Aus dem chinesischen Internet In der Starkregen-Falle von Zhengzhou

Das Bild zeigt Menschen, die am Abend desselben Tages trotz des Regens mit dem Fahrrad unterwegs waren. © Visual China

Am 20. Juli ging über dem gesamten Stadtgebiet von Zhengzhou ein Starkregen nieder. Die Niederschlagsmenge in der Stunde von vier bis fünf Uhr nachmittags betrug dabei 201,9 Millimeter. Das entspricht dem 103-fachen Wasservolumen des West Lakes in Hangzhou.

Hinter den Zahlen, die alle historischen Rekordwerte brechen, stehen eine völlig unvorbereitet getroffene Stadt, ihre an den verschiedensten Orten eingeschlossenen Bewohner sowie die beiden Schlagwörter „Gefahr“ und „Suche nach Hilfe“, die die ganze vergangene Nacht beherrschten.

Während ein Mädchen nicht mehr aus einem Bahnhof für Hochgeschwindigkeitszüge herauskam, meldete das Krankenhaus, in dem gerade ihr Großvater gerettet wurde, einen Stromausfall. Unter einer vom Wasser eingekreisten Hochbrücke, leiteten Lehrkräfte eines Sommercamps über 80 Kinder zum Singen und Spielen an, in der Hoffnung, ihnen damit die Angst zu nehmen. Und dann war da noch der Zug der Zhengzhouer U-Bahn-Linie 5, der landesweit für Aufmerksamkeit sorgte. Denn als der Wasserstand in den Wagen immer weiter anstieg, bekamen alle älteren Passagiere, Kinder und Frauen spontan die Erlaubnis, auf die Sitze zu steigen.

Am Nachmittag des 21. Juli hielt die Provinz Henan ein Pressebriefing zur Flutkontrolle und den Notfallmaßnahmen ab. Bisher hat der Starkregen bereits 25 Menschen das Leben gekostet, sieben Personen gelten als vermisst und 160.000 Menschen mussten evakuiert werden. Mehrere Rettungskräfte aus dem ganzen Land haben sich zur Unterstützung bereits auf den Weg nach Henan gemacht. (Die Todes- und Vermisstenzahlen sind seit Erstveröffentlichung dieses Artikels stark gestiegen, Anmerkung der Redaktion)

Alte, Kinder und Frauen dürfen auf die Sitze steigen

„Schätze dein Leben wert und lebe es so gut wie möglich“. Nur noch dieser Gedanke geht Jin Ying durch den Kopf, seitdem sie dem U-Bahn-Wagen entkommen ist, in dem sie mehr als vier Stunden lang eingesperrt war.

„Meinem Eindruck nach hat es hier das erste Mal seit drei Jahren die ganze Nacht durchgeregnet. In Zhengzhou kann man jetzt Badeurlaub machen“, hatte Jin Ying am 20. Juli um acht Uhr morgens auf ihrem Mikroblog noch gewitzelt und jemand hatte mit einer Nachricht darauf geantwortet: „Pass auf dich auf.“ An diesem Tag nach Feierabend um 17 Uhr, erzählt Jin Ying der Autorin, hatte sie sich wie üblich an der Station Central Business District in die U-Bahn-Linie 5 nach Hause gesetzt. Doch auf dem Streckenabschnitt zwischen Haitan-Tempel und Shakou-Straße war die Bahn zum Stehen gekommen. Es wird ein kleines Problem geben, so ihr erster Gedanke. Jin Ying warf einen Blick auf ihr Handy, das noch zu 50 Prozent aufgeladen war, und informierte über WeChat Familie über ihre Verspätung.
Am 20. Juli 2021 auf die U-Bahn wartende Fahrgäste an der Station Zijinshan in Zhengzhou. Aufgrund der starken Regenfälle hatten die Linien 1 und 2 ihre Betriebsstrecken entsprechend angepasst. Am 20. Juli 2021 auf die U-Bahn wartende Fahrgäste an der Station Zijinshan in Zhengzhou. Aufgrund der starken Regenfälle hatten die Linien 1 und 2 ihre Betriebsstrecken entsprechend angepasst. | © Visual China Um fünf Minuten nach sechs, erinnert sich Jin Ying, drang das erste Wasser in die Wagen ein. Obwohl die Fahrgäste begannen, darüber zu diskutieren, war die allgemeine Stimmung noch recht gefasst. Als mit verstreichender Zeit der Wasserstand ganz allmählich anstieg, machten die Leute sich gegenseitig Mut und ließen außerdem die Alten, Kinder und Frauen spontan zuerst auf die Sitze steigen.

Gegen 19 Uhr, sagt Jin Ying, unternahmen die Fahrgäste einen Versuch, sich selbst zu helfen. Sie schloss sich der Menge an und stieg aus der vordersten Tür der U-Bahn in den Tunnel. Währenddessen schickte sie ein kleines Video an ihren Freundeskreis, das ihre Situation dokumentierte: „Gefangen in der U-Bahn während des Starkregens.“ Nachdem sie ungefähr zehn Minuten lang gelaufen war, hieß es, der Wasserstand vor ihnen sei zu hoch, und so kehrte sie mit den anderen Leuten wieder in die U-Bahn zurück.

