Deutsche Filmbranche Schluss mit den Stereotypen

ein Mädchen vor der Kamera © Jon Tyson via unsplash.com

Wie weiß ist der deutsche Film? Quynh Le Nguyen ist Mitbegründerin der BIPoC-Gruppe der HFF München. BIPoC steht für Black, Indigenous, People of Color und die Gruppe setzt sich für eine rassismuskritische Filmlandschaft ein. Ein Gespräch über die immer gleichen Stereotypen und wie wir sie überwinden können.

yì magazìn: Hi Le! Ich freu mich, dass wir uns über eure BIPoC-Gruppe (Black, Indigenous, People of Color) an der Hochschule für Fernsehen und Film München (HFF) unterhalten können. Erzählst du ein bisschen davon?

Quynh Le Nguyen: Also mir schwebte schon länger vor, eine BIPoC-Gruppe zu gründen. Das lag daran, dass ich bereits an der Universität Hildesheim, wo ich vorher Kulturwissenschaften studiert habe, Teil einer solchen Gruppe war und gemerkt habe, wie es mich empowert. Im Dezember 2020 sind Tizian und ich dann an der Isar spazieren gegangen und haben darüber gesprochen, wie es ist, als PoC in einer mehrheitlich weißen Filmwelt zu sein und wie einsam das manchmal machen kann. Da dachten wir, warum nicht eine Gruppe bilden? Inzwischen sind wir ja ein paar mehr BIPoC an der HFF, sodass eine Gruppe gegründet werden kann. Als wir dann einige angefragt haben, waren alle sofort begeistert dabei. Und als wir dann auf Instagram sichtbar wurden, waren wir vor Resonanz kaum zu retten und die Gruppengröße stieg in rasanter Geschwindigkeit. Da merkt man, wie viele BIPoC sich nach einem Safe(r) Space sehnen, ein Raum, in dem man sich offen über Rassismus austauschen kann, gehört und verstanden wird.

Und ihr gebt ja nicht nur einen Raum, sondern wollt den vorhanden Raum verändern. Und damit meine ich nicht nur die die Hochschule an der wir studieren, sondern auch unsere Arbeitswelt: die Filmindustrie, oder?

In erster Linie sind wir ein Safe(r) Space. Das Studium an der HFF ist ja sehr zeitintensiv. Wenn Zeit ist, organisieren wir Workshops oder pflegen unseren Instagram-Account. Das ist ein zusätzliches Engagement, wo wir uns noch drin erproben.

Aber ja, wir wollen uns für eine diverse und rassismuskritische Filmlandschaft engagieren. Ich habe das Gefühl, als Gruppe können wir mehr erreichen, als Gruppe haben wir mehr Kraft, Dinge voranzutreiben. Es ist ja nicht so, dass einzelne von uns nicht schon vorher laut waren und Kritik geäußert haben. Aber nun als Gruppe werden wir viel mehr gehört.
 
Gruppen sind von großer Bedeutung, wenn es um Veränderungen geht, oder um den Widerstand. Alleine, als Einzelperson, hält man das ja gar nicht aus.

Ja, es ist krass, was ein Nicken in einer Gruppe machen kann. Resonanz zu erfahren, ist unglaublich wichtig. In weißen Dominanzräumen, wo mehrheitlich keine Sensibilität für Rassismuskritik da ist, habe ich oft das Gefühl, falsch zu sein. Natürlich diskutieren wir auch in der Gruppe und es sind nicht alle einer Meinung. Das ist ja auch total wichtig! So lernen wir voneinander und lernen sensibler zu sein. Auch unter BIPoC sind natürlich unterschiedliche Perspektiven.

Die Feindschaft von außen stärkt die Gruppeneinheit.

Und auf der anderen Seite steht die Ablehnung der Gruppe, die im vorherrschenden System Privilegien genießt. Deshalb bin ich so froh um feministische Netzwerke, die Schutz und Strukturen schaffen und bilden.

Ja, die Feindschaft von außen stärkt die Gruppeneinheit.

Das ist schön gesagt.

Das hat Georg Simmel gesagt haha. In der Gruppe wird einem vor allem klar, wie strukturell die Probleme sind und wie sich Diskriminierung ständig wiederholt.
 
Manchmal finde ich es unerträglich zermürbend, als Feministin permanent das korrektiv zu sein. Diese Erschöpfung, die vom dauernden auf- und erklären kommt. Oft bin ich dann entmutigt, wenn ich das Gefühl habe, es ändert sich strukturell dennoch wenig.

