Mehrsprachigkeit – Sprachen ohne Grenzen

Plädoyer für die erste Fremdsprache – die Eigene

Als ich ein Kind war, verständigten sich meine Eltern auf Französisch, wenn sie nicht wollten, dass ich sie verstand. Dafür erfanden meine Freunde und ich eine Geheimschrift, die niemand anders lesen sollte.
Die Anfänge meines Fremd-sprachenlebens standen im Zeichen exklusiver Kommunikation.


Dass Sprache und Sprachgebrauch auch trennen, gehört zu ihrer Geschichte, und es ist nicht nur ihr schlimmster Teil. Identität hat immer auch mit Ab- und Ausgrenzung zu tun – und um Grenzen wirksam zu überschreiten, muss man sie kennengelernt und ernst genommen haben.
Meine Mutter war in Frankreich und England Kinderschwester gewesen und hielt bis ins hohe Alter darauf, in beiden Sprachen gewissenhaft zu korrespondieren. Mein Vater dagegen, der Lehrer, hat sein Leben lang die Landesgrenzen nicht überschritten. Aber die zweite Sprache des Bauernsohnes, das gute, ja literarische Hochdeutsch, bemühte er sich zeitlebens als Erste zu behandeln, nach dem Vorbild Gottfried Kellers, der wohl die Schweiz, aber nie den deutschen Sprachraum verlassen hat.

Dennoch gibt es auch von ihm Briefe in einwandfreiem Französisch – es war patriotische Ehrensache, sich in der anderen Landessprache auszudrücken. Dazu liefert sein „Grüner Heinrich“ die Begründung: „Der französische Schweizer schwört zu Corneille, Racine und Molière, zu Voltaire oder Guizot, je nach seiner Partei; der Tessiner glaubt nur an italienische Musik und Gelehrsamkeit und der deutsche Schweizer lacht sie beide aus und holt seine Bildung aus den tiefen Schichten des deutschen Volkes. Aber alle sind bestrebt, alles nur zur größeren Ehre ihres Landes zurückzubringen und zu verwenden, und viele geraten sogar in ein gegen ihre Quellen undankbares und lächerliches Zopftum hinein.“

Das zum Frieden vereinigte Europa, ein unverdientes Geschenk der Geschichte, ist für den pragmatischen Verstand immer noch zu groß.

Erschiene diese schöne Maxime den Schweizern nicht selbst als Zopf, den sie sich seit über hundert Jahren abgeschnitten haben: sie könnte heute noch ihre bedeutende Mitgift an das europäische Vereinigungswerk sein. Kellers Idee einer doppelten Bürgerschaft – eine kulturellen im größeren Ganzen, einer politischen im eigenen Vaterland – ließe einen großen Variantenreichtum zu, sogar ihre Umkehrung: kulturelle Identität bezöge man dann aus dem überblickbaren gelebten Raum, der Heimat, der Region, auch noch der Nation; die politische Identität aber orientierte sich am großen Ganzen Europas. Die alte Bundesrepublik hat sich unter dem Titel „Verfassungspatriotismus“ in der Zeit ihrer Teilung zu einem doppelten Selbstverständnis durchgerungen; der erste Anlauf, es – in Form einer Konstitution – analog auf die europäische Gemeinschaft zu übertragen, ist am Nein zweier Mitgliedstaaten einstweilen gescheitert – aber gewiss auch an seiner Dimension.

Der Baustoff für eine solche Spannweite des europäischen Projekts war noch nicht entwickelt – und auf dem Markt war er offensichtlich nicht zu finden. Das zum Frieden vereinigte Europa, ein unverdientes Geschenk der Geschichte, ist für den pragmatischen Verstand immer noch zu groß – und der ökonomischen Ratio zu wenig und zu viel: warum nicht gleich Globalisierung? Daher der fortgesetzte nötige Versuch, Europa von unten aufzubauen, auf kleine Einheiten abzustützen, Regionen, Städteverbindungen, die aus dem Innern der Nationalstaaten zugleich weiter reichen als sie; auf europaweite Schulprojekte und Bildungsprogramme, vor allem aber: auf die einzelnen Bürgerinnen und Bürger, das Individuum, gewissermaßen die europäische Errungenschaft par excellence.

