Das Jahr der Peak Car Autos, Emotionen, Stau & Ungehorsam

Autowäsche © Silvan Hagenbrock

Immer mehr Autos sind auf den Straßen – Katja Diehl, Mobilitätsaktivistin und Influencerin möchte daher das Recht einführen, ein Leben ohne eigenes Auto führen zu dürfen.

yì magazìn: Du magst Autos nicht.
 
Katja Diehl: Ich hasse Autos nicht, ich finde für bestimmte Zwecke sind sie auch total geeignet. Es geht mir nicht darum, die Automobilität zu hinterfragen, sondern viel mehr die private Automobilität in dem Sinne, dass ich das Auto besitze. In dem Moment, wo Autos geteilt werden, wo Fahrzeuge sich bewegen, die geteilt werden, gibt es eine sehr viel höhere Effizienz in der Mobilität. Ich warne aber auch davor, Automobilität als etwas zu betrachten, was immer funktioniert. Nach dem Motto: „Wenn gar nichts mehr geht, kannst du noch immer noch Auto fahren.“ Das funktioniert nicht für Leute die krank sind, die alt sind, die kein Geld haben, um ein Auto zu bezahlen, aber auch für Leute, die überhaupt keines haben wollen.
 
Warum wirst Du als Mobilitätsaktivistin gesehen?
 
Mir wurde einmal gesagt, dass das, was ich tue, nämlich die Fokussierung auf das Auto zu hinterfragen, bereits Aktivismus sei. Ein Auto bewegt sich 45 Minuten am Tag, also durchschnittlich nur drei Prozent des Tages überhaupt und es gibt die Statistik, dass ein Auto nur 45 Minuten mit 1,3 Personen fährt. Ich möchte Mobilität gerne wieder zu dem machen, was sie sein sollte, nämlich verkehrsmittelunabhängig genau die richtige Art der Bewegung, um von A nach B zu kommen. Das Problem ist auch, dass Automobilität sehr billig ist, weil sie unglaublich subventioniert wird und dass das Auto und die Autofahrenden immer noch so viel besser angesehen werden als Menschen, die kein Auto haben.
 
Die Verkaufszahlen von immer größeren Blechkisten steigen.
 
Ja genau, ich habe ja diesen Maximal-Eventual-Bedarfs-PKW als Begriff, was bedeutet, dass wir die Autos so kaufen, dass sie alle möglich denkbaren Szenarien erfüllen. Der IKEA-Schrank muss reinpassen, das Auto muss die Italien-Reise und den Besuch von Oma auf dem Land abdecken. Ähnlich ist auch die Infrastruktur ausgelegt und dann sind wir aber dennoch in einer Welt, in der sich parallel 10 Prozent der ungefähr 49 Millionen Autos gleichzeitig bewegen. Es sind nie mehr als 10 Prozent! In Deutschland ist es wissenschaftlich nachgewiesen.
 
Zeit also die „heilige Kuh“ des Autoverkehrs einmal anzugehen?
 
2021 – für mich das Jahr der Peak Car – müssen wir es in Deutschland schaffen, diesen riesigen Haufen Blech abzubauen, aber wie gesagt, nicht mit der Ablehnung von Automobilität, sondern mit einem Andersdenken von Automobilität. Ich weise immer darauf hin, dass der erste Paragraph der Verkehrslehre ist, Wege zu vermeiden. Also sich nicht zu bewegen. Will heißen: Videokonferenzen statt Interkontinentalflüge. Das vergessen viele, den Weg erstens nicht zu machen, soweit er nicht notwendig ist und ihn zweitens so zu verlagern, wie zum Beispiel vom Auto auf die Schiene, dass er klimarelevanter im positiven Sinne ist.
 
Und trotzdem werden nun in Deutschland 850 Kilometer Autobahn neu gebaut.
 
Das ist einfach Irrsinn in einer Zeit der Klimakrise sowas noch zu tun, weil Beton der schlimmste CO2-Verursacher ist und man gesunde Wälder abholzt für ein Verkehrsmittel ohne Zukunft: Das privat besessene Auto. Auch das ist wissenschaftlich belegt: Wenn du eine Bahn baust, dann bekommst du Bahnfahrende, wenn du eine Autobahn baust, dann bekommst du Autofahrende, wenn du Radwege baust, die sicher sind, bekommst du Radfahrende. Das hat auch meiner Meinung nach leider kein Politiker und keine Politikerin in Deutschland bisher gesagt, dass wir weniger Autos haben müssen. Das vermeiden alle, laut auszusprechen, obwohl es hier kein Wachstum mehr geben darf. Und das, wo wir nun 2021 Bundestagswahlkampf haben. Das Auto ist so ein heiliger Gral. Und wenn wir nach Paris schauen, dann merkt man sofort, dass Anne Hidalgo als Bürgermeisterin ein unglaubliches Tempo der Transformation durchführt, dass es sofort spürbar ist, hier passiert in der Mobilität etwas.
 