Ja, total. In der Gruppe erträgt es sich leichter, zermürbend zu sein. :D
Gebäude der HFF in der Gabelsbergerstraße. Gebäude der HFF in der Gabelsbergerstraße. | via Wikimedia Commons Hast du das Gefühl, es ändert sich schon was?

Also aktuell bekommen wir viel mediale Aufmerksamkeit. Und nicht nur wir sind der Meinung, dass sich was ändern muss. Auch die UFA hat sich ja zur Selbstaufgabe gemacht, strukturell für mehr Diversität zu sorgen. Oder neuerdings gibt es ja auch die Studie Vielfalt im Film, die das strukturelle Problem in der Filmbranche nochmal in Zahlen verdeutlicht.

Jetzt müssen aber Worte in Taten umgesetzt werden. Und in der Regel sind es weiße Cis-Männer* und nicht BIPoC, die in Machtpositionen sitzen und die Macht haben, was zu ändern.
*Als Cis-Mann/Cis-Frau werden diejenigen bezeichnet, deren Geschlechtsidentität dem Geschlecht entspricht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde.
Ich glaube auch, dass wir alle zusammen an Netzwerken arbeiten müssen, um an die Machtpositionen zu kommen.

Ja, Netzwerke – das verdeutlicht wieder die Stärke von Gruppen.
 
Netzwerke sind erst recht in Systemen von Bedeutung, die so durchdrungen sind von toxischem Verhalten und Softpower.

Ich träume ja von einer Utopie, in der BIPoC zum Beispiel eine Filmhochschule gründen. Aber die Ressourcen sind so ungleich verteilt. Universitäre Räume sind immer noch sehr weiß dominiert.

Wir würden außerdem über den geschichtlichen Kontext von Stereotypen sprechen und daran aktiv arbeiten, diese im Film zu dekonstruieren.

Wie wäre die Filmhochschule der BIPoC?

In der Filmhochschule von BIPoC würden wir nicht nur Filme aus dem Globalen Norden schauen, sondern auch aus dem Globalen Süden. Ehrlich gesagt kenne ich kaum BIPoC Regisseur*innen. Bei weißen Filmemacher*innen würden einem sofort ohne Probleme sicherlich zehn namhafte Leute einfallen. Nicht nur die Lehre, sondern auch die Studierendenschaft wäre diverser. Leute aus der Arbeiter*innenklasse, be_hinderte Menschen, mehrgewichtige Menschen, queere Menschen, BIPoC. Derzeit ist diese Diversität nicht vorhanden. Wir würden außerdem über den geschichtlichen Kontext von Stereotypen sprechen und daran aktiv arbeiten, diese im Film zu dekonstruieren.
 
Es geht also auch um das Kritisieren des Kanons. Und der Neubewertung der Filmgeschichte.

Ja, ganz genau. bell hooks hat geschrieben, dass wir von Filmen so viel mehr über race, class und sex lernen als durch Literatur. Der Zugang ist deutlich leichter. Und wenn ich jetzt daran denke, wie weiß-hetero-cis-dominant die Geschichten in Filmen sind, dann kriege ich Bauchschmerzen.
 
Wir brauchen neue Narrative. Es reicht aber nicht, wenn wir die neuen Narrative und die neue Selbstverständlichkeit drehen und umsetzen und inszenieren – sondern wir brauchen auch Unterstützung von der Industrie und vom Publikum. Sind sie bereit, die gefestigten Stereotype hinter sich zu lassen? Oder müssen wir sie zwingen?

Ja, genau richtig. Dafür müssen sie aber erstmal anerkennen, dass wir ein Diversitätsproblem haben. Sie müssen Stereotypen im Film erkennen und damit das Problem erkennen. Sonst bleiben wir in dem stereotypen Teufelskreis gefangen. Wir brauchen mehr Filme, die unsere Vorurteile ins Wanken bringen.
 
Weg von den beschränkten Vorstellungen anderer.

Wenn man Stereotypen erkennt, bewegt man sich plötzlich ganz anders durch die Welt. Ich hatte das Gefühl, wie neugeboren zu sein, als ich 2017 Tupoka Ogettes Buch exit RACISM gelesen habe. Gerade das Medium Film kann die eigene Vorstellung von der Welt erweitern.