Das sind im Kern Kulturprojekte, auch wenn sie politisch und ökonomisch definiert auftreten; sie haben es mit einem freien, sogar zweckfreien Umgang mit den Materien der Zivilisation zu tun. Dabei kommt der Sprache eine Schlüsselrolle zu: sie ist der anspruchsvollste, weil paradoxe Kitt der europäischen Gemeinschaft, denn er lässt sich zugleich als Sprengstoff verwenden. Die Sprache, als Träger der Vielfalt, ist das Zeug, in dem der Leib Europas, seine Einheit, und sein Geist, die Differenz, untrennbar zusammengewoben sind. Die jeweils eigene Sprache ist überall zugleich die Fremdsprache der andern. Von einem tieferen gegenseitigen Verständnis aber hängt in Europa mehr ab als anderswo: die Bereitschaft, im Fremden dem Andern zu begegnen und es nicht nur der Toleranz für wert zu halten, sondern der Neugier und des Interesses.

Die Sprache ist der anspruchsvollste, weil paradoxe Kitt der europäischen Gemeinschaft.

Angesichts der Vielzahl der Landessprachen sind einige wenige Verkehrssprachen unumgänglich. Aber sie sind für die „Kleinen“ kein vollwertiger Ersatz für die Sprache, an welche Geschichte und Identität gebunden sind. Ob Europäer mit dem delikaten Gut Fremdsprache sorgsam umgehen lernen, entscheidet darüber, ob Europa als Gemeinschaftswerk für seine Mitglieder glaub- und vertrauenswürdig wird.

Die Schweiz als Modell gelungener Sprachenkultur? Ihr Sonderfall besteht darin, dass drei „große“ europäische Kultursprachen zugleich Landessprachen sind (vom Sonderfall im Sonderfall, dem Rätoromanischen, einstweilen abgesehen). Die Sprachen der jeweils anderen Landesteile müssen als Fremdsprachen gelernt werden – und für Keller war „müssen“ hier kein leeres Wort. Es war eine staatsbürgerliche Pflicht, die der Grüne Heinrich noch kühn als kulturelles Recht in Anspruch nahm. Wer sich politisch für seine anderssprachigen Mitbürger interessiert – darauf beruht der Zusammenhalt eines Landes, das keine „Nation“ ist – , mutet und traut sich neben der Kenntnis der eigenen Kultur auch diejenige der beiden andern zu. Konkret: Im nationalen Parlament muss ein Abgeordneter, wenn er seine Muttersprache spricht, von allen andern verstanden werden und ihre Gegenrede ohne Übersetzer verstehen können. Die idealtypische Forderung war schon im 19. Jahrhundert nicht ganz realistisch. Aber die Kenntnis des Deutschen und des Französischen gehörten zum innenpolitischen Minimum und waren auch die Verkehrssprachen mit der fremdsprachigen Außenwelt.

Dabei brachten die Deutschweizer die Komplikation ihrer Mundart mit, deren Arbeitsteilung mit dem Hochdeutschen im 19. Jahrhundert – anders als heute – etwa dem in Deutschland immer noch vorherrschenden Muster entsprach. Dabei gab und gibt es kein sogenanntes „Schweizerdeutsch“, doch die lokalen Dialekte hatten für ihre Sprecher den Charakter einer vollgültigen Muttersprache, die sich aber mit der von Dürrenmatt sogenannten „Vatersprache“ Hochdeutsch auch in den Alltag teilte. Bei eher gehobenen Gelegenheiten bis hinunter zum Vereinsfest, aber auch im Unterricht, in der Kirche und später im Radio war Hochdeutsch zu sprechen – zu schreiben war es ohnehin. Bis nach dem Zweiten Weltkrieg blieb auch das Gefühl kultureller Verpflichtung gegenüber dem Hochdeutschen lebendig. Diese erste Quasi-Fremdsprache betrachtete man immer noch als die Eigene, denn unzweifelhafte Quellen der eigenen Identität waren in ihr überliefert: die Bundesverfassung und das Zivilgesetzbuch, aber auch Schillers „Tell“ und Johanna Spyris „Heidi“.