Dort, so Jin Ying, sagte dann jemand, dass das Wasser in den vorderen Wagen bereits  normale Kopfhöhe überschritten habe. Daraufhin sammelten sich die Fahr­gäste in den Waggons, in denen der Wasserstand noch vergleichsweise niedrig war. Die Leute standen nun zunehmend eng beieinander, und während die Luft immer dünner wurde, stieg auch der Wasserpegel immer höher. Einige Fahrgäste fingen an, schwer zu schnaufen und beim Sprechen zu keuchen.

Gegen 20 Uhr hatte das Wasser seinen Höchststand erreicht. Jin Ying, die mit ihrer Körpergröße von 1,61 Meter auf einem der Sitzplätze stand, reichte es bis über die Oberschenkel. Einem auf dem Boden stehenden Mann von 1,70 Meter reichte es dagegen bis zur Brust. Als die Kabinenlichter plötzlich ausgingen, verwandelte sich der ganze Zug in einen dunklen, hermetisch abgeschlossenen Raum. Jin Ying stellte sich auf die Zehenspitzen und bewegte sich zum oberen Ende des Sitzplatzes, um so möglichst einen noch größeren Teil ihres Körpers aus dem Wasser zu bekommen. In diesen Momenten sprachen sich die Fahrgäste immer noch Mut zu: „Habt keine Angst und atmet flach. Wir müssen nur noch ein wenig ausharren. Es sind schon Leute unterwegs, um uns zu helfen.“

Ich hatte in diesem Moment wirklich das Gefühl, vielleicht nicht mehr durchhalten zu können, aber ich musste ausharren, immer weiter ausharren.

Noch war keine Hilfe eingetroffen, da sah Jin Ying, wie etwa zehn Passagiere aus Mangel an Sauerstoff nacheinander in Ohnmacht fielen. Da es in den Waggons keine Liegemöglichkeiten gab, stützten einige Männer spontan die Ohnmächtigen, um sie aufrecht zu halten. Langsam machte sich Panik breit. Eine schwangere Frau, die einen Monat vor ihrer Entbindung stand, begann die Nerven zu verlieren und telefonierte weinend mit ihren Angehörigen. „Darauf schickte sie jemand in den vorderen Wagen und danach habe ich sie nicht mehr gesehen. Ich hoffe, sie ist wohlauf.“

Um neun Uhr abends wurde es auch Jin Ying schwindlig. Ihr Körper war zwar nass und kalt, aber trotzdem rann ihr der Schweiß in großen Tropfen von der Stirn. Ihren Freunden schrieb sie später in einer Nachricht: „Ich hatte in diesem Moment wirklich das Gefühl, vielleicht nicht mehr durchhalten zu können, aber ich musste ausharren, immer weiter ausharren.“

Danach sah sie, wie sich der Wasserpegel außerhalb der Wagen allmählich senkte. Ein Mann schlug ein Fenster auf der rechten Seite ein, sodass sich überall auf dem Boden Glassplitter verteilten.  „Endlich wehte wieder etwas frische Luft zu uns herein, sodass die Panik ein Stück weit nachließ“, sagt Jin Ying. Nach 21 Uhr kamen dann die Rettungskräfte und die Fahrgäste verließen nacheinander die Wagen. Auch dabei hatten wieder die Alten, die Kinder und die Frauen Vorrang.

„Frische Luft einatmen zu können ist wunderbar.“ Als Jin Ying im Pulk der anderen Fahrgäste aus der U-Bahn-Station trat, regnete es draußen immer noch. Glassplitter klebten an ihren Händen und Füßen. In der Station hinter ihr waren einige Menschen während der Rettungsaktion in Ohnmacht gefallen und wurden nun betreut.

Auch der Ehemann von Frau You steckte in einem Wagen der U-Bahn-Linie 5 fest. Im letzten Video, das er an seine Familie schickte, war das Objektiv auf den Raum jenseits der Tür gerichtet. Der Tunnel hatte sich mit einer großen Menge schlammigen Regenwassers gefüllt, und der Ton zum Bild bestand aus einem Gewirr von menschlichen Stimmen sowie der Lautsprecheransage „Dies ist ein vorübergehender Halt ...“

„Nach 17 Uhr hat er mir gesagt, dass die Bahn für kurze Zeit stehengeblieben ist, und um 18 Uhr, dass Wasser in die Waggons eindringt. Um kurz nach 18 Uhr hat er mich dann gebeten, die Polizei zu informieren. Da hatte sein Handy nur noch zu zehn Prozent Akku.“

In der vergangenen Nacht haben die Medien andauernd über den Fortgang der Rettungsmaßnahmen an der Linie 5 berichtet, aber Frau You hat kein weiteres Lebenszeichen von ihrem Mann erhalten. Sie hat versucht, alle großen Krankenhäusern und möglicherweise als Einquartierungsorte dienende Hotels zu kontaktieren. Aber selbst wenn dort aus der U-Bahn gerettete Menschen aufgenommen worden waren, hatten die meisten dieser Stellen keine genauen Namenslisten geführt. Zu Redaktionsschluss hatte Frau You über das Schicksal ihres Mannes nach wie vor keine Neuigkeiten erfahren.

