Rezension Brutale Direktheit, viel Empathie und ein bisschen Propaganda: 76 Days

Zwei Ärzte im Krankenhaus © MTV Studios

Der Dokumentarfilm 76 Days erzählt in brutaler Direktheit vom Lockdown in der chinesischen Stadt Wuhan. Für seine Protagonisten hat der Film viel Empathie. Doch zum Schluss verliert er sich – ganz ohne Not – in Propaganda.

Es beginnt mit dem Tod.
 
Ein toter Mann wird in einen Leichensack gelegt, er wird auf einer Bahre gehievt und davongetragen. Der Mann ist der Vater einer Krankenschwester, sie steht im Krankenhausflur und weint und klagt. Ihre Kolleginnen halten sie fest, damit sie nicht an die Bahre stürmt. Sie tun das behutsam, aber mit Bestimmtheit.
 
Im Mittelpunkt des Dokumentarfilms 76 Days steht der Tod. Der Film dokumentiert die 76 Tage, die die chinesische Stadt Wuhan im Lockdown verbracht hat. China ist das Land, in dem das Coronavirus zuerst aufgetreten ist. Es ist das Land, das als erstes zu harten Maßnahmen wie dem Lockdown einer Elf-Millionen-Metropole gegriffen hat. Und es ist das Land, das als erstes die seelischen Folgen der Pandemie zu spüren bekommen hat. Die Gefühle von Verlust und Trauer.
 
Diese Gefühle grundieren viele Szenen. Man sieht etwa Krankenschwestern dabei zu, wie sie Hinterbliebene anrufen und ihnen Todesnachrichten übermitteln. Sie ringen um einen professionellen Ton, aber auch um aufrichtige Anteilnahme. Man sieht, wie sie leiden. Wenn sie auflegen, schnappen sie laut nach Luft.
 
In einer anderen Szene wird auf beklemmende Weise die Leere spürbar, die der Tod hinterlässt. Die Krankenschwestern haben Wertgegenstände von Verstorbenen in Plastikhüllen gewickelt und in eine Kiste gepackt. Da beginnt plötzlich ein in Plastik gehülltes Handy zu klingeln. Aber es ist niemand da, der abnimmt.

Im Mittelpunkt des Dokumentarfilms 76 Days steht der Tod.

Aber 76 Days bedient keinen Voyeurismus, er stellt das Leid seiner Protagonisten nicht aus. Auf die Frage, wie Menschen sich im Angesicht der Apokalypse verhalten, gibt der Film die hoffnungsvolle Antwort: anrührend menschlich. Ein alter Mann murmelt zu einer Krankenschwester, die ihn fürsorglich füttert: „Das schmeckt lecker.“ Ein Baby, das von seinen Eltern getrennt wurde, wird liebevoll umsorgt. Und als ein wieder genesener Mann das Krankenhaus verlässt, bedankt er sich bei einem Arzt mit den Worten: „Ich verdanke Ihnen mein Leben.“ In diesem Moment ist 76 Days ein Danklied an Pflegekräfte. Oder einfach eine Hymne auf die Menschlichkeit. Wenn man bedenkt, dass im ganzen Film fast kein menschliches Antlitz zu sehen ist, weil alle Pflegekräfte in Astronautenanzügen stecken, ist das eine kraftvolle Pointe.
 
Dem Film tut gut, dass ein dementer Mann für tragikomische Erleichterung sorgt. Der über 70-Jährige, ein ehemaliger Fischer, sorgt unter dem Krankenhauspersonal für Ärger, weil er immer wieder versucht zu entwischen. Der grantige Alte hält es im Krankenbett nicht mehr aus, will nach Hause und droht den Pflegern sogar mit der Polizei. Aber eigentlich findet er den Zwangsaufenthalt im Krankenhaus gar nicht so schlecht. Erst schwärmt er von der Medizin und den warmen Mahlzeiten. Später verrät er: „Ich will gar nicht nach Hause. Mein Heimatdorf ist zu zurückgeblieben.“
Eine alte Frau im Krankenhaus 76 Days | © MTV Studios 76 Days feierte im September auf dem Filmfest Toronto Premiere. Es ist nicht die erste schnell entstandene Corona-Dokumentation. Bereits im August legte der Künstler Ai Weiwei den eher dystopischen Film „Coronation“ vor. Zum Jahrestag des Lockdowns im Januar wurde in China zudem der Film „Days and Nights in Wuhan“ des Regisseurs Cao Jinling veröffentlicht – ein staatlich gefördertes Filmprojekt.