Einer deiner Kundinnen hat einmal gesagt, dass du so etwas wie eine Mobilitäts-Influencerin seist. Wie wichtig sind die digitalen Plattformen für dich, um eine Verkehrswende besser zu vermitteln?
 
Ich nutze die Plattformen, um meine Gedanken mit konkreten Beispielen zu veranschaulichen. Diese Beispiele helfen dann zu sagen, wie wäre es denn, wenn man da hinkommt? Ich weiß gar nicht in welcher niederländischen Stadt das war, aber die Stadtverwaltung hat pro Jahr drei Prozent der Parkplätze weggenommen. Es funktioniert also ähnlich wie ein leichter Entzug: Nicht von jetzt auf gleich die Welt ändern, sondern stückweise. Die sozialen Medien eröffnen somit viele Möglichkeiten und das zieht sich auch durch meinen ganzen Twitter.

Einige twittern sicherlich aus ihrem Dienstwagen heraus oder?
 
Ich war in Shanghai während eines Auslandsaufenthaltes und dort werden mittlerweile deutsche Autos mit einem größeren Fond (der Teil hinter den Vordersitzen) ausgestattet, damit, wenn man im Stau steht, im Auto gearbeitet werden kann. Statussymbol eben. Es ist für sie also immer noch besser, mit dem Auto im Stau zu stehen, um zu zeigen, man hat was, man kann was, man ist was, als mit dem Fahrrad den gleichen Weg sehr viel schneller zurückzulegen. Das größte Statussymbol in unserer Gesellschaft ist demnach auch, hektisch zu sein. Immer Stress zu haben, keine Zeit zu haben, deswegen eben ein Auto zu brauchen, weil es so viele Termine gibt und weil die Kinder in unterschiedlichen Stadtteilen Hobbys haben. Es ist doch verrückt, dass man drei Tonnen Stahl für einen 80 Kilogramm schweren Menschen aufwendet oder?

Ich weise immer darauf hin, dass der erste Paragraph der Verkehrslehre ist, Wege zu vermeiden. Also sich nicht zu bewegen.

Wie werden wir die Autos also wieder los?
 
Was ich tatsächlich abschaffen möchte, ist der private Autobesitz. Jeder und Jede sollte das Recht haben, ein Leben ohne eigenes Auto führen zu dürfen. Ich glaube wir werden es los, indem wir die Subventionen abschaffen, beginnend vor allem beim Dienstwagenprivileg und den kostenlosen öffentlichen Parkplätzen. Das Auto muss genauso unbequem oder bequem sein wie Radfahren oder zu Fuß gehen. Wir zahlen als Steuerzahler:innen circa 141 Milliarden Euro im Jahr in das System zum Beispiel für die Instandhaltung von Autobahnen. So furchtbar es auch ist, die Verkehrstoten sind auch ein volkswirtschaftlicher Schaden. Ich stelle mir eine CO2-neutrale Mobilität vor, in der du belohnt wirst, wenn du dich umweltschonend bewegst. Also eine Art CO2-Budget, was du ausgeben darfst. Wenn du dann CO2 erzeugst, dann musst du bezahlen und für deinen Lebensstil die Rechnung selbst bezahlen. Das würde vor allem auch ärmere Menschen entlasten, die kleinere Autos fahren, kleinere Wohnungen haben, nicht mehrmals im Jahr fliegen. Ich glaube, wenn wir alle so handeln würden, dann kommen wir vielleicht in eine Situation, wo in Städten wirklich nur noch Menschen fahren, die es auch müssen und alles andere was sich bewegt, ist eher Teil vom Nahverkehr.
 
Sollten wir viel subversiver agieren?
 
Das Radikalste ist, nichts zu tun. Wir sind in der Klimakrise, Deutschland ist 2020 schon um 1,6 Grad wärmer geworden. Ein guter Mensch zu sein, heißt im Moment: Aufzustehen und in dem Sinne politisch zu agieren und zu formulieren, dass es nicht mehr akzeptabel ist, was Politikerinnen und Politiker (nicht) tun. Wir müssen die Bundestagswahl nutzen, also wählen gehen. Wir müssen die Wahlprogramme prüfen, ob diese die Abwehr der Klimakrise, die heute schon Menschen in anderen Ländern tötet, ernst nimmt. Ich glaube aber auch, dass dieser zivile Ungehorsam helfen kann, zu irritieren, überhaupt mal anzuhalten und innezuhalten in diesem Dauerlauf, den wir haben. Als Aktivist*innen eine Autobahn blockierten, fragte ich via Twitter, warum sich so viele mehr über den entstandenen Stau aufregen als über die Klimakrise – warum zeigt ihr beim Thema Stau Emotionen?
Katja Diehl Katja Diehl | © Charlotte Schreiber

Katja Diehl ist Beraterin und Zukunftsaktivistin mit den Schwerpunkten Mobilität, New Work und Diversity. Sie hält Keynotes zu klimafreundlicher Mobilität, moderiert Veranstaltungen und Workshops zu Corporate Influencing und Branding und betreibt den Podcast She Drives Mobility.

Die Fragen stellte Silvan Hagenbrock.

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