Laut der am frühen Morgen des 21. Juli verbreiteten Mitteilung der städtischen Pressestelle verursachten die starken Regenfälle am Wulongkou-Depot der U-Bahn-Linie 5 und in den umliegenden Gebieten gravierende Wasserstauungen. Am 20. Juli gegen 18 Uhr durchbrach das stehende Wasser die Wasserrückhaltewand der Ein- und Ausfahrtsstrecke und gelangte in den Bereich der Hauptbetriebsstrecke. Dies brachte den Zugverkehr der Linie 5 an den Stationen Haitan-Tempel und Shakou-Straße zum Erliegen. Um 18:10 Uhr gab die U-Bahn-Verwaltung allen unteren Ebenen die Anweisung, den Verkehr auf dem gesamten Streckennetz einzustellen. Sie organisierte Hilfskräfte und evakuierte insgesamt mehr als 500 Menschen. Zwölf Personen konnten nicht mehr gerettet werden und starben, fünf erlitten Verletzungen.

Sie bereitete sich auf das Schlimmste vor und schickte ihrem Mann die PIN-Nummer der Bankkarte

Am Morgen des 20. Juli um kurz nach sieben Uhr hatte es im Zhengzhouer Stadtbezirk Erqi bereits eine ganze Nacht lang stark geregnet. Aufgrund ihrer Erfahrungen aus mehr als vier Jahren in der Stadt, vermutete Cao Lin, dass es nicht ständig so stark weiterregnen würde. Obwohl sie bereits im sechsten Monat schwanger war, begab sie sich daher trotzdem wie gewöhnlich zur Bushaltestelle, um zur Arbeit zu fahren. 

Ungewöhnlich war, dass Cao Lin eine halbe Stunde lang vergeblich an der Haltestelle wartete, von der normalerweise alle paar Minuten ein Bus abfuhr. Da sie fürchtete, sich zu verspäten, beschloss sie, durch das Wasser zur Arbeit zu laufen. Wegen des Regens und des stehenden Wassers kam sie allerdings nur langsam vorwärts. Für die Wegstrecke, die man eigentlich in etwa einer halben Stunde zu Fuß zurücklegen konnte, brauchte Cao Lin mehr als eine Stunde. „Zu diesem Zeitpunkt hatte das Wasser auf einem Teil der Straße schon Kniehöhe erreicht.“

Am Tag zuvor hatte Cao Lin von der Stadt eine Regenwarnung erhalten, doch damit, dass es so lange regnen würde, hatte sie nicht gerechnet. „Am Nachmittag war er noch stärker als am Vormittag.“ Als sie und ihre Kollegen kurz nach 15 Uhr aus dem Fenster auf den heftiger gewordenen Regen blickten, siegte ihre Ungeduld und sie baten ihren Chef, früher Schluss machen zu dürfen.
An den Eingang eines Tunnels gespülte Autos nach dem Starkregen in Zhengzhou, Provinz Henan, am 22. Juli 2021. An den Eingang eines Tunnels gespülte Autos nach dem Starkregen in Zhengzhou, Provinz Henan, am 22. Juli 2021. | © Visual China Gegen 16 Uhr setzte sich Cao Lin mit in das Auto einer Kollegin und sie verließen gemeinsam den Firmenparkplatz. Nach Cao Lins Erinnerung waren sie keine zehn Minuten später an die Nordostecke der Kreuzung von Hanghai-Straße und Renhe-Straße gelangt. Zu diesem Zeitpunkt reichte der Wasserpegel schon über die Reifen, sodass ihre Kollegin auf dem Fahrersitz weder das Geringste von der Straße sehen noch einschätzen konnte, ob irgendwelche Hindernisse vor ihnen lagen.

„Der Regen wurde immer stärker und sämtliche Autos blieben stehen.“ Vom Wagen aus sah Cao Lin, dass das Wasser den Fußgängern bereits bis zu den Hüften reichte. Sie und ihre Kollegin wollten nun eigentlich aussteigen, aber sobald sie die Tür öffneten, floss von außen sofort Wasser ins Innere. Notgedrungen blieb ihnen keine andere Wahl, als die Autofenster zu schließen und auf Hilfe zu warten.

Zuerst war Cao Lin noch optimistisch. „Ich dachte, der Regen würde nach einer Weile schon aufhören.“ Nachdem sie stehengeblieben waren, hatte ihre Kollegin telefonisch sofort einen Abschleppwagen bestellt, aber während sie auf Hilfe warteten, sickerte langsam Wasser durch die Fenster ein, das binnen kurzem die beiden vorderen Sitze überspülte.

Als der Abschleppwagen nicht kommen wollte und der Regen immer mehr an Stärke zunahm, begannen Cao Lin und ihre Kollegin sich Sorgen zu machen. Sie sahen, wie der Wasserpegel vor dem Autofenster immer höher stieg, während alle möglichen Dinge auf sie zuschwammen und weggetrieben wurden. „Darunter waren Elektroautos und sehr große Bretter“, sagt Cao Lin, die Angst bekam, „Angst, dass auch unser Auto anfangen könnte zu treiben, um dann weggespült zu werden.“

Während sie sich über ihren Sechs-Monate-Bauch strich, bereitete sie sich auf das Schlimmste vor und schickte ihrem Mann die PIN-Nummer der Familien-Bankkarte.

Während sie auf Hilfe warteten, sickerte langsam Wasser durch die Fenster ein, das binnen kurzem die beiden vorderen Sitze überspülte.

