Mehrsprachigkeit und Bildung

Sprachen im Kontakt – Forscher diskutieren in Greifswald

Dr. Srichomthong aus Thailand bei der Tagung in Greifswald.  Foto: © Lehrstuhl für Englische SprachwissenschaftDr. Srichomthong aus Thailand bei der Tagung in Greifswald.  Foto: © Lehrstuhl für Englische SprachwissenschaftWelche Rolle spielen Mehrsprachigkeit und Sprachkontakt heute für die natürliche und multimediale Kommunikation? Auf der Konferenz „Sprachkontakte im Zeitalter der Globalisierung“ wurden solche Fragen von rund 70 Wissenschaftlern diskutiert.

Immer mehr Menschen lernen fremde Sprachen – und zwar nicht nur weil diese Sprachen in ihrer unmittelbaren Umgebung gesprochen werden, sondern auch weil sie beruflich, akademisch oder touristisch in der Welt unterwegs sind, aus Gründen der Migration auf eine andere Sprache angewiesen sind oder die sozialen Netzwerke im Internet erkunden wollen. Für den amerikanischen Sprachwissenschaftler Dennis Preston sind dies einige der Gründe, warum gerade in Zeiten der Globalisierung Sprachen immer häufiger miteinander in Kontakt kommen, obwohl Sprachkontakte per se in allen Jahrhunderten zu beobachten sind. In seinem Plenarvortrag gab er eine Einführung in das Rahmenthema der Greifswalder Tagung: Welche Aspekte sind für Sprachwissenschaftler zentral mit Blick auf Mehrsprachigkeit und Sprachkontakt? Und wie denken die Sprecher selbst über solche Phänomene?

In Schule und Medien

Hauptredner Dr. Mark Sebba.  Foto: © Lehrstuhl für Englische Sprachwissenschaft„Gerade in der Sprachkontaktsituation des Deutschen und des Englischen werden in der allgemeinen Wahrnehmung oft Droh- oder Angstszenarien aufgebaut“, weiß die Greifswalder Anglistik-Professorin Amei Koll-Stobbe, die die DFG-geförderte Tagung zusammen mit ihrem Mitarbeiter Sebastian Knospe organisiert hatte. Forschungen hätten dagegen gezeigt, dass das Englische das Deutsche trotz der Übernahme von Anglizismen keinesfalls verdränge. Die Facetten der „Anglisierung“ anderer Sprachen waren aber nur eines von zahlreichen Themen, die auf der Tagung in Greifswald diskutiert wurden: Inwieweit mischen sich heute bei Englisch-Lernern Elemente des britischen und amerikanischen Englischen? Welche Rolle spielt Mehrsprachigkeit in der Musik und in den Medien, in Institutionen und im öffentlichen Leben? Was halten die Sprecher selbst von Mehrsprachigkeit? Welche Rolle kann übersetzte Kinderliteratur für die sprachliche und kulturelle Integration von Menschen mit Migrationshintergrund spielen?

Auch auf der Straße

Organisatorin Professor Dr. Koll-Stobbe.  Foto: © Lehrstuhl für Englische SprachwissenschaftVorgestellt wurde auch eine relativ neue Methode zur Erforschung urbaner Sprachlandschaften: „Bei der Erstellung von sogenannten linguistic landscapes sieht man sich die Informationssetzung über Schriftzeichen im öffentlichen Raum an“, erklärt Professorin Koll-Stobbe. „Also etwa Straßenschilder, Graffitis, Flyer, die in der Stadt verteilt werden und so weiter. So kann man zeigen, welche Sprachen in bestimmten Stadtbezirken an der Oberfläche erscheinen. Daraus kann man wiederum Rückschlüsse auf die gesellschaftliche Stellung und das Prestige dieser Sprachen ziehen.“ In Vilnius wohnen laut Koll-Stobbe beispielsweise viele Russen, aber das Russische tauche im Stadtbild praktisch kaum auf. Stattdessen werde das Deutsche im Baltikum sowie beispielsweise auch in Ungarn als „lingua franca“ wieder bedeutender.

Sprachkontakte aus aller Welt

Das Uni-Hauptgebaeude in Greifswald.  Foto: © Lehrstuhl für Englische SprachwissenschaftObwohl die Tagung vom Greifswalder Lehrstuhl für Englische Sprachwissenschaft organisiert wurde, ging es also keineswegs nur um das Englische: Vertreter der verschiedensten Sprachwissenschaften aus Europa, Afrika, Asien und den USA berichteten in rund fünfzig Vorträgen über so unterschiedliche Sprachen wie das Neugriechische und das Ukrainische, das Schweizerdeutsche und das Finnische, Mischsprachen in Indien und die Sprachen der australischen Aborigines. „Die Universität Greifswald liegt an der Schnittstelle zwischen dem alten und dem neuen Europa, also in einem multilingualen Raum. Deshalb haben wir einen Schwerpunkt in der Sprachkontaktforschung“, erklärt Professorin Koll-Stobbe, warum sie Dialektologen, Soziolinguisten und Kontaktlinguisten aus verschiedenen Fachgebieten eingeladen hat. Aufgrund des Verdrängungswettbewerbs an den Universitäten seien die Philologien heute zudem darauf angewiesen, ihre Ressourcen zu bündeln und gemeinsame Forschungs- und Lehrprogramme zu entwickeln.

Die Tagung bot dahingehend zahlreiche Impulse, wie der Greifswalder Anglist Sebastian Knospe resümiert, der selbst eine Sektion zu den kreativen Potenzialen von Mehrsprachigkeit geleitet hat. Der Zürcher Germanist Jürgen Spitzmüller wiederum hat zu Anglizismen im Deutschen geforscht. Er empfand es als positive Überraschung, dass es auf der Greifswalder Tagung keinesfalls nur um „die Frage des Global English“ ging: „Die Tagung hat gezeigt, dass Sprachkontakt auf verschiedenen Ebenen stattfindet. Das hat mir gut gefallen.“

Janna Degener
arbeitet als freie Journalistin in Köln.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Dezember 2011

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