“ initiierten Prozesses. Im Nachhall des vorherigen Festivals zielte „Frestas“ auf ein Kunstevent, das städtisches Publikum aus der Hauptstadt [São Paulo] ins Landesinnere zu locken versuchte; vergleichbar – zumindest in Hinblick auf Dezentralisierung – mit der dokumenta in Kassel, die alle fünf Jahre in Deutschland stattfindet.

Die drei bisherigen Ausgaben waren emblematisch und von grundlegender Bedeutung, da sie Sorocaba, eine Stadt, die sich bis dahin außerhalb des Kunstbetriebs befand, zu einem Ort der Kunst machten. In Verläufen von „Anfang, Mitte und Anfang“ im Sinne des Denkers und Aktivisten Antônio Bispo dos Santos („Nêgo Bispo“, 1959-2023) würdigt der kuratorische Ansatz dieser vierten Ausgabe die bereits auf früheren „Frestas“ verwirklichten Prozesse als bahnbrechend. Und entschließt sich dazu, keine genauen oder geschlossenen Zusammenhänge vorzugeben, den kuratorischen Prozess also nicht als Bruch, sondern als einen Einschnitt zu begreifen, wie ihn der Fluss Sorocaba vollzieht, nicht trennend, sondern vertiefend: einschneiden, um Luft zu bekommen, neue Formen zu ermöglichen und neue Materialitäten hereinzulassen.

Räume für Erinnern und Zuhören

Die Idee ist, die Begegnung als einen Prozess künstlerischen Tuns zu begreifen und Kollektive, Künstler*innen und gemeinschaftliche Initiativen zusammenbringen, die sich vorher nicht kannten, aber darin übereinstimmen, ihre Zeit und ihre Projekte gemeinsam zu artikulieren. Orte, Territorien und Überlieferung werden als teilnehmende Akteur*innen verstanden – der Fluss Sorocaba, die Kapelle João de Camargo, die Quilombos Cafundó und Caxambu, die posthumen Erinnerungen der Schwesternschaften Rosário de Sorocaba und São Benadito de Itu.

Im Zuge der Recherche wurden Erinnerungsräume und Ateliers besucht, , Nachlässe und Archive betrachtet, Portfolios gelesen und Kulturrepräsentant*innen angehört. Damit rückte die Ausstellung ein aktives und präsentes Sorocaba mit seinen Künstler*innen in den Mittelpunkt (rund 28% der Teilnehmenden stammen aus der Region) – als notwendiges und dringliches Zeichen für ihre stärkere Einbindung, nachdem sie in den vorherigen Triennale-Ausgaben kaum einbezogen wurden.

Der Einschnitt vollzog sich auch im Rahmen des der Ausstellung vorangestellten öffentlichen Begleitprogramms Sendarias, sechs Monate vorher und mit provokanten Debatten mit der bolivianischen Aktivistin Silvia Rivera Cusicanqui, dem Forscher und Kurator Tadeu Kangang und Joana Maria Bispo, einer Gallionsfigur der Quilombola und Koordinatorin des [Nachlasses von Antônio Bispo dos Santos] Acervo Nêgo Bispo.
Die Wege dorthin waren lang, und es sind noch viele zu gehen. Zwischen Rissen, Einschnitten und Brüchen, Gebeten und Riten errichtet sich eine neue Tradition, während der Ort seine Geschichte erzählt und sich auf diesem rissigen Boden bemerkbar macht.

FRESTAS
Frestas – Trienal de Artes ist eine Kulturinitiative des Sesc Sorocaba mit dem Ziel, die lokale Kunstszene zu fördern und die gewöhnlich in Großstädten konzentrierte Kunstszene zu dezentralisieren. Seit 2014 wurden im Rahmen der Triennale 213 Künstlerinnen und Künstler präsentiert; die geschätzte Besucherzahl liegt bei 243.000. Die vierte Ausgabe caminho um rezo im Jahr 2026 wird kuratiert von Luciara Ribeiro, Naine Terena und Kadyg Fares.

Das könnte auch von Interesse sein