Nach Erhalt der Nachricht, erzählt Cao Lin, ermunterte ihr Mann sie, keine Angst zu haben. Außerdem wollte er wissen, wo sie sich befand. Um kurz nach 17 Uhr sah Cao Lin beim Blick durchs Fenster dann ihren Mann und ihre Schwägerin durch das Wasser auf sie zukommen. „Er ist über 1,70 Meter groß und das Wasser reichte ihm schon über die Oberschenkel“. Trotz der Nervosität aller Beteiligten, erinnert sich Cao Lin, trauten die beiden sich nicht, vorschnell die Wagentüren zu öffnen, um ihnen zu Hilfe zu kommen, denn dafür war der Wasserpegel zu hoch. Trotzdem gingen sie nicht fort, sondern blieben neben dem Auto stehen und unterhielten sich über eine Stunde lang mit ihnen.

Als der Wasserstand kurz nach 18 Uhr bis auf Kniehöhe zurückgegangen war, wurde Cao Lin von ihrer Familie aus dem Auto geholt. Zu diesem Zeitpunkt war die U-Bahn-Linie 5, mit der ihr Mann hergekommen war, bereits außer Betrieb gesetzt worden, sodass die kleine Gruppe schließlich durchs Wasser nach Hause watete.

Auf dem Nachhauseweg wurde der Regen noch einmal stärker. Während ihrer vier, fünf Jahre in Zhengzhou, sagt Cao Lin, hatte sie noch nie einen so starken Regen erlebt, der „dermaßen schnell niederging und dermaßen lange anhielt.“

Das Krankenhaus, das den Großvater rettet, hat einen Stromausfall

Am 20. Juli um 21 Uhr saßen Lin Ya und ihre Mutter seit drei Stunden im Zhengzhouer Ostbahnhof fest. Zuvor hatte Lin Ya von ihrer Tante eine Nachricht erhalten: Ihr Großvater, dessen Nieren versagt hatten, werde gerade in einem der Universitätskrankenhäuser behandelt. Um 15:34 Uhr hatten Mutter und Tochter daher den Hochgeschwindigkeitszug von Wuhan nach Zhengzhou genommen, um zu Lin Yas Großvater zu fahren.

Die Zeit war so knapp gewesen, dass Lin Ya und ihre Mutter, als sie losfuhren, überhaupt nichts von den Niederschlägen in Zhengzhou mitbekommen hatten. Als der Zug gegen 16.30 Uhr Zhumadian erreichte, sagt Lin Ya, hatte auf den Feldern und Wegen allerdings kein Wasser gestanden: „Als wir kurz nach fünf Uhr in die Nähe von Xinzheng kamen, war die Autobahn noch für den Verkehr geöffnet. Aber es fiel unheimlich starker Regen, der die Fensterscheiben im Zug komplett bedeckte.“

Zur gleichen Zeit wurden sie von der Tante, die Lin Yas Großvater ins Krankenhaus begleitet hatte, darüber informiert, dass dort der Strom ausgefallen war.
Nachdem am 22. Juli 2021 im Fuwai-Krankenhaus von Zhengzhou wegen starker Regenfälle Wasser und Strom ausfallen sind, führt ein Rettungsteam die Notfall-Evakuierung gestrandeter Patienten durch Nachdem am 22. Juli 2021 im Fuwai-Krankenhaus von Zhengzhou wegen starker Regenfälle Wasser und Strom ausfallen sind, führt ein Rettungsteam die Notfall-Evakuierung gestrandeter Patienten durch | © Visual China „Das Krankenhaus war völlig zum Stillstand gekommen, einschließlich der Geräte, an die die Patienten angeschlossen sind. Sämtliche Beatmungsmaschinen und Monitore konnte man nicht mehr verwenden.“ Lin Ya erfuhr von ihrer Tante, dass kurz vor fünf am Nachmittag, als der Strom im Krankenhaus ausfiel, alle Körperwerte der Patienten nur noch manuell gemessen werden konnten. Kein elektrisches medizinisches Gerät funktionierte mehr, sodass Lin Yas Großvater nur noch mit Infusionen behandelt werden konnte. „Und ihre Infusionen mussten die Patienten von Familienmitgliedern bekommen, mit Hilfe eingeschalteter Handytaschenlampen.“

Auch laut Liu Xuan, einer medizinischen Mitarbeiterin der Abteilung für Bildgebende Diagnostik, wurden gezwungenermaßen alle Arbeiten vorübergehend ausgesetzt, nachdem das Krankenhaus gegen 17 Uhr kein Wasser und keinen Strom mehr hatte.

Als der Strom ausfiel, waren Liu Xuan und ihre Kollegen gerade dabei, mit Besen und Mopp das Wasser aus den Räumen zu entfernen. „Zuerst regnete es sehr stark, sodass sich draußen Wasser anstaute, das dann ganz langsam ins Gebäude sickerte.“ Gegen 16 Uhr, erinnert sich Liu Xuan, hatte sich im Büro ihrer Abteilung im ersten Untergeschoss bereits eine tiefe Lache gebildet.

Weil in dieser Abteilung zahlreiche technische Geräte stehen, die durch zu viel Wasser gefährdet werden konnten, waren Liu Xuan und ihre Kollegen sehr besorgt. Sie stoppten sofort alle Untersuchungen, evakuierten die Patienten und begannen nach dem Stromausfall mit der Trockenlegung. Mehr als eine Stunde später regnete es immer noch stark und das angesammelte Wasser zeigte keine Neigung, weniger zu werden. Aus Sicherheits­erwägungen trugen Liu Xuan und ihre Kollegen die Geräte auf ihre Schreibtische und zogen sich dann zurück. Weil sich im ersten Untergeschoss und im Erdgeschoss bereits zu viel Wasser angestaut hatte, stiegen Liu Xuan und die anderen ein paar Stockwerke hinauf, um einen freien Platz zu finden, an den sie vorübergehend ausweichen konnten.

