Mehrsprachigkeit und Künste

Einführung in den Themenschwerpunkt

„Mehrsprachigkeit und Künste“

Inhaltliche Kommunikation verweist primär auf den informationsrelevanten Anteil der Sprache. Dies ist aber nicht ihr einzig bedeutender Aspekt. Der berühmte japanische Schauspieler Yoshi Oida erinnert sich an die intensive Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Sprachen bei der Theaterarbeit mit Peter Brook: „Die Arbeit an Orghast im Jahre 1971 ließ uns begreifen, dass es drei Aspekte der Sprache gibt.

Erstens: die Musikalität. Zweitens: den Austausch von Informationen. Drittens: die magische Energie wie bei einem Mantra. Wenn ich meine Muttersprache spreche, vergesse ich manchmal ihre Musikalität und ihre Energie. In einer Fremdsprache hingegen achte ich viel mehr auf diese beiden Aspekte. In unserer Arbeit versuchen wir, die Beschränkung der Sprache auf einen geistigen und intellektuellen Austausch von Informationen aufzulösen. Wenn die Sprache voller Energie ist, wird auch das Theater reicher.“ (in: Olivier Ortolani, Regie im Theater: Peter Brook, Frankfurt 1988, S. 71.). So war das experimentelle Ensemble aus Künstlern verschiedener Länder und Erdteile zusammengesetzt, um aus den, in diesem Fall vor allem sprachlichen, Reibungspunkten einen Erkenntnisgewinn zu ziehen, der in viele der Brook'schen Produktionen eingeflossen ist.

Unwiederbringliches Gedächtnis ihres Kulturkreises

Die von Oida genannte „Magische Energie“ führt uns zu einer weiteren Eigenschaft der Sprache: sie ist, jede für sich, ein unwiederbringliches Gedächtnis ihres Kulturkreises. In Struktur, Stilistik, Vokabular und Klangfarbe spiegelt sich die kulturelle Entwicklung von Jahrhunderten wieder. Dies findet seinen Ausdruck in der künstlerischen Umsetzung. Für Menschen, die der jeweiligen Sprache nicht mächtig sind, bleibt das hilfreiche Mittel der Übersetzung, das aber immer nur eine Verständnis-Krücke sein kann. Literaturfestivals tragen dem Rechnung, indem sie bei Lesungen – sei es Prosa oder Lyrik – immer Originalsprache und Übersetzung koppeln. So entsteht ein polyfones Sprachkonzert, und beim Zuhörer erwächst der Wunsch, auch der exotischsten Sprache mächtig zu sein, um die in ihr verborgene kulturelle Eigenart zu erfassen. In Großstädten, die aufgrund vielschichtiger Migrationsbewegungen zunehmend ein Publikum aufweisen, welches mehrere Sprachen beherrscht, etablierte sich in den letzten Jahren ein Genre, das die Übersetzung als Verständigungshilfe verächtlich links liegen lässt: die Slam-Poetry. Text und Vortrag verschmelzen hier zu einer Einheit, die auf dem spezifischen Sprachklang der Originalsprache aufbaut. So reihen sich an einem Abend häufig Vorträge unterschiedlicher Sprachen aneinander, und das Publikum genießt – mal mehr, mal weniger verstehend. (2006 ist unter dem Titel Europe Speaks eine CD erschienen, die das wunderbar dokumentiert. Vertreten sind neben Michael Lentz, Gabriel Vetter, Jürg Halter, Bas Böttcher, Timo Brunke und anderen deutschsprachigen Protagonisten der Szene auch Emil Jensen (Schweden), De Woorddansers (NL), Etrit Hasler (CH), Lello Voce (I), Nii Parkes (GB), Ryan Mergen (CZ), Pilote Le Hot (F), Lemn Sissay (GB), Michael Lee Burgess, Henry Bowers (Schweden), Göldin (CH), Ross Sutherland (GB), Antoine Faure (F), Sara Ventroni (I) und Kat Francois (GB).)

Eine der ältesten Metaphern zur Sprachenvielfalt ist der Turmbau zu Babel: Kommunikationsunfähigkeit durch sprachliche Trennung als kollektive Bestrafung. Gott versucht, die Gemeinschaft an ihrem empfindlichsten Punkt zu treffen, der Möglichkeit zur gegenseitigen Verständigung. Dieses Bild ist uns nicht nur aus der Bibel bekannt, es hat seine Berühmtheit auch dadurch erlangt, dass es unzählige Male in Kunstwerken aller Genres thematisiert oder zitiert wurde, wie beispielsweise in dem Gemälde von Pieter Brueghel der Ältere aus dem Jahr 1563. 2007 hat der Film Babel von Alejandro Gonzales Inarritú mit Brad Pitt und Cate Blanchett Aufsehen erregt.

Babylonische Verunsicherung

Die Fähigkeit zur Kommunikation ist eine essenzielle Eigenschaft für menschliche Gemeinschaften. Diese Bedeutung nimmt durch die Globalisierung zu, weil sie vermehrt Kommunikation nicht nur in, sondern zwischen Gemeinschaften erfordert. In gleichem Maße steigt die babylonische Verunsicherung, die Angst vor Kommunikationsverlust und Kommunikationsunfähigkeit. Dieses gerade auch für unsere Gesellschaft so wesentliche Phänomen wird in künstlerischen Arbeiten immer wieder thematisiert und dabei häufig auf Sprachenvielfalt als Kommunikationsbarriere durch Sprachenunkenntnis zurückgegriffen. So beispielsweise in Constanze Macras’ Tanztheater-Produktion Big in Bombay (Berlin 2005), die ihre Figuren, verkörpert durch Tänzer unterschiedlichster Herkunft, babylonisch aneinander vorbei reden lässt.

Das Goethe-Institut setzt sich jenseits seines Engagements im Bereich des Spracherwerbs wesentlich für die Kulturbegegnung und die Förderung der Künste ein. Wie sehr diese Bereiche in einer Wechselbeziehung zueinander stehen, kann das Projekt „Sprachen ohne Grenzen“ exemplarisch zeigen. In der Kunst lassen sich experimentelle Räume für die kreative Erforschung der Vielfalt der Sprachen öffnen und ihre rationale Erkundung durch die Erfahrung ihrer emotionalen Gültigkeit erweitern.

Dr. Carola Dürr

    Migration und Integration

    Migration verändert Kulturen. Das Goethe-Institut reflektiert diese Entwicklungen in Deutschland und weltweit und engagiert sich bei der sprachlichen Integration von Zuwanderinnen und Zuwanderern.