Dennoch sollten sich auch die bereits bestehenden Filmschulen hinterfragen und auf eine Neubewertung einlassen.

Auf jeden Fall. Ich habe häufig das Gefühl, dass universitäre Räume für sehr aufgeklärt empfunden werden. Aber das stimmt nicht. Wir brauchen verpflichtende Antirassismus-Schulungen in der Lehrenden- und Studierendenschaft, die einem helfen, Stereotypen bereits in Drehbüchern zu identifizieren bzw. gar nicht erst zu reproduzieren.

Sie müssen Stereotypen im Film erkennen und damit das Problem erkennen. Sonst bleiben wir in dem stereotypen Teufelskreis gefangen.

Gibt es deutsche Filme, die du spannend findest? Also gerade im Hinblick auf all das, was wir eben besprochen haben?

Ja, ich habe erst gestern einen Dokumentarfilm auf dem DOK.fest München gesehen: Mein Vietnam. Hast du ihn schon gesehen?
 
Nein, erzählst du davon?

Der Film erzählt von einem vietnamesischen Ehepaar aus erster Generation, die nach Deutschland geflüchtet sind und in München als Reinigungskräfte arbeiten. Die Tochter ist die Regisseurin des Films. Für mich war dieser Film unglaublich wichtig, weil ich zum ersten mal vietnamesische Eltern im Film gesehen habe. Und diese Eltern sind so anders als meine! Sie sprechen über ihre Gefühle. Sie weinen. Der Vater spricht darüber, dass er einsam ist und seine Heimat vermisst. Deswegen trinkt er täglich Bier. Mein Vater spricht nie über seine Gefühle. Diese Repräsentation von vietnamesischen Eltern ist daher unglaublich wichtig für mich. Ich würde den Film gerne meinen Eltern zeigen. Ich bin mir sicher, dass der Film sie sehr bewegen wird. Auch für meine Eltern wäre es wichtig, ihre eigene Generation in Deutschland im Film repräsentiert zu sehen. Zu sehen und zu erleben, wie andere sich in Deutschland fühlen. Und dass sie nicht allein sind. Resonanz von der ich vorhin gesprochen habe.
 
Das klingt schön und traurig und wichtig. Der Film lief auf einem Festival, das hat nur eine bestimmte Reichweite. Das Problem ist doch auch, dass das Patriarchat und der Kapitalismus so eng verwoben sind. Und in der deutschen Filmwelt unterliegen Bereitschaft der Industrie und auch die Sichtbarkeit der Filme Verwertungs- und Vermarktungslogiken.

Ja, also Mein Vietnam läuft derzeit recht erfolgreich auf Festivals, was mich sehr freut. Ich hoffe, das ist keine Ausnahme. Dass Leute jetzt nicht denken: „Ah so sind also die Vietnames*innen aus erster Generation in Deutschland. Andere Filme zu dem Thema brauchen wir nicht mehr.“ Doch wir brauchen sie! Weil jede viet-deutsche Person anders ist. Genauso wie weiße Menschen Individuen sind, sind es auch Vietnames*innen.

Stattdessen unterscheidet sich Film von Welt oft gar nicht mehr, wenn immer wieder gleiche Ismen reproduziert werden.

Wie ist das für dich, bald von der HFF zu gehen und dich diesem Markt aussetzen zu müssen?

Bald? Ich versuche noch ein bisschen zu bleiben. Ich möchte noch in der Illusion schweben, dass alles gut ist, dass ich ganz viele künstlerische Freiheiten habe und Geld dafür kriege, um meine Ideen umzusetzen. :D
 
Hahaha, das war auch mein Motto.

Vielleicht werde ich später im Kollektiv arbeiten. Alleine als weibliche PoC in der Filmbranche macht mir natürlich Angst.
 
Ich komm da einfach nicht drüber hin weg. Dass Frauen, BIPoC, marginalisierte Gruppen sowieso schon ein Politikum in den diskriminierenden Bewertungslogiken des Marktes darstellen.

Ja, lass uns nicht mehr drüber reden haha.
 
Und wenn sie dann auch noch politische Stoffe machen, oder ihre Geschichten der erfolgreichen Mainstream-Erzählung abweichend erzählen wollen, haben sie wesentlich weniger Chancen.

Ja, es ist abgefuckt, wer Geld kriegt und welche Inhalte produziert werden. Film hat so eine Kraft, die Welt zu gestalten. Stattdessen unterscheidet sich Film von Welt oft gar nicht mehr, wenn immer wieder gleiche Ismen reproduziert werden.