Das Krankenhaus war völlig zum Stillstand gekommen, einschließlich der Geräte, an die die Patienten angeschlossen sind. Sämtliche Beatmungsmaschinen und Monitore konnte man nicht mehr verwenden.

Liu Xuan erzählte der Reporterin von Beijing Youth Daily von einer Anweisung des Krankenhauses „die eigenen Patienten ordentlich zu beaufsichtigen und nicht nach draußen zu gehen“. Zudem besitzt das Ambulanzgebäude des Krankenhauses viele Stockwerke, sodass sich die meisten Patienten in relativer Sicherheit befanden. Aber schwer erkrankte Patienten, die auf Beatmungsgeräte und anderes elektrisches Equipment angewiesen sind, können nicht warten. Als im am Fluss gelegenen Teil des Krankenhauses, in dem Liu Xuan arbeitet, die Notstromanlage nicht eingesetzt werden konnte, erteilte die Leitung die Anweisung, die Schwerkranken in den im Osten liegenden Krankenhausteil zu verlegen. „Solange wir auf die Hochbrücke kamen, konnten wir zum Ostteil fahren“, sagte Liu Xuan. Normalerweise dauert es etwa eine halbe Stunde, um auf der Autobahn vom Krankenhausteil am Fluss zum Ostteil zu gelangen. Aber aufgrund der aktuellen besonderen Situation, gab es keine Garantie dafür, wie lange sie brauchen würden.

In einem Medieninterview berichtete der zuständige Verantwortliche des Univer­si­täts­krankenhauses, dass im am Fluss gelegenen Klinikteil der Strom komplett ausgefallen war und auch die Notstromversorgung nicht eingesetzt werden konnte. Die fast 3.000 medizinischen Mitarbeiter und Pflegerinnen waren auf ihren Posten geblieben, hatten aber mehr Visiten und Kontrolldurchgänge durch die Zimmer gemacht. Für Patienten, die mit zusätzlichem Sauerstoff versorgt werden mussten, hatten sie Beatmungsbeutel organisiert, die das medizinische Personal auf Eins-zu-Eins-Basis verwendete, und so eine manuelle Sauerstoffversorgung sichergestellt. Für die etwa 600 schwerkranken Patientinnen hatten sie dagegen aktiv den Transport nach draußen koordiniert.

Am frühen Morgen des 21. Juli erklärte Liu Zhangsuo, der Leiter des Universitäts­krankenhauses, gegenüber den Medien, dass die Notfallfahrzeuge des Stromversorgungsamts vor Ort seien und gerade die Wiederherstellung der Stromversorgung in die Wege leiteten. Dass zu diesem Zweck aber noch mehr Fahrzeuge benötigt würden. Liu Zhangsuo ergänzte, dass die Vitalfunktionen der schwerkranken Patienten jetzt zwar stabil seien, die Gefahr aber immer größer werde: „Sobald die Stromversorgung gewährleistet ist, werden wir die Krise schnell überwunden haben.“

Selbst wenn die Patientinnen in Sicherheit waren, wurden Nahrung und Wasser zu einem weiteren ernsten Problem. Lin Ya erfuhr von ihrer Tante, dass das Krankenhaus an jeden Patienten eine Flasche Milch verteilt hatte, die Familienangehörigen jedoch ohne Versorgung blieben. Auch Liu Xuan hatte bemerkt, dass sich sowohl unter den Patienten als auch unter ihren Angehörigen ältere Menschen und Kinder mit ziemlich schlechter körperlicher Konstitution befanden. „Doch die Mitarbeiterinnen hatten selbst nichts zu essen oder zu trinken, und das Krankenhaus konnte von beidem nicht viel anbieten“.

Abends um kurz nach neun Uhr begann der Wasserpegel in den Räumen des Krankenhauses zu sinken, sodass Liu Xuan und zwei weitere Mitarbeiterinnen beschlossen, sich vorwärtstastend zur nahegelegenen Wohnung eines Kollegen zu begeben. „Wir gingen ganz besonders langsam, und nahmen uns vor Gullydeckeln oder anderen Dingen vor uns in Acht. Wir brauchten lange, bevor wir aus dem Krankenhaus heraus waren.“

Als Liu Xuan das Krankenhaus verließ, sah sie einige Patienten am Fenster stehen, die versuchten zu erkennen, was draußen vor sich ging. Das in der Lobby im Erdgeschoss stehende Wasser reichte ihr noch bis zu den Knöcheln. Allerdings waren die zahlreichen Patienten, die sich dort versammelt hatten, weniger laut und panisch, als Liu Xuan es sich vorgestellt hatte.

Ein Einwohner von Zhengzhou, der in der Nähe eingeschlossen gewesen war, erzählte der Autorin, dass sich mehrere Gebäude des Universitätskrankenhauses, einschließlich der Notaufnahme, immer noch in kompletter Dunkelheit befunden hatten, als er am 21. Juli um sechs Uhr früh dort vorbeikam. In diesem Moment waren mehrere Ärzte gerade durch knietiefes Wasser gewatet und hatten versucht, einen im Wasser steckenden Krankenwagen anzuschieben. In der Nähe der Kreuzung war gleichzeitig die Feuerwehr mit mehreren Rettungsbooten auf das Krankenhaus zugefahren.