Auf die Frage, wie Menschen sich im Angesicht der Apokalypse verhalten, gibt der Film die hoffnungsvolle Antwort: anrührend menschlich.

Hao Wu, der Regisseur von 76 Days, ist ein chinesischer Filmemacher, der in den USA lebt und sich oft mit chinesischen Themen beschäftigt. In „People's Republic of Desire“ (2018) ergründet er die Welt chinesischer Live-Streamer. Und in der Netflix-Produktion „All In My family“ (2019) wirft Wu ein Schlaglicht auf die Konflikte in seiner eigenen Familie: Er ist schwul und hat mit seinem Partner Kinder – was seine chinesischen Eltern nur mit Unverständnis quittieren.
Ärzte im Krankenhaus 76 Days | © MTV Studios Wu besuchte seine Eltern Anfang 2020 in China und bekam dort mit, was sich zusammenbraute. Er entschloss sich aber, zu seiner Familie nach New York zurückzufliegen. Von den USA aus dirigierte er den Film mit Hilfe zweier Co-Regisseure – anfangs im Auftrag eines US-Senders. Die Co-Regisseure erhielten Zugang zu vier Krankenhäusern in Wuhan.
 
Im März drehte sich dann der Wind. Wus Co-Regisseure wurden nicht mehr in die Krankenhäuser gelassen, zudem zog der US-Sender seinen Auftrag zurück – weil die Pandemie inzwischen in den USA wütete. Wu brachte den Film mit dem vorhandenen Material zu Ende.

Aber dass in China alles politisch ist, zeigt sich im Abspann.

76 Days ist eine Dokumentation, die von ihrer Direktheit lebt. Auf einordnende Kommentare verzichtet sie völlig. Politisches teilt sich beiläufig mit, etwa wenn der Sohn des dementen Alten seinen Vater am Telefon daran erinnert, dass dieser immer ein stolzer Kommunist gewesen sei – und deswegen auch in der Not Stärke zeigen müsse. Oder wenn eine Krankenschwester einen alten Mann fragt, in welcher Militäreinheit er gedient habe. Die Abwesenheit von Analyse ist kein Mangel. Der Lockdown erzählt sich anhand seiner Protagonisten von selbst.
Geräte im Krankenhaus 76 Days | © MTV Studios Aber dass in China alles politisch ist, zeigt sich im Abspann. Nur einer der chinesischen Co-Regisseure, Chen Weixi, wird namentlich genannt. Der andere Co-Regisseur hat sich aus Sicherheitsgründen dazu entschieden, anonym zu bleiben. Wie der „Hollywood Reporter“ berichtet, hätten die Regisseure amerikanische Rezensenten zudem darum gebeten, keines der Krankenhäuser und keine der Pflegekräfte namentlich zu nennen – „um eine mögliche Einmischung der Regierung in den Film zu vermeiden“. Wer Chinesisch lesen kann, der findet im Film Namensschilder und Gebäudebeschriftungen, die Auskunft geben.
 
Doch leider hält 76 Days seine Direktheit nicht durch. Die letzte Szene zeigt eine Gedenkfeier für die am Virus Verstorbenen, die im April stattfand – mit Fahnen auf halbmast und Sirenengeheul. Einerseits schließt sich damit der Kreis, denn kurz nach der Gedenkfeier endete der Lockdown in Wuhan. Andererseits war der Gedenktag ein staatlich orchestriertes Großereignis, das vor propagandistischem Pathos triefte. In Peking zeigte sich Präsident Xi Jinping mit Mitgliedern des Politbüros, Chinas innerstem Machtzirkel, öffentlich beim Trauern.
 
Der Gedenktag kann als Wendepunkt in der chinesischen Corona-Propaganda betrachtet werden: Von nun an inszenierte sich die Kommunistische Partei (KP) als vorbildlicher Corona-Bekämpfer – und schwor die Bevölkerung auf den „Volkskampf“ gegen das Virus ein. Dass die KP anfangs Hinweisgeber mundtot gemacht hatte, fand in diesem Narrativ keinen Platz. 
 
76 Days reiht sich in diese Gedenkfeier ein als wäre sie das ganz natürliche Ende des Lockdowns – und lässt sich damit propagandistisch vereinnahmen.
 
Seit Januar auf watch.dogwoof.com. Seit März auch auf iTunes, Apple TV und Vice on Demand.
 

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