Mehrsprachigkeit und Bildung

EuroComGerm – ein schneller Weg zum Leseverständnis

EuroComGerm zielt darauf ab, verwandte Sprachen sehr schnell zu lernen.  Foto: © EuroComEuroComGerm zielt darauf ab, verwandte Sprachen sehr schnell zu lernen.  Foto: © EuroComIm Projekt EuroComGerm hat eine Forschergruppe eine Anleitung zum schnellen Leseverstehen für germanische Sprachen erarbeitet. Projektleiterin Prof. Dr. Britta Hufeisen von der TU Darmstadt erläutert, wie man vorhandenes Sprachwissen nutzt.

Frau Hufeisen, können Sie kurz umreißen, was das Ziel des Projekts EuroComGerm ist?

EuroComGerm ist eine aus Deutschland gestartete Initiative, die darauf abzielt, verwandte Sprachen einer Familie lesetechnisch sehr schnell zu lernen. Wir sind denkerisch davon ausgegangen, dass die Menschen, die in Deutschland leben, fast alle Englisch als erste Fremdsprache lernen. Und damit sind sie schon auf halbem Wege zum Beispiel zu Niederländisch, Schwedisch oder Dänisch. Salopp ausgedrückt lautet unser Ansatz: Guckt mal, Leute, was ihr schon an Fremdsprachen im Kopf habt und wie ihr das, was ihr bereits wisst – ohne aufwendigen Fremdsprachenunterricht – nutzen könnt. Dann braucht ihr nur ein paar Strategien und Techniken, um euch in das Leseverständnis verwandter Sprachen einzuarbeiten.

Wie ist die Idee dazu entstanden?

Wer Englisch spricht, ist schon auf halbem Weg zu Niederländisch, Schwedisch oder Dänisch.  Foto: diego cervo © iStockphotoDie Idee dahinter kommt von den Romanistikkollegen Horst Klein und Tilmann Stegmann von der Universität Frankfurt. Sie haben im Projekt EuroComRom bereits Ende der 1990er-Jahre Techniken entwickelt, wie man Paralleltexte in sechs Sprachen mithilfe der Brückensprache Französisch sehr schnell erschließen kann. Mittlerweile gibt es Projekte zu zwei weiteren Sprachfamilien: EuroComSlav für die Slawischen Sprachen und eben EuroComGerm für die germanischen Sprachen.

Funktioniert das denn für alle Sprachen ähnlich?

Das Grundprinzip schon. Allerdings stellt sich die Sachlage im Detail für die verschiedenen Sprachfamilien unterschiedlich dar. Bei uns kommt etwa die Besonderheit hinzu, dass auch die Muttersprache Deutsch bereits eine germanische Sprache ist. Und auf dem Weg zum Dänischen etwa ist dann die Brückensprache Englisch gar nicht immer hilfreich, sondern es ist sehr viel einfacher, direkt vom Deutschen zum Dänischen zu gehen.

Wie sehen die Erschließungstechniken aus?

Wir haben sieben Techniken beschrieben, die helfen, Texte einer germanischen Sprache lesetechnisch zu erschließen. Unsere sogenannten sieben Siebe sind dabei etwas anders organisiert als in EuroComRom. Sie reichen von Internationalismen und gemeinsamem germanischen Wortschatz über Funktionswörter wie Pronomen und Präpositionen sowie Laut- und Graphementsprechungen bis hin zu syntaktischen Strukturen.

Wie ist der Stand des Projekts?

Das Buch „EuroComGerm – Die sieben Siebe. Germanische Sprachen lesen lernen“  Foto: © Shaker VerlagWir arbeiten zurzeit an der zweiten Auflage unseres Bandes EuroComGerm – Die sieben Siebe. Germanische Sprachen lesen lernen, in dem wir das Verfahren für Niederländisch, Schwedisch, Dänisch, die beiden Norwegischvarianten und Isländisch beschrieben haben. Parallel schreiben wir an einem zweiten Band, in dem das Verfahren auf sogenannte kleinere Sprachen wie zum Beispiel Luxemburgisch und Färöisch angewendet wird.

Wie wird mit dem ersten Band gearbeitet?

Wir bieten zum Beispiel Kurse hier an der Uni in Darmstadt an. Dabei zeigt sich, dass die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Interesse an einer bestimmten Sprache kommen. Die wenigsten möchten diese tolle Technik für alle germanischen Sprachen nutzen. Darüber hinaus gibt es Schulen, die regelmäßig mit dem Material arbeiten – etwa in Projektwochen – und gute Erfahrungen damit machen. Die Schülerinnen und Schüler werden neugierig auf effektive, zeitsparende Techniken und erhöhen allgemein ihr Bewusstsein für Sprachstrukturen.

Gibt es auf dem Gebiet noch offene Fragen?

Oh, ja! Wir versuchen weiterhin durch eine wissenschaftliche Betrachtung herauszufinden, warum das Konzept überhaupt so gut funktioniert. Es entsteht etwa gerade eine Dissertation, die sich mit der Frage beschäftigt, wie relevant das Niveau in der Brückensprache ist. Muss man unheimlich viel Englisch können, um mit von den sieben Sieben für die anderen Zielsprachen gut zu profitieren? Oder ist es vor allem das Wissen um bestimmte Lernstrategien, das zum Erfolg führt?

Wir wissen, dass die Sprachen im Kopf alle vernetzt sind.  Foto: Anthia Cumming © iStockphotoSpannend wäre auch zu erfahren, warum es für alle Testpersonen – egal, in welcher Region sie in Deutschland leben – mit Abstand am einfachsten ist, einen niederländischen Text zu erschließen. Isländisch hingegen fällt allen am schwersten. Wir wollen generell noch mehr über das Sprachenlernen herausbekommen. Wir wissen, dass die Sprachen im Kopf alle vernetzt sind. Wir möchten aber noch besser nachverfolgen können, wie diese Vernetzung funktioniert und wie wir sie selbst knüpfen können.

Sollte das dann nicht auch Folgen dafür haben, in welcher Reihenfolge Fremdsprachen an Schulen gelernt werden?

Das wäre natürlich sinnvoll. Politisch scheint im Moment jedoch nichts anderes durchsetzbar zu sein, als möglichst früh mit Englisch anzufangen. Auch wenn das nach wissenschaftlichen Erkenntnissen keineswegs sinnvoll ist.

Die Strategien für das Leseverstehen, die in EuroComGerm vermittelt werden, machen das intelligente Raten zur Methode und laden ein, Fehler neu zu bewerten …

Ja. Fehler sind meist unheimlich produktiv. Wenn ein Kind sagt: „Ich gehte nach Hause“ zeigt es vor allem, dass es verstanden hat, wie Vergangenheitsformen gebildet werden. Dass es dabei ein starkes Verb schwach flektiert hat, ist erstmal völlig nebensächlich. Intelligentes Raten und Detektivspielen kommt bei Lernerinnen und Lernern in der Regel gut an; dazu gibt es im Fremdsprachenunterricht aber leider zu selten die Gelegenheit.

Literatur:

Britta Hufeisen, Nicole Marx (Hrsg.):
EuroComGerm – Die sieben Siebe. Germanische Sprachen lesen lernen (Shaker Verlag, 2007)

Dagmar Giersberg
führte das Gespräch. Sie arbeitet als freie Publizistin in Bonn.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
April 2012

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