Um 8:51 Uhr am selben Morgen erhielten Lin Ya und ihre Mutter, die eine Nacht lang im Ostbahnof gewartet hatten, Nachricht von ihrer Verwandten: „Das Krankenhaus ist immer noch ohne Wasser und Strom, aber Opa geht es recht gut. Hier ist das Wasser gesunken und ich gehe jetzt nach draußen, um mir etwas zu essen zu kaufen. Die ganze Familie kann sich beruhigen.“

Über 80 Grundschüler und Grundschülerinnen unter einer Brücke

Am 20. Juli um 14 Uhr stand das Sommercamp kurz vor seinem Abschluss, und damit die nebenberufliche Tätigkeit der Universitätsstudentin Li Ying. Zwei große Busse mit mehr als achtzig Schülern und Schülerinnen im Alter von 8 bis 12 Jahren sowie einem Dutzend Lehrpersonen fuhren von Xinxiang zurück nach Zhengzhou.

Nach Li Yings Erinnerung hatte der Regen während der Fahrt immer mehr an Stärke zugenommen. Um 20 Uhr reichte das auf der Straße stehende Wasser bereits über die Reifen der Busse, sodass die Fahrer sie unter eine Hochbrücke lenkten, um den Fluten auszuweichen. Das Gelände lag dort relativ hoch, aber die Straßenabschnitte davor und dahinter hatte das Wasser bereits vollständig eingekreist. Die vielen Fahrzeuge, die am selben Ort Schutz suchten, konnten deshalb weder vor noch zurück. „Man musste nicht weit laufen, bis man knietief im Wasser stand. Und man konnte nicht erkennen, wie tief das Wasser weiter draußen war. Also hatte niemand den Mut, weiter geradeaus zu fahren.“

Während Li Ying hilflos dabei zusehen musste, wie der Wasserpegel immer höher stieg, bekam sie Angst, dass die Kinder sich verkühlen und krank werden könnten. Sie versuchte, Kontakt mit einem Kindergarten oder Hotel in der Nähe aufzunehmen, um sie erst mal irgendwo anders unterzubringen. Aber alle Unterkünfte, die sie erreichen konnte, waren vom Wasser abgeschnitten „so wie durch einen Fluss“.  Aus Sorge, auf halbem Weg stecken zu bleiben, beschlossen die Lehrkräfte, an Ort und Stelle auf Hilfe zu warten.

Es wurde tiefe Nacht und der Regen dauerte immer noch an. Die Lehrer bemühten sich, die Kinder zu beruhigen, damit sie sich erst einmal ausruhen konnten. Um sicherzustellen, dass niemand krank geworden war, maßen sie außerdem bei jedem Kind die Temperatur. Um Unstimmigkeiten zu vermeiden, wechselten sich die Lehrer mit der Aufsicht ab. Trotzdem machten einige von ihnen die ganze Nacht kein Auge zu, während die meisten anderen nur ein oder zwei Stunden dösten“.

Li Ying sprach zuerst den Kinder in den Bussen besänftigend zu und informierte im Anschluss über eine WeChat-Gruppe dann sofort die Eltern über die Situation der Kinder. Um die Eltern zu beruhigen, hatte sie von jedem Kind ein Einzelfoto gemacht. Danach war sie damit beschäftigt, Stellen zu kontaktieren, die Informationen verbreiten konnten, die zu ihrer Rettung nötig waren. „Zum Glück gab es in den Bussen wiederaufladbare Batterien, sodass wir mit der Außenwelt in Kontakt bleiben konnten.“

Man musste nicht weit laufen, bis man knietief im Wasser stand. Und man konnte nicht erkennen, wie tief das Wasser weiter draußen war. Also hatte niemand den Mut, weiter geradeaus zu fahren.

Gegen zwei Uhr morgens traf ein Rettungsteam bei ihnen ein. Nachdem das Team die Situation in der näheren Umgebung inspiziert hatte, kam es zu dem Schluss, dass der Transport einer größeren Zahl von Menschen mit einem gewissen Risiko verbunden war. Die Helfer forderten daher Lehrer und Kinder auf, weiter am gleichen Ort zu bleiben und zu warten, bis der Regen nachgelassen hatte und man sie wegbringen konnte. 

Am Morgen zwischen sechs und sieben Uhr wachten die Kinder nacheinander auf. Li Ying und die anderen Lehrkräfte verteilten Milch sowie die letzten übrig gebliebenen Kekse aus den Bussen. Aus Sorge, dass die Kinder nicht davon satt werden könnten, meldeten sich mehrere Lehrer freiwillig, um sich im knietiefen Wasser umzuschauen, wo man etwas Essbares auftreiben konnte.
Schwere Regenfälle haben Zhengzhou heimgesucht. Weil sich seine Bewohner eilig mit Lebensmitteln eingedeckt haben, sind in den Supermärkten einige Nahrungsmittel nach Panikkäufen ausverkauft. Schwere Regenfälle haben Zhengzhou heimgesucht. Weil sich seine Bewohner eilig mit Lebensmitteln eingedeckt haben, sind in den Supermärkten einige Nahrungsmittel nach Panikkäufen ausverkauft. | © Visual China „Der Regen wurde immer stärker und die wenigen Supermärkte, die wir fanden, waren bereits leergekauft.“ Kurz darauf gaben mehrere Lehrer Rückmeldung, dass sie einen Reisbrei-Laden gefunden hatten. Weil sie eine ziemlich große Menge an Waren benötigten und es an tragenden Händen mangelte, machten sich Li Ying und mehrere andere Lehrer rasch auf den Weg, um sie zu unterstützen.