Das war einmal. Heute würde es keinem jungen Schweizer, wie dem grünen Heinrich Lee, einfallen, „in den tiefen Schichten des deutschen Volkes“ Heimatrecht anzumelden oder gar Corneille auch für sich zu beanspruchen. Diese literarischen Referenzen der Identität sind durch ganz andere, nur noch ausnahmsweise (dank dem Fernsehen) deutsche abgelöst. Das Hochdeutsche begegnet weit überwiegend nur noch als Schriftdeutsch, und man geniert sich nicht, es ungern oder gar nicht zu sprechen. Gelesen muss es noch werden, doch die Mundart deckt nicht nur fast den gesamten gesprochenen Alltag ab, sondern auch große Teile der persönlichen Korrespondenz, bis zur SMS. Die Kenntnis der anderen Landessprachen ist kein Muss mehr, auch wo das Französische wie um Basel und Bern als erste Fremdsprache beibehalten wurde, wie umgekehrt das Hochdeutsche in der Romandie. Doch unterstützt die jeweils andere Seite diese Bemühung heute nicht mehr glaubwürdig. Denn inzwischen ist das Englische überall zur zweiten „Landessprache“ geworden; es scheint mit der Mühe um die anderen auch die Differenz zwischen ihnen überflüssig zu machen. In der deutschen Schweiz wird Englisch mit Gusto der Mundart gleichgestellt, kann sogar ihren Platz vertreten. Man würde Mühe haben, in Zürich ein Plakat zu finden, das sich nicht mit der hybriden Kombination Mundart/Englisch schmückt. Es ist die Sprache des Marketings und sie verbindet, nach ihrem Selbstverständnis, Schweizer Qualität und den Geruch von Nachbarlichkeit mit globalisiertem Pfiff. Eine der Folgen, nicht ungern in Kauf genommen: dass das ungeliebte Hochdeutsch außen vor bleibt. Darum muß sich jeder 3sat-Zuschauer bei Reportagen aus der Schweiz, auch anspruchsvollen, deutsche Untertitel gefallen lassen.

Man würde Mühe haben, in Zürich ein Plakat zu finden, das sich nicht mit der hybriden Kombination Mundart/Englisch schmückt.

Natürlich würde die Ehrlichkeit längst verlangen, dass das Eigenlob „kulturelle Vielfalt“ die ausländischen Arbeitskräfte einschließt – serbokroatisch, albanisch, portugiesisch, sogar tamil wird von mehr Einwohnern geredet als rätoromanisch. Aber dass gerade dieses gern als Aushängeschild kultureller Vielfalt verwendet wird, kommt nicht von ungefähr. Rätoromanisch lässt sich als liebenswürdiges Surrogat schweizerischer Identität verwenden, unverfänglich wie das CH auf Briefmarken und Autoschildern. Es klingt fast von Gemeinde zu Gemeinde verschieden, wird (von einigen verwandten Sprachinseln in Italien abgesehen) nur innerhalb der Schweiz gesprochen, und auch noch in der glorreichen Bündner Landschaft; seine lateinische Substanz hat einen Tonfall, der Deutschweizern vertraut klingt, auch wenn sie kein Wort verstehen; schließlich ist es für seine Sprecher wohl oder übel eine Quelle hoher Fremdsprachenkompetenz, welche die Schweizer nicht ungern als Tugend ihres ganzen Landes in Anspruch nehmen, und als lebenden Beweis, dass die Kleinen eben auch die Feinen sind.

Wer die Vielstimmigkeit Europas weder als Geschäftshindernis noch als Wettbewerbsvorteil, sondern als Wert an sich, geradezu als Ziel europäischer Entwicklung – und als Kern der Bildung Europas für eine friedensfähige Welt – betrachtet, dem muss auffallen, dass Sprache als Kulturträger im ökonomischen Kalkül kaum noch eine Rolle spielt. Sie soll sich zum möglichst widerspruchsfreien Zeichensystem für einen bestimmten Informationsaustausch kürzen lassen, und der Eigensinn, den sie mitführt, erscheint als entbehrliche Komplikation. Doch: wie man Sprache versteht – und wie man definiert, worüber sie ihre Kontrahenten verständigt –, ist die Grundlage für die Entscheidung der Frage, wozu man sich eine Fremdsprache erwirbt und was Fremdsprachenunterricht soll.