Deswegen hänge ich viel auf Instagram ab. Dieses niedrigschwellige Medium ermöglicht es marginalisierten Menschen sich selbst zu repräsentieren.
 
Klar, irgendwie auch eine Demokratisierung der Mittel. Alle drehen mit den Handys und könnten ja auch in alternativen Strukturen ihre Filme zeigen. Aber sich dabei wieder selbst ausbeuten.

Ja, da hast du recht. Viele marginalisierte Aktivist*innen auf Instagram kriegen in der Regel kein Geld für ihre Arbeit.

Ich weiß auch nicht, wie erstrebenswert es ist einen Film im Kino zu zeigen. Wenn ich an meine Eltern denke, die erschöpft von der Arbeit nach Hause kommen und nur noch den Fernseher einschalten wollen. Wer geht denn in der Regel ins Kino? Leute, die Geld und Zeit haben.
 
Also durch einen neue Selbstverständlichkeit das Fernsehen verändern?

Ja, ich denke, man kann dem Fernsehpublikum mehr zutrauen. Und mehr Geld in Dokumentarfilmproduktionen stecken, anstatt zum Beispiel den Fokus auf Fußball zu setzen. Da sind Streaming-Dienste wie Netflix ja schon deutlich weiter.
 
Gutes Stichwort, gibt es wichtige Filme in deinem Leben?

Uff. Schwierige Frage. Ehrlich gesagt bin ich gar nicht so stark mit Filmen aufgewachsen. Bei uns zu Hause lief immer der Fernseher. Ins Kino waren wir sehr selten. Das war Luxus für uns. Ich habe erst durchs Studium angefangen, mich mehr für Filme, insbesondere Dokumentarfilme und Filme abseits des Mainstreams zu interessieren. Daher kann ich nicht sagen, dass es einen wichtigen Film für mich gibt. Ich merke nur immer wieder, wenn ich einen guten Film gesehen habe, wie es mich und mein Leben ein Stückchen verändern kann. Ich habe zum Beispiel mal einen Film mit meinem Vater geschaut, wo es um eine Mutter-Tochter-Beziehung geht. Beide haben sich lieb, aber können das manchmal nicht so zeigen. Nach dem Film hat mir mein Vater einen Gute-Nacht-Kuss gegeben. Das macht er sonst nie. Der Film hat ihn tief bewegt und das Gefühl in ihm ausgelöst, er muss mir seine Liebe zeigen.

Und so ist das auch, wenn ich selber Filme mache. Ich lerne immer sehr viel dabei und wachse in meiner Persönlichkeit. Das ist unglaublich schön.
 
Bei mir gibt es so prägende Filme, die dann viel in mir auslösten. Achternbuschs Anarcho-Kino gegen Bayern zum Beispiel. Oder von Jessica Hausner Lovely Rita war so ein Film. Oder Western von Valeska Grisebach. Oder Die Kinder der Toten von Kelly Copper und Pavol Liska. Also durch die ich immer wieder erinnert wurde: Moment mal, du musst das nicht so machen, wie die dir erklären dass es zu sein hat!

Ich bin gerade noch in der Phase, wo ich selber viel entdecke. Andere Filme, aber auch wie ich Filme machen möchte. Ich versuche, diese kreative Phase gerade zu genießen. Und nicht so viel über den Markt nachzudenken haha.
 
Was wünscht du dir für die BIPoC-Gruppe und für die HFF?

Für die Gruppe wünsche ich mir, dass wir weiterhin solidarisch bleiben und uns stärken. Und dass die HFF, die die finanziellen Mittel hat, unsere Arbeit wertschätzt und uns unterstützt. Dass wir als Gruppe ernst genommen werden. Und dass jetzt kein Dominanzverhalten angebracht ist, sondern seine eigenen Ismen zu hinterfragen. Jede*r hat diese Ismen verinnerlicht. Auch ich natürlich. Wir müssen das anerkennen und dagegen angehen. Nur so kann es ALLEN in der Filmbranche gut gehen.

Es kann durch mehrere Perspektiven nur besser und schöner werden.

Ja, das denke ich auch.

Das Gespräch führte Jovana Reisinger.
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Links zum Thema

Instagram: @bipoc.hffmuenchen
Mein Vietnam (2020) Trailer
Tagesspiegel: Das Queer-Lexikon
 

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