Sie packten den fertigen Brei tassenweise ab, brachten ihn zusammen mit gedämpften Mantou-Brötchen zu den Bussen und verteilten ihn an ein Kind nach dem anderen. Um die Ängste der Kinder zu zerstreuen, sang und spiele Li Ying mit ihnen. „Alle Kinder waren sehr brav, keines hat geweint oder geschrien“.

Bis zum Ende des Vormittags, erzählt Li Ying, hatten die Lehrer bereits Kontakt mit zwei Rettungsstationen und einer Grundschule aufgenommen. Der Direktor der Grundschule versprach, ihnen einen Platz zur Verfügung zu stellen. Außerdem hatten sie Gummiboote zum Transport der Kinder angefordert.

Das „Bollwerk“ der Stomatologischen Klinik

Am 20. Juli um zwei Uhr nachmittags stieg Xu Ming am Bahnhof von Zhengzhou aus dem Zug und flüchtete sich, da er Wind und Regen wirklich nicht länger ertrug, in die Stomatologische Klinik.

„Anfangs war das Wasser auf der Straße noch sehr klar gewesen, sodass man den Straßenboden sehen konnte. Aber später nahm es eine intensive gelbe Farbe an, ungefähr so wie der Gelbe Fluss“ erinnert er sich. „Ich bin 1,85 Meter groß, selbst an seinen tiefsten Stellen reichte mir das Wasser nicht bis zum Bauchnabel.“ 
Nach dem Starkregen in Zhengzhou – Im Wasser liegende Autos Nach dem Starkregen in Zhengzhou – Im Wasser liegende Autos | © Visual China Im Krankenhaus sah Xu Ming den Wasserpegel unablässig steigen, und als es dunkel wurde, wurde die Stömung noch reißender. Sie schob einen Kleinwagen, der ursprünglich an der Kreuzung geparkt hatte, vor sich her, bis er auf einmal gegen den Straßenrand vor dem Eingang zum Krankenhaus prallte.

Drinnen in der Klinik hatten sich alle in die „Schlacht" gestürzt, um das Wasser aufzuhalten. Wachleute und Krankenschwestern trugen schwere Türvorhänge herbei, einen Sack mit ausrangierten medizinischen Artikeln sowie OP-Kittel. Vor die Türen geschichtet „bildeten sie so etwas wie ein Bollwerk“, erinnert sich Xu Ming. Je mehr sich die Vorhänge mit Wasser vollsogen, desto schwerer wurden sie. So waren sie sehr stabil und wurden die ganze Zeit über nicht weggespült.

Ab 15 Uhr kamen mehr und mehr schutzsuchende Menschen in die Stomatologische Klinik. „In der Halle befanden sich vermutlich fast hundert Leute“, sagt Xu Ming. Die Macht des Wassers war zu stark, als dass man mit den Kräften einer einzelnen Person hätte ins Krankenhaus gelangen können. Alle Leute in der Halle, die „über Kraft verfügten“, fingen daher an, „nach Menschen zu angeln“, indem sie versuchten, ausgesperrte Stadtbewohner ins Gebäude hineinzuziehen. Zahlreiche andere Leute trugen außerdem Schüsseln, Eimer, Kehrschaufeln und andere Behälter heran, um das Wasser in mehreren Durchgängen nach draußen zu schöpfen.

Ein sturer alter Mann, erzählt Xu Ming, bestand darauf, „dass man nach draußen gehen könne“. Er versuchte, das Krankenhaus zu verlassen, indem er sich gegen die stürmischen Wellen stemmte, bis er nicht mehr konnte und wieder zurückkehrte.

Anfangs war das Wasser auf der Straße noch sehr klar gewesen, sodass man den Straßenboden sehen konnte. Aber später nahm es eine intensive gelbe Farbe an, ungefähr so wie der Gelbe Fluss.

Um 19 Uhr fiel im Krankenhaus der Strom aus und es wurde stockdunkel. Die Krankenschwestern kümmerten sich darum, dass alle Personen den Ort wechselten und in die Schulungsräume im hinteren, höher gelegenen Teil des Gebäudes gingen. An jeder Treppe standen mehrere Krankenschwestern und ließen die Leute schubweise durch, um zu vermeiden, dass sie drängelten und aufeinander traten. „Es gab auch Menschen, die eigens die weinenden Kinder trösteten. Das war sehr verantwortungsbewusst“, so Xu Ming.

Die bis auf die Haut durchnässten Menschen füllten alle Unterrichtsräume des Krankenhauses. Xu Ming nahm wahr, dass in der Luft ein schwer zu beschreibender Geruch lag. „Er erinnerte an eine Dampfsauna. Diesen Geruch werde ich mein Leben lang nicht vergessen“.