Die Mehrzahl der Gebrauchsanweisungen für die globalisierte Zivilisation ist auf Englisch verfasst.

Der übliche Fremdsprachenunterricht verfolgt ein praktisches Ziel: der Lernende qualifiziert sich damit für einen Markt, auf dem die Kenntnis der gelernten Fremdsprache einen Wettbewerbsvorteil verspricht. Das trifft für das Englische heute so weitgehend zu, dass man in den meisten Teilen der Welt kaum noch von einer Fremdsprache reden kann. Die Mehrzahl der Gebrauchsanweisungen für die globalisierte Zivilisation ist auf Englisch verfasst, wie die Kennmarken für ihren Life Style, die Agenden für ihre Events. Dieses Zeichensystem erwirbt man als obligatorisch gewordene Kulturtechnik, wie diejenige der Büroelektronik. Es fliegt kleinen Globalisierungskunden schon vor dem Schulanfang zu, und sie lernen als Werkzeug (tool) handhaben, was sie schon als Spielzeug kennengelernt haben.

Das Englische scheint sich dafür leicht herzugeben; orthografisch hat es seine Tücken, aber morphologisch ist es einfach und erlaubt soziale Lockerheit im Gebrauch. Es gehört zu den idiomatisch reichen Sprachen, liebt den Sprachwitz und versteht von der Spannung zwischen lateinischen und angelsächsischen Anteilen (zu letzteren gehören die Four letter words) nicht nur bedeutungsvoll, sondern humoristisch und selbstironisch Gebrauch zu machen. Mit seiner doppelten Wurzel knüpft es in drei Erdteilen an muttersprachliche Vor-Bildungen an; wo es in die Erbschaft des Kolonialismus eingetreten ist, dient es als nationale Verwaltungs- und kulturelle „Vatersprache“. Es liebt das niedrige Profil des Understatements und hat immer noch das Glück, von hohen Mustern (Bibel, Shakespeare, Jeffersons Unabhängigkeitserklärung) bis in den Alltag geprägt zu bleiben, ohne den Sprecher des Snobismus oder der Altertümelei verdächtig zu machen.

Aber wie viel von diesem Reichtum ist in die als „englisch“ geltende Kodierung technologischer und wissenschaftlicher Sachverhalte eingegangen, in die Gebrauchsanweisungen der „flachen Welt“ (vom Schöpfer dieser Wendung, dem Reporter Thomas L. Friedman, als Lob gemeint)? Gewiss: dieser allgegenwärtige Funktionscode scheint wie geschaffen für Prozesse der Beschleunigung und Rationalisierung, wobei die Ratio dahinter sich ihrer ökonomischen Grundlage nicht geniert; sie ist ihr kaum noch bewusst. Aber sie kommt als kulturelles Defizit zum Vorschein, wenn die Gewinn- und Verlustrechnung einer ganz andern Welt begegnet, in der Sprache und Kalkül grundverschiedene Dinge sind. Da stößt auch der wohlkalkulierte Fremdsprachenerwerb an seine Grenzen. Die zur Reduktion auf das „sachlich“ genannte Eigeninteresse gekürzte Sprache verfehlt ihren Zweck, wenn sie nicht begreift, was für den andern „Sache ist“. Diese bleibt an einen bestimmten Stil gebunden, der gewürdigt sein will (als Ausdruck der eigenen Würde), bevor man „zur Sache“ kommt (dem Geschäft). Zum seriösen Fremdsprachenerwerb gehört offenbar eine Kompetenz, die das Wort „fremd“ ernster nehmen lernt, als Sprachtechniker es verstehen.

