Mehrsprachigkeit und Bildung

Früh übt sich: zweisprachige Kindergärten

Erst in der Schule mit der zweiten Sprache anzufangen, ist eindeutig zu spät  Foto: Rich Legg © iStockphotoErst in der Schule mit der zweiten Sprache anzufangen, ist eindeutig zu spät  Foto: Rich Legg © iStockphotoKinder, die mit zwei Sprachen aufwachsen, verfügen über bessere kognitive Fähigkeiten als ihre einsprachigen Altersgenossen. Allerdings sollten sie die Sprachen so früh wie möglich lernen, im Elternhaus oder in einem zweisprachigen Kindergarten.

Dass Kinder mit mehreren Sprachen aufwachsen, ist in den meisten Ländern die Regel – in Deutschland aber eine Ausnahme. Dabei ist wissenschaftlich bewiesen: Zweisprachige Kinder haben bessere kognitive Fähigkeiten. „Sie können Aufgaben, die viel Aufmerksamkeit verlangen, besser lösen, lernen schneller lesen und leichter eine dritte Sprache“, sagt die Sprachwissenschaftlerin Prof. Dr. Claudia Riehl, Leiterin des Zentrums für Sprachenvielfalt und Mehrsprachigkeit an der Universität zu Köln.

Mamasprache und Papasprache

Viele zweisprachige Kindergärten beruhen auf Initiativen von Eltern  Foto: Ling Xia © iStockphotoRiehl plädiert für eine frühe Zweisprachigkeit, wie sie oft in gemischten Ehen gehandhabt wird. Das Kind hört von Anfang an die beiden Muttersprachen der Eltern. Dabei gilt: eine Person, eine Sprache. „Es ist wichtig, dass die Eltern die Sprachen nicht mischen“, sagt Riehl. „Das Kind muss wissen, welche Sprache es mit Mama und welche mit Papa spricht.“ Im Idealfall verfügen die Kinder schließlich über zwei perfekt ausgeprägte Muttersprachen. Doch auch mit drei oder vier Jahren können Kinder noch eine zweite Sprache gut lernen, zum Beispiel in einem zweisprachigen Kindergarten.

Viele solcher Kindergärten beruhen auf Initiativen von Eltern – wie der spanisch-deutsche Kindergarten Treinta Lobitos in Berlin-Prenzlauer Berg, einem Stadtteil, in dem vor allem eine gut ausgebildete Mittelschicht wohnt. Die meisten Kinder kommen aus deutsch-spanischen Familien. Da zu Hause hauptsächlich Deutsch gesprochen wird, soll der Kindergarten dem Nachwuchs die zweite Sprache näher bringen. Die 32 Kinder sind in zwei Gruppen aufgeteilt, jede wird von einer deutsch- und einer spanischsprachigen Erzieherin betreut. Auch hier gilt: eine Person, eine Sprache.

Herkunftssprache und Umgebungssprache

Viele Kinder in Deutschland wachsen ohne jeglichen Kontakt zu Deutsch auf  Foto: Peter Galbraith © iStockphoto„Manche Kinder haben schon einen passiven spanischen Wortschatz, wenn sie mit anderthalb Jahren zu uns kommen“, sagt Erzieherin Maria Torralba. Wann sie allerdings anfangen, selbst zu sprechen, sei individuell. „Wir zwingen die Kinder nicht.“ Manche werden den spanischen Erzieherinnen immer auf Deutsch antworten, andere beginnen nach kurzer Zeit, Spanisch zu sprechen. Untereinander kommunizieren die Kinder auf Deutsch. „Langsam aber immer mehr auf Spanisch“, sagt Torralba. „In letzter Zeit reden die spanischen Elternteile konsequenter Spanisch. Das überträgt sich auf die Kinder.“ Dass einige nie viel Spanisch sprechen werden, findet Maria Torralba nicht schlimm. „Wir wollen ein Interesse für andere Sprachen wecken. Wenn die Kinder schöne Erinnerungen mit Spanisch verbinden, werden sie später auch andere Sprachen und Kulturen besser akzeptieren.“

In Deutschland wachsen viele Kinder mit einer anderen Muttersprache wie Serbisch, Türkisch oder Vietnamesisch auf, ohne jeglichen Kontakt zu Deutsch. Bis sie in die Schule kommen. „Erst dann mit der zweiten Sprache anzufangen, ist eindeutig zu spät“, sagt Claudia Riehl. „Die Kinder können ihre Muttersprache nicht richtig und Deutsch gar nicht.“ Das führe zu doppelter Halbsprachigkeit. Diese Kinder bräuchten daher eine frühe Förderung. Am besten zweisprachig, so, wie sie der türkisch-deutsche Kindergarten des VAK e. V. in Berlin-Kreuzberg bietet, in einem Stadtteil, in dem 40 Prozent der Einwohner Migranten sind, die Hälfte davon türkischer Herkunft. „Die Kinder kommen mit zwei Jahren zu uns und hatten bis dahin noch keinen Kontakt zu Deutsch“, sagt Edith Giere, eine der Leiterinnen des Kindergartens. Fast alle der 90 Kinder stammen aus türkischen Familien. Mit den Vorteilen von Zweisprachigkeit haben sie sich nie vorher beschäftigt.

Auch die Eltern sind gefragt

Auch eine Bildung in Türkisch ist wichtig für das Deutschlernen der Kinder  Foto: fatihhoca © iStockphotoDie Kinder sind in fünf Gruppen aufgeteilt, jede wird von einer türkischen und einer deutschen Erzieherin betreut. Die Kinder werden nicht wie in einem normalen Kindergarten schlagartig mit Deutsch konfrontiert, sondern behutsam an die neue Sprache herangeführt. Auch die deutschen Erzieherinnen verstehen Türkisch und können auf die Kinder eingehen. Das tun sie aber auf Deutsch. „Anfangs verstehen die Kinder sie zwar nicht, doch in diesem Alter ist es sowieso wichtiger, wie man mit einem Kind spricht“, sagt Nurgün Karhan, die zusammen mit Edith Giere den Kindergarten leitet. Für sie hat das Erlernen einer Sprache viel mit Sympathie und Anerkennung zu tun, ist ein Prozess, bei dem die Eltern mit einbezogen werden. Auf Türkisch. „Das schafft Vertrauen bei den Eltern“, sagt Edith Giere. „Und die Kinder sehen, dass ihre Muttersprache akzeptiert wird.“ Das baut Selbstvertrauen auf und fördert den Spracherwerb.

Wie gut sie letztendlich Deutsch lernen, hängt stark von ihren Eltern ab: Fördern die ihre Kinder auch in Türkisch, lernen diese schneller Deutsch. „Leider tun das aber die wenigsten“, sagt Karhan. Also bemühen sich die Erzieherinnen, den Eltern beizubringen, dass auch eine Bildung in Türkisch wichtig für das Deutschlernen der Kinder ist. Genauso wie der Kontakt zur deutschen Umgebung. Auf den legen die Erzieherinnen des Kindergartens ganz besonderen Wert: Besuche im Schwimmbad, in der Musikschule oder in der Bibliothek sind an der Tagesordnung. Seit 25 Jahren. Mit Erfolg. „Obwohl fast alle Kinder türkisch sind, reden sie mit fünf Jahren auch untereinander Deutsch“, sagt Nurgün Karhan. „Mit sechs Jahren sprechen alle Kinder gut Deutsch und sind fit für die Schule.“

Katja Hanke
ist Sprachwissenschaftlerin und freie Journalistin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
November 2009

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