Eine Ärztin, die neben ihm saß, machte sich die ganze Zeit Sorgen um ihre Familie. Ihr Mann war in der Firma und ihre Kinder im Kindergarten, „drei Menschen, die an drei verschiedenen Orten festsaßen.“ Erst um 22 Uhr erhielt die Ärztin die Nachricht, dass sich ihre Kinder in Sicherheit befanden.

Am nächsten Morgen um fünf oder sechs Uhr, als draußen der Wasserpegel allmählich sank, ließ Xu Ming die mehr als zehn vergangenen Stunden Revue passieren. Offenbar war ein „Wunder“ geschehen: „Von außen war keine Rettung gekommen, aber wir haben uns selbst gerettet“.

Zhengzhous treibender Laienbuddhist: „Tatsächlich habe ich große Angst gehabt“

Am 21. Juli wurde auf einer Platttform für Kurzvideos ein Film veröffentlicht, der einen Mann zeigt, der allein auf einem Holzbrett sitzt und sich durch die Straßen von Zhengzhou „treiben lässt“. Der betreffende Mann heißt Ma Mingqiang und las später den Reim, den ein Netizen über ihn geschrieben hatte: „In alten Zeiten gab es den Sektengründer Bodhidharma, der auf einem Schilfrohrblatt den Yangtse überquerte. Und heute gibt es einen Laienbuddhisten aus Zhengzhou, der die Stadt auf einem Brett durchquert“. Doch wenn sich Ma Mingqiang an seine 20 Minuten dauernde Reise auf dem Wasser erinnert, dann denkt er an das Gefühl „großer Angst“.

Am 20. Juli um 13 Uhr war er zur U-Bahn-Haltestelle der Universität gelaufen. Er wollte sich in einen Zug setzen und zurück nach Shanghai fahren. Unterwegs schüttete es plötzlich wie aus Kübeln und das Wasser quoll aus allen Richtungen heran. Bei seiner Größe von 1,75 Meter stieg es ihm bis zur Hüfte. Kurz bevor er die U-Bahn-Station erreichte, breitete sich bereits ein „wahrer Ozean“ vor ihm aus.
Starkregen in Zhengzhou Starkregen in Zhengzhou | © Visual China Als er zurücklaufen wollte, stellte Ma Mingqiang fest, dass er keinen stabilen Stand mehr hatte. Die durch die vorbeifahrenden Autos erzeugte Strömung genügte beinahe, um ihn umzureißen. Als er schon fürchtete davongespült zu werden, kam hinter ihm eine türgroße Verbundplatte angetrieben. Ma überlegte nur wenige Sekunden, nutzte den günstigen Augenblick und kletterte hinauf. „Nur auf der Platte konnte ich mein Leben retten, und auf dem Wasser zu treiben war schneller als zu laufen.“

Gerade hatte er sein „Boot“ bestiegen, da bemerkte er, dass Passanten zu beiden Seiten der Fahrbahn ihn mit ihren Handys filmten. In seinem späteren Kommentar schrieb der Netizen, Ma Mingqiang habe so gleichmütig gewirkt wie ein „buddhistischer Bruder“. In Wirklichkeit aber war er zu diesem Zeitpunkt sehr nervös, „weil ich nicht wusste, in welchen Fluss ich treiben würde.“ Während er dahintrieb, winkte er einem vorbeifahrenden großen Lkw zu und bat um Hilfe, doch der Fahrer hielt nicht an. Auch versuchte er eine Weile lang, seine Familie anzurufen, kam wegen des schlechten Empfangs aber nur bei der Polizei durch.

Nachdem er flaches Gebiet erreicht hatte, ließ die Strömung nach, und er entspannte sich ein wenig. Er öffnete einfach seinen Regenschirm, um im Schneidersitz dem Regen „ruhig und entspannt“ zu entgehen. Im Ganzen trieb er rund zwanzig Minuten lang und legte dabei etwa drei Kilometer zurück. Da er die Straße, auf der er sich befand, schon einmal als Fahrradfahrer passiert hatte, war er auch mit den umliegenden Straßen vertraut. Um zu verhindern, dass er „immer weiter abtrieb“, sprang er, als er an einer Hochbrücke vorbeikam, mit der Kraft der Strömung auf einen Brückenpfeiler neben ihm.

Nachdem er zwanzig Minuten auf dem Brückenpfeiler gewartet hatte, wurde Ma Mingqiang schließlich von einem Feuerwehrfahrzeug, an dem ein Sturmboot hing, „befreit“. Als er das Feuerwehrauto sah, winkte er mit einem Stück weißem Schaumstoff um Hilfe. Indem er sich an einem hölzernen Paddel festhielt, das ein Feuerwehrmann ihm herüberreichte, kletterte er aus dem Wasser ins Feuerwehrauto und war somit gerettet.

Als er später an einem höher gelegenen Ort aus dem Wagen stieg, sah er sich von 40 bis 50 anderen Leuten umgeben, die genau wie er vom Regen eingeschlossen worden waren. Das Wetter wurde immer kälter, und Ma Mingqiang spürte, dass er nicht ständig weiter warten konnte. So schlug er kurzerhand eine Straßenkarte auf und machte sich auf den Weg zu einer höher gelegenen U-Bahn-Station, „wo es Strom und Licht gab und man sich gegen den Wind schützen konnte“.

(Die Namen aller Interviewten im Text wurden geändert.)
 

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