Kulturellnutzbringender Fremdsprachenunterricht fängt beim Umgang mit der eigenen Sprache an. Der Lernende muss wissen, dass sich auch an ihr nichts von selbst versteht und das meiste übersetzungsbedürftig ist; dass es sich bei keiner Sprache um ein glasklares Medium handelt, das auch jeden, der durchblickt, dasselbe Objekt sehen lässt. Die Brechungseigenschaften der Sprache ignorieren, heißt nicht nur, sie dürftig gebrauchen, sondern auch für das, was sie an Reichtum zu bieten hat, keinen Gebrauch wissen. Darum gibt es keine bessere Vorbereitung für die Aneignung einer Fremdsprache (das Englische natürlich eingeschlossen) als Achtsamkeit für das Fremde und Befremdliche – und das heißt; das kulturell Begrenzte – der eigenen Sprache. Das flexible Englisch bringt eine Tradition der Fehlerfreundlichkeit und Langmut mit, die etwa dem Französischen abgeht. Aber im Umgang mit einem wirklich Fremdsprachigen kommt – um es pointiert zu sagen – die Unfähigkeit oder Unlust, Shakespeare zu lesen, als Wahrnehmungsdefizit zum Vorschein, oder gar als Verstoß gegen gute Sitten der Kommunikation.

Die Sprachentwicklung in der „deutschen Schweiz“ illustriert, was ein reduzierter Code anrichtet – dass der Newspeak wie Englisch klingt, ist zwar kein Zufall, aber trifft nicht den springenden Punkt. Der vermeintliche Gewinn an Weltläufigkeit schlägt sich hörbar in der Verarmung einheimischer Idiome nieder. So lange diese dem Hochdeutschen – der traditionalen „Vatersprache“ – obligatorisch ausgesetzt waren, kam diese Spannung beiden Sprachen zugute – und damit dem Ausdrucksvermögen überhaupt. Die Fremdsprache Hochdeutsch machte auch den Mundartgebrauch problematisch – im guten, förderlichen Sinn. Nun ist das Bewusstsein, das Sprache bildet, und von dem Sprache gebildet wird, beiden Varianten abhanden gekommen, und ein ebenso plattgemachtes Englisch muss in die Lücke springen. Das „Frühhochdeutsch“, das Kinder „mit Migrationshintergrund“ an vielen Orten lernen, ist im Kern Ausdruck eines Sprachdefizits der Rahmengesellschaft; freilich auch der Tatsache, daß die normative Kraft der Sprache Goethes auch im Land ihrer Herkunft verloren gegangen ist. Die Deutschschweizer sehen nicht ein, warum sie sich um eine Sprachkultur bemühen sollen, die bei den Deutschen selbst offenbar keinen Respekt genießt.

Dieser Schwund mag ähnliche Gründe haben wie derjenige des kulturellen Gedächtnisses, seit die Suchmaschine das aktive Memorieren erübrigt. Doch in der mehrsprachigen Schweiz sind die Folgen abnehmender Sprachkompetenz auch im staatspolitischen Zusammenhalt fühlbar. Die Kantone der Ostschweiz, die heute mehrheitlich das Französische als erste Fremdsprache abgewählt haben, verzichten damit auf eine kulturelle Klammer, die auf der Reziprozität der beiden größten Landes(hoch)sprachen beruhte. Da die Mundarten der Deutschschweizer, die den öffentlichen Raum – bis zum Wetterbericht – beherrschen, für französische Schweizer kein attraktives Lernziel sind, muss der Kontakt unter Parlamentariern oft genug auf Englisch stattfinden. Und es versteht sich, daß die ETH als Wettbewerber der globalen Science Communitiy keinerlei Verpflichtung mehr erkennen kann, Deutsch als Wissenschaftssprache zu pflegen.

Fremdsprachenerwerb hat zwei Seiten.

Das Beispiel gilt über die Schweiz hinaus; es zeigt, wie fundamental das Lernen einer Fremdsprache den kulturellen Status eines Individuums oder einer Gruppe berührt. Sprache, als kulturelle Befähigung, ist immer eine Schule der Komplexität: und wer sie beherrscht, muss mitlernen, was an ihr offenbleibt. Der unserem empfindlichen Erdteil adäquate Fremdsprachenerwerb hat zwei Seiten: auf der ersten entdeckt man das nicht Selbstverständliche, Fremde, Befremdliche in der eigenen Sprache. Die andere Seite zeigt sich, wenn der Lernende in der Fremdsprache nicht nur die Schwierigkeit, sondern das Befreiende erlebt. Worin besteht es? In der Wahrnehmung, daß man vom scheinbar Gleichen gleichberechtigt, aber grundverschieden reden und sich doch verständigen kann – auch darüber, daß das Gleiche nicht dasselbe ist. Die französische lune bringt eine andere Aura der Bedeutsamkeit mit als der deutsche Mond; dahinter steht eine andere Konstruktion der Realität, eine andere Sicht auf das in der Sprache Wirkliche und in ihr Wirksame. Sich dieser andern Sicht anzunähern, mehr als eine Ahnung davon zu erwerben, bedeutet einen enormen Zuwachs an eigener Freiheit und an Achtung für den andern.

Diese Qualifikationen aber werden auch im nicht sprachgebundenen Verkehr benötigt. Sie sind die Grundlage der Koexistenz – und des gegenseitigen Verständnisses – der Verschiedenen. Wer ein andere Sprache kann, lernt zugleich, was in ihr nicht, oder nur ganz anders geht. Dabei begegnen ihm seine eigenen Grenzen, und indem er sie wahrnimmt, überschreitet er sie auch, aber im gastlichen Sinn.
Soll Europa ein politisch vereinigter, das heißt: über seine Differenzen verständigter und im Geist der Gastlichkeit verhandlungsfähiger Erdteil werden, müssen seine Bürger mehr als eine Sprache können. Das aber beginnt mit einem liebe- und auch kunstvollen Verhältnis zu ihrer eigenen, der Bereitschaft, im vermeintlich Eigensten viel zu entdecken, was teilbar und mitteilbar ist; was man, um es zu besitzen, selbst immer wieder erwerben muss. Es ist dieser geprüfte Eigensinn, der bündnisfähig macht.
Europa hat zu seinen Sprachen nicht nur ein zielgerichtetes und zweckorientiertes, sondern ein Liebhaberverhältnis nötig, das dem Geschenk seiner Vielsprachigkeit entspricht. Diese als Verkehrshindernis zu betrachten, wäre barbarisch; es brächte Europa gründlicher um seine Substanz als jede ökonomische Krise. Wohl aber böte die gelebte Sprachenvielfalt das einzige Mittel, diese gegebenenfalls aufzufangen. Denn Europa ist nicht nur mehr, es ist etwas wesentlich anderes als ein Wirtschaftsraum.

Es müsste also zu den Lebenszielen jedes europäischen Bürgers gehören, nicht nur die „Englisch“ genannte Zweck- und Zielsprache zu beherrschen, sondern nach der eigenen Muttersprache – damit ihre Eigenheit erst zum Vorschein kommt – mindestens zwei andere zu lernen. Dabei soll es nicht darauf ankommen, ob es „große“ Sprachen sind. In einem kulturellen Lernprozess gibt es nichts Kleines. Wer Gebrauchsenglisch kann, muss so frei sein, auch die Sprache von Dickens oder Melville zu erwerben. Ob er sich diesem Ziel durch das Lernen von Französisch, Rumänisch oder Estnisch nähert, ist sekundär; ganz bestimmt wird er sich dabei aber eine Qualifikation ersten Ranges erwerben. Sie besteht darin, sein Vorstellungsvermögen zu wecken, dass das, was für den andern in der Sprache wirklich, auch in der eigenen möglich ist; und dass der andere dabei vielleicht erst recht anders wird, aber in der erfahrenen Fülle seiner Fremde zum guten Bekannten. Denn gerade sie haben wir mit ihm gemeinsam.

Adolf Muschg, Copyright: Raphael Meier Angaben zur Person:
Der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Adolf Muschg wurde 1934 in Zollikon im Kanton Zürich geboren. Er ist Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz sowie der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt. Für seine Werke erhielt er unter anderen den Hermann-Hesse-Preis, den Zürcher Literaturpreis sowie den Georg-Büchner-Preis. Heute lebt Adolf Muschg in Männedorf bei